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Just als das letzte Kirchenlied der Geburtstagsmesse für den Kleingartenverein Nestroystraße verklungen ist, als der Priester die Stola ablegt, als die Klarinettisten und Trompeter ihre Instrumente ausklopfen und die in feierliche Tracht gehüllten Schrebergärtner sich vor dem Festzelt die Füße vertreten, erscheint jener Wahlkämpfer, der alle Kämpfe hinter sich hat.

Zunächst fällt er gar nicht auf, denn er ist ganz allein, ohne Entourage, ohne Presserudel und ohne die übliche Bugwelle der Hektik, die dem Volksvertreter in Wahlzeiten vorausschwappt. Wie ein Privatmann, wie einer der Ihren, schlendert der Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler unter den Kleingärtnern umher, schüttelt ein paar Hände und macht dann alleine eine Ortsbegehung durch die gepflegte Anlage, die gerade 90 Jahre alt wurde. Gauweiler kennt die Schrebergärten noch aus der Kinderzeit, hier in München-Süd ist er aufgewachsen, hier hat er das evangelische Sonntagsblatt ausgetragen und das Ludwigsgymnasium besucht. Hier ist er daheim. Und hier ist jetzt sein Wahlkreis.

n grüßen sieht, in den achtziger Jahren eine Art Gottseibeiuns war, Hassgestalt der Münchner Jugend. Ein radikaler Rechter in der bayerischen CSU, der als Staatssekretär im Innenministerium für undurchlässige Ausländerpolitik sorgte, über drakonische Maßnahmen gegen Aids-Infizierte räsonierte und Wasserwerfer losließ auf Studenten, die etwas gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf hatten. Ein Grabenaufreißer und Händelsucher, der die ihm eigene Schlagfertigkeit und Argumentationsstärke gern zum Niedermachen – vorzugsweise der liberalen und linken bayerischen Minderheit – einsetzte und den die Landeskinder seiner Haarfarbe und seiner Gesinnung wegen bloß den »schwarzen Peter« hießen.

Kaum zu glauben, dass dieser entspannte Herr, den man da über Hecken und Blumenrabatten hinweg in die Laube

Heute ist an Gauweiler nichts Schwarzes mehr. Haar und Schnauzer sind weiß, die Trachtenjacke ist braun gestreift, die Hose hell. In

der CSU ist er immer noch, aber die Partei schiebt sich in seiner Gegenwart in den Hintergrund und krümmt sich zu einer Art altbayerischer Bauerntheaterkulisse, vor der Peter Gauweiler längst eigene, gescheite und unangepasste Texte vorträgt. »Jeder Mensch hat eine rechte und eine linke Herzkammer und eine rechte und linke Gehirnhälfte«, sag

t er zum Beispiel im Nestroygarten, als er auf seine fast freundschaftlichen Diskussionsauftritte mit Oskar Lafontaine angesprochen wird. »Heute kann man nicht mehr nur links sein oder nur rechts. Man muss die andere Seite ernst nehmen und mitdenken. Oder wie Sigmund Freud es sagt: Aussprechen heilt.«