FDP Ganz der NeueSeite 5/5

"Wenn du selbst auf die 50 zugehst, dann siehst du plötzlich die 50-Jährigen neben dir, die ohne eigenes Verschulden alles verloren haben – Arbeit, Vorsorge, Lebenszuversicht –, mit anderen Augen." Er sagt, er kenne etliche solcher Leute. Als ehemaliger Realschüler habe er nun einmal keinen rein akademischen Bekanntenkreis.

Wie dem auch sei, es quietscht nicht mehr, wenn Guido Westerwelle kommt. Sandte er einst Signale an alle, die Spaß und schnelles Geld wollten und Deutschland doof und langsam fanden, so krempelt er heute am Rednerpult die Hemdsärmel hoch und stellt eine Hüpfburg neben jede seiner Bühnen. Das Erste sagt dem hart arbeitenden Handwerker vor Ort: Ich kenne deine Sorgen. Das andere sagt den Familien: Ich habe ein Herz für euch.

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Eigentlich verrückt, dass eine klassische Mittelstandspartei das alles neu einüben muss. Es hat mit der selbst gewählten Entfremdung des deutschen Liberalismus zu tun, denn ein paar Überflieger machen kein Milieu, und das Guidomobil ist keine Heimat.

Westerwelle gibt sich viel Mühe, seine FDP ins Reich der Wirklichkeit zurückzuführen, ins eigene Land, wie es ist.

Wieder geht das Telefon, ein Anruf aus Chemnitz: "Die Hütte ist voll." 1000 Leute im Saal. Doppelt so viele wie in Gera. Eine Zahl, die Westerwelle beflügelt. Der Wagen fährt in die Tiefgarage unter dem Veranstaltungszentrum Roter Turm. Westerwelle stürmt los, in den Aufzug, auf die Bühne. An diesem Abend wird seine Rede mehr als ordentlich sein.

 
Leser-Kommentare
    • Slink
    • 06.09.2009 um 17:32 Uhr

    Herr Westerwelle hat sich inhaltlich nicht geändert, sein populistisches Credo "Steuern runter" wächst einem langsam zu den Ohren raus. Sicher, er versucht es jetzt geschickter zu verpacken, mehr "Netto vom Brutto" soll den kleinen Mann ansprechen..., nur - wer soll ihm die plötzliche Fürsorge für den Kleinverdiener plötzlich zutrauen, wo er doch stets Sprachrohr für die Oberschicht gespielt hat, selbst ein typischer Vertreter der Unternehmensberater-Clique ist? Ihm geht es wirklich nur um Macht - und das spüren viele Menschen im Westen. Wie im Artikel gesagt, fehlt ihm tatsächlich der Draht zum Volk, und nur weil die Menschen im Osten noch relativ weniger Wahlkampf-Dampfgeplaudere gewohnt sind, fallen sie leichter auf dieses Kasperltheater herein.
    Die gute Nachricht ist: der Stimmengewinn der FDP geht auf Kosten des bürgerlich-konservativen Lagers der CDU/CSU und führt im Ergebnis höchstens wieder zu einer großen Koalition, mit verantwortungsFreienDemokraten. Guido hat euch lieb!

    • Hugo_P
    • 06.09.2009 um 19:58 Uhr

    Falls mir mal jemand von dem Verein die höhere Un-Logik erklären kann, wie der Faulheit und Schwarzarbeit seitens uns ALGII-Beziehern in einem Satz unterbringt ohne ein großes Fragezeichen beim Leser/Höhrer zu hinterlassen, hm, ja, da werd ich wohl FDP wählen *loool*...

  1. "Wenn du selbst auf die 50 zugehst, dann siehst du plötzlich die 50-Jährigen neben dir, die ohne eigenes Verschulden alles verloren haben – Arbeit, Vorsorge, Lebenszuversicht –, mit anderen Augen."

    Wenn man so gefühlvolle Anwandlungen bekommt, sollte man darüber nachdenken, ob die Flexibilisierung des Kündigungsschutzes und Rente mit 67 wirklich die politisch richtigen Konzept sind.

    Insgesamt ein vortrefflich geschriebenes Portrait, das Westerwelle hinter die Maske schaut, ohne allzu unsachlich zwischen die Zeilen zu schreiben. Leider Gottes hat die FDP ungeheuren Zulauf gerade bei jungen Menschen. Meiner Ansicht nach sollte das mal Gegenstand einer soziologischen Studie sein - warum welche Mitglieder meiner Generation wirtschaftsliberalen politischen Inhalten den Vorzug geben, sähe ich gern mal wissenschaftlich analysiert (etwa im Sinne Pierre Bourdieus und seiner beispielhaften Untersuchung "Die feinen Unterschiede").

  2. Die FDP setzt ihren Schwerpunkt ja auf die Steuerpolitik.
    Gerade die drei tollen Steuersätze 10%,25%,35% sind aber noch viel ungerechter bei Gehaltserhöhungen als die bisherigen Progressionstabellen.
    Man stelle sich mal vor ein Arbeitnehmer bekommt 19000 Euro und muss diese zu 10% versteuern. Dann hätte er 17100 Euro Netto. Jetzt bekommt er eine Gehaltserhöhung von 1500 Euro (2500 Euro Brutto) und rutscht in den 25% Steuerbereich und hat auf einmal nur noch 15375 Euro Netto. Selbiges gilt natürlich auch beim Übergang von 25% auf 35%.

    Damit würde eine drei Klassen Lohnstruktur zementiert. Ein Arbeitgeber müsste eine Lohnerhöhung von 4000Euro gewähren, damit sein Angestellter 150 Euro Netto mehr pro Jahr bekommt!

    Dazu will die FDP das Bankgeheimnis wieder einführen und auch sonst die Steuern für Unternehmen und Reiche weiter senken. Wie kann es sein, dass diese Partei so populär ist? Für einen Arbeitnehmer der zunehmend die Last der Sozialversicherungen und der Steuern trägt ist das alles Gift für sein Nettoeinkommen.

    • PW
    • 07.09.2009 um 9:43 Uhr

    Das ist ein Irrtum. Wenn Sie bis 20.000 Euro 10% zahlen und darüber 25%, dann zahlen Sie bei 24 000 Euro 2000 Euro Steuern für die ersten 20 000 und dann noch einmal 1000 Euro (für die nächsten 4.000 Euro. 25% der 4000€ über 20.000). Wer 20 000 verdient, hat dann 18000 netto, wer 24.000 verdient kommt auf 23 000 netto.

  3. In Abwandlung eines Heine-Zitats muß ich formulieren: Denk ich an Westerwelle in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht. Dieser neoliberale Unsinn und Quatsch, den die FDP dem Wahlvolk anbietet, ist gefährlich und wird keinesfalls Deutschland aus einer tiefen wirtschaftlichen Krise heraus führen. Bedenken habe ich auch bei den naßforschen Parolen der SPD. Sie ist vehement gegen schwarz/gelb und möchte die Führungsrolle im Staat übernehmen. Aber wie soll ihr das gelingen ? Eine eigene Mehrheit ist ausgeschlossen. Rot-grün reicht nicht aus und das sie DIE LINKE noch verteufelt (das kann sich aber schnell ändern, dafür sind die Sozis bekannt), bleibt denn nur noch die FDP als dritte Kraft übrig. Das alles wird, so ist meine Vermutung, nicht passieren. Die ungebliebte Kuscheltour CDU/CSU/SPD wird wohl eine Fortsetzung finden. Warum eigentlich nicht ?

  4. Vielleicht, weil die mal eine Regierung wuenschenswert waere, die nicht von CDU oder SPD dominiert wird.
    Die Ampel waere da die einzige Moeglichkeit.

    Allerdings waeren vier weitere Jahre grosse Koalition vielleicht nicht so schlecht, das wuerde wahrscheinlich der Polularitaet von CDU und SPD noch weiter schaden und in 4 Jahren haetten wir im Parlament endlich ausgelichene Verhaeltnisse. Also keine Partei mehr ueber 30%, dazu noch die Piratenpartei mit >5%.
    Das wuerde vielleicht den Fraktionszwang etwas aufloesen und zur staerkeren inhaltlichen Diskussion zwingen.

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