DIE ZEIT:  Sie haben Ihren Roman über Buenos Aires in einem ungewöhnlich experimentierfreudigen Deutsch geschrieben. Sagen Sie: Ist die deutsche Sprache eine Hausfrau?

Maria Cecilia Barbetta: Eine Hausfrau?! Dieser Einfall hätte André Breton sicherlich begeistert, Herr Willemsen! Ihre Frage umgibt die Aura einer surrealen Assoziation, und ich unterstelle Ihnen einfach mal eine ganze Poetik, die darin besteht, dass man Rationales, Kausales ausblendet, Voraussehbares umschifft, um sich von einer wilden Bilderflut treiben zu lassen.

ZEIT:  Sie wollen sagen, meine Frage sei surreal?

Barbetta: Den Geist der Surrealisten charakterisiert ja die Einladung, anders zu sehen und anders zu denken. In diesem Geiste assoziiere ich Ihre Frage weiter: Die deutsche Sprache ist eine Hausfrau, der eines Tages die Decke auf den Kopf fällt. Die eigenen vier Wände kommen ihr eng vor; den Alltag empfindet sie als so erdrückend, dass sie sich dazu entschließt, auszubrechen und ins Freie zu treten.

ZEIT:  Um was zu werden?

Barbetta: Eine Hausfrau, die mithilfe einer überdimensionalen Blume reihenweise die Fensterscheiben geparkter Autos zertrümmert, wie es die Videokünstlerin Pipilotti Rist in einem ihrer Filme zeigt. Die Frau lächelt unbeschwert und wird sogar von einer Polizistin freundlich gegrüßt. Und wir? Wir lächeln auch, wir feiern die Befreiung aus den Konventionen, die Zerstörung im Dienst einer neuen Ordnung, kurz und gut, nichts anderes als den Aufstand der deutschen Sprache. Hätten Sie Derartiges jemals einer Hausfrau zugetraut?

ZEIT:  Ihr nicht. Ihnen schon. Aber sagen Sie: Was haben Sie gewonnen, als Sie Ihre fabelhafte Heimat Buenos Aires gerade durch die Augen dieser Hausfrau sahen?