Afghanistan Deutschlands Krieg

Die Bundeswehr muss in Afghanistan bleiben. Aber wie soll sie den Kampf gegen die Taliban führen? Und wie lange noch?

Das Flusstal, in dem die Tanklaster-Katastrophe geschah, Provinz Kundus

Das Flusstal, in dem die Tanklaster-Katastrophe geschah, Provinz Kundus

Fangen wir von hinten an, beim »Warum«. Selbst Oskar »Sofort raus« Lafontaine kann die schlichten Wahrheiten nicht zerlegen, die den Einsatz in Afghanistan begründen. Die Taliban hatten ihr Land an die Qaida vermietet. Von dort kam der Terror, lange vor »9/11«. Er darf das Unglücksland nicht erneut pachten, dann die Tentakel nach Pakistan ausstrecken, wo sich Polit-Pathologie und Bombe zum gefährlichsten Gebräu auf Erden vermengen. Es ist besser, den Terror an seiner Quelle zu bekämpfen; Peter Struck hatte recht mit der Hindelang-Hindukusch-Verkettung. Und wenn Abzug und Chaos die Nachbarn – Russland, Iran, Indien – zum Eingreifen animieren? Es gilt auch das Abschreckungsprinzip. Dies ist kein »Kampf der Kulturen«, wie Lafontaine wähnt, sondern eine Machtprobe, die der Terror nicht gewinnen darf. Denn Siege schärfen den Appetit.

Das sind kalte realpolitische Interessen, die die Seele aufrauen, aber sie sind nicht falsch. Nur haben die Deutschen bis Freitag geglaubt, sich als Brunnenbauer im ruhigen Norden den moralischen Kosten des Krieges (ja, es ist Krieg) entziehen zu können. Eine »gute« Seite aber hat die Tanklaster-Tragödie doch: Der Selbstbetrug ist geplatzt, die Nation muss sich ehrlich machen. Was sind uns legitime Interessen wert – an Blut und Gut, dem eigenen, aber auch dem unserer Schutzbefohlenen? Wie lange halten wir es durch? Wie wahrscheinlich ist der Erfolg?

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Zum Ehrlichmachen gehörte die überfällige Bundestagsdebatte am Dienstag, die im Zeitalter des Ungefähren (nichts sagen, was Stimmen kosten könnte) zur Sternstunde geriet. Sie haben alle ernsthaft, durchdacht und demagogiegebremst geredet: Merkel, Steinmeier, Westerwelle, selbst Lafontaine. Machen Sie es zur Routine, möchte man ihnen zurufen, dann wird »Politikverdrossenheit« zum Unwort.

Doch ist die Antwort auf das »Warum?« der leichteste Teil. Entscheidend in Interventionskriegen des 21. Jahrhunderts sind das »Wie?« und das »Wie lange?«. Churchills Spruch gilt nur noch für den reinen Verteidigungskrieg: »Wir werden an den Stränden gegen sie kämpfen, in den Feldern, Bergen und Straßen und werden nie aufgeben.« Ohne Wenn und Aber.

In Kriegen wie Afghanistan ist nichts klar: weder die Front (es gibt keine) noch der Feind (er trägt keine Uniform und versteckt sich hinter Zivilisten), noch der Auftrag (Aufbauhilfe, Polizistenausbildung, Töten?), noch das Ende (wann ist es genug?). Hinzu kommt die Sensibilität der Demokraten, die nach dem Luftangriff Unbehagen, ja Abscheu zeugte: Jeder Tote zählt, ob der eigene Soldat oder der andere.

Gute Absichten, böse Folgen; das ist das mörderische Dilemma aller demokratischen Kriegführung, das die Taliban bedenkenlos nutzen: Im Krieg der Bilder ist ein toter Zivilist in ihrem zynischen Kalkül so gut wie ein toter Nato-Soldat. Für die Gegner des Einsatzes ist die Sache einfach: Wer nicht kämpft, bleibt sauber, also raus! Wirklich? Keiner hat die Qual besser umrissen als Merkel: »Die Folgen von Nichthandeln werden uns genauso zugerechnet wie die Folgen des Handelns.« Steinmeier sekundiert: »Wir sind nicht kopflos hineingestolpert, deswegen dürfen wir jetzt nicht kopflos hinausstolpern.«

Richtig, aber wie weiter, wie lange noch? Auf der taktischen Ebene ist die Antwort abermals einfach: Wo sich Kämpfer und Zivile mischen, ist selbst eine Präzisionsbombe wie die GBU-38 verheerend; also »Nein!«. An die amerikanischen Freunde, deren Piloten in den F-15 bei der diffusen nächtlichen Gefechtslage hätten abdrehen können: Bitte etwas weniger Hohn im Nachhinein. Wie heißt es doch in der Direktive des Isaf-Chefs McChrystal? Der taktische Gewinn sei abzuwägen gegen die »Kosten ziviler Opfer«.

Auf der operativen Ebene: Skepsis verdienen die Parolen, wonach der Krieg nicht zu gewinnen sei. Erstens weil die Hiobsbotschaften der US-Generalität den Kongress ermuntern sollen, zusätzlich 40000 Mann für Afghanistan zu gewähren. Zweitens: Wo die Koalitionäre gut vorbereitet in den Kampf zogen, haben sie die Taliban geschlagen.

Wie lange? Trotz Wahlkampf zeugte die Bundestagsdebatte von hohem Realismus. Von den Parteien der Mitte – Union, SPD, FDP –, die vier Fünftel der Wähler vertreten, hat keine weniger als fünf Jahre zu bieten gewagt. Fünf Jahre sind ein faires Angebot an Karsai: weder Blankoscheck noch Pistole auf die Brust. Doch die stumme Botschaft ist klar: Wenn die Afghanen ihr eigenes Land nicht retten wollen, wird der Westen zum Besatzer, und dann heißt es goodbye.

Schon heute aber muss der Westen über die Grundsatzfrage nachdenken. Demokratien mögen nur Kriege, die kurz, unblutig und siegreich sind – jedenfalls wo die Bedrohung indirekt und weit weg ist. Der Westen, auch Amerika, agiert am liebsten wie eine Feuerwehr: Hin mit Sirenengeheul, Tür einschlagen, Feuer löschen, weg.

Die heutigen Ordnungskriege aber erfordern das Temperament einer Polizeitruppe. Die muss bleiben und bleiben, um die Übeltäter abzuschrecken und der Bevölkerung Sicherheit zu vermitteln. Das funktionierte in Kolonialzeiten, aber das können, wollen wir nicht mehr. Drum prüfe beim nächsten Mal, wer sich militärisch bindet. Die Scheidung wird stets schmerzhaft sein, und wie im richtigen Leben werden beide Seiten hinterher nur selten glücklich sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Mich verwundert Josef Joffes entschiedenes Eintreten für den Afghanistan-Krieg und vor allem seine eiskalte Emphase diesbezüglich. Die Bundeswehr muss ein unbefugtes Bombardement mit zahlreichen zivilen Opfern verantworten, und Herr Joffe kann diesem Fiasko nicht nur eine "gute Seite" abgewinnen, sondern ruft den amerikanischen Kritikern zu: "Bitte etwas weniger Hohn im Nachhinein!" Von einem Intellektuellen darf man dann doch etwas mehr Pazifismus erwarten.
    Deutschland hat der Scheckbuch-Diplomatie in der Afghanistan-Frage den Rücken zugekehrt, hin zu einem blutigen Militäreinsatz. Zu Franz Josef Jung gibt es nicht viel zu sagen. Alle stehen hinter ihm, und er steht ziemlich allein da.
    Die Alternativlosigkeit, mit der alle Parteien (außer der LINKEN) und sogar der Herausgeber der ZEIT diesen Krieg verteidigen, lässt nur einen Schluss zu: Ohne Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Oder wie war das noch gleich?

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    Löwe... aber hört das noch jemand??
    Politikverdrossenheit hin oder her, gekaufte Demokr

    Pazifismus ist ja wirklich edel, aber ein Pazifist ist auch jemand, der keine Spuren hinterlässt, wenn er in Auschwitz durch den Schornstein geht.Fanatiker lassen sich nicht mit Lichterketten aufhalten.

    Wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt würde, hätte selbst ein Peter Struck mindestens zwei Divisionen geschickt. Was wir dort verteidigen, ist unseres arg angeschlagene Reputation in der Nato. Mit minimalem Einsatz. Und wer traut sich, auf die Nato zu verzichten? Wir haben vor unserer Haustür eine riesige Weimarer Republik, randvoll mit Atomwaffen, lupenreinen Demokraten und ethnischen Konflikten. Die Auflösung der Sowjetunion fühlt sich für die meisten Russen wie Versailles an.

    Pazifismus will den Pazifisten schön erscheinen lassen, tötet aber Menschen: die Alliierten sind da, weil sie gemeinsame humanitäre Vorstellungen haben und weil sie der Ansicht sind, dass es nicht hinnehmbar ist, wenn Frauen fast keinerlei medizinische Hilfe mehr in Anspruch nehmen können oder wenn Wahnsinnige an Atombomben kommen.

    Wenn Sie diese humanitären Vorstellungen nicht teilen, gut. Aber es ist unerträglich, dass Sie sich dabei "Pazifist" nennen.

    Löwe... aber hört das noch jemand??
    Politikverdrossenheit hin oder her, gekaufte Demokr

    Pazifismus ist ja wirklich edel, aber ein Pazifist ist auch jemand, der keine Spuren hinterlässt, wenn er in Auschwitz durch den Schornstein geht.Fanatiker lassen sich nicht mit Lichterketten aufhalten.

    Wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt würde, hätte selbst ein Peter Struck mindestens zwei Divisionen geschickt. Was wir dort verteidigen, ist unseres arg angeschlagene Reputation in der Nato. Mit minimalem Einsatz. Und wer traut sich, auf die Nato zu verzichten? Wir haben vor unserer Haustür eine riesige Weimarer Republik, randvoll mit Atomwaffen, lupenreinen Demokraten und ethnischen Konflikten. Die Auflösung der Sowjetunion fühlt sich für die meisten Russen wie Versailles an.

    Pazifismus will den Pazifisten schön erscheinen lassen, tötet aber Menschen: die Alliierten sind da, weil sie gemeinsame humanitäre Vorstellungen haben und weil sie der Ansicht sind, dass es nicht hinnehmbar ist, wenn Frauen fast keinerlei medizinische Hilfe mehr in Anspruch nehmen können oder wenn Wahnsinnige an Atombomben kommen.

    Wenn Sie diese humanitären Vorstellungen nicht teilen, gut. Aber es ist unerträglich, dass Sie sich dabei "Pazifist" nennen.

    • Atan
    • 11.09.2009 um 17:28 Uhr

    sind sicherlich damit begründet, dass sie mehr Truppen benötigen; aber sie benötigen diese Truppen, weil sonst der Konflikt nicht zu gewinnen und die militärische Lage sich notwendig weiter verschlechtert.
    Wenn man wirklich glaubt, es sei nötig die Taliban zu schlagen, dann geht das nur mit einer Verdoppelung und Verdreifachung des deutschen Kontingentes und einer Ausstattung mit Kampfhubschraubern und Panzern, um eben solche fehlgeleiteten Aktionen wie Bombenschläge zu vermeiden. So etwas ist aber innenpolitisch nur durchsetzbar, wenn man der Bevölkerung klargemacht wird, dass dies ein letzter Versuch sei, nur die "Hardcore-Taliban" zurückzuschlagen und auf alle großartigen und völlig unrealistischen "Reformargumente" verzichtet - nach diesem Krieg wird Afghanistan auch ohne Taliban genauso ein zersplittertes Land sein, wie es die Jahrhunderte davor auch schon war.
    Die eigenen Truppen aus purer politischer Bequemlichkeit langsam mit unzureichenden Mitteln ausgestattet aufreiben zu lassen, damit die verbündeten Staaten nicht meckern, ist jedoch zutiefst zynisch und verlogen, denn es führt dem militärischen Gegner die eigene Schwäche vor, es zerbricht die Moral der Truppen und es nützt auch den afghanischen Zivilisten nicht die Bohne.
    Also, entweder zügig den eigenen Abzug vorbereiten, weil man nicht ernsthaft kämpfen will oder kann, oder aber den Abzug aus einer Position militärischer Stärke vorbereiten - mehr Alternativen gibt es nicht.

    • WNYC
    • 12.09.2009 um 22:21 Uhr

    ..... muss auch bereit sein, selbst hinzugehen. Das verlangt unsere Geschichte. Wenn Herr Joffe eine Uniform anzieht und an einem Panzerwagen das MG besetzt, können wir ihn noch einmal fragen. Bis dahin kann ich ihn nicht ernst nehmen.

  2. Wollen wir als nächstes Ordnung schaffen ?

    Darfur
    Gazastreifen Westjordanland
    Tschetschenien
    Somalia

    usw.

    Warum also gerade Afghanistan ?

    Es ist nicht unser Krieg. Raus aus Afghanistan.

    • Mento
    • 13.09.2009 um 17:25 Uhr

    Die Taliban militaerisch endgueltig besiegen zu koennen, ist wohl eine Illusion. Der Auftrag sollte sich ueberwiegend auf humanitaere und Aufbau-Hilfe beschraenken. (Sicher muessen auch dafuer ein paar Truppen stationiert bleiben.) Wenn der Westen in diesem Sinne den Afghanen spuerbar hilft, werden diese hoffentlich irgendwann selbst dafuer sorgen, eine Taliban-Herrschaft unmoeglich zu machen und dem Westen ein Partner im Kampf gegen den Terror sein. Wie lange solch ein Erfolg auf sich warten liesse, ist wohl nicht absehbar, aber sicherlich viel laenger als fuenf Jahre.

  3. ... ich stimme oft nicht mit Ihrer Meinung überein, aber hier schreiben Sie Vieles, was ich unterschreiben kann.

    Vor allem der Aufruf zur Klärung von Lage und Zielen ist richtig! Herr Karsai muss deutlich gemacht werden, dass die ausländischen Truppen in Afghanistan keine Söldnertruppen sind, die sein Regime verteidigen und stützen. Dazu gehört auch eine Zukunft zu fördern, in der das afghanische Volk nicht in einer Umwelrt dahinvegetiert, die von Drogenanbau, Warlords und Repressionen bestimmt wird.

    Wenn solche Wahrheiten im Kopf der Bevölkerungen der in Agfhanistan engagierten Länder ankommen, hätten das Sterben beim Bombenangriff am vorletzten Freitag etwas Wichtiges erreicht!

    Alles Gute
    Kai Hamann

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    Sie schreiben
    "Herr Karsai muss deutlich gemacht werden, dass die ausländischen Truppen in Afghanistan keine Söldnertruppen sind, die sein Regime verteidigen und stützen."
    falsch!
    den bürgern hier muss deutlich gemacht werden, dass unsere soldaten das regime karsais schützen, ein regime, das demokraten noch nicht einmal ansatzweise tolerieren dürfen.
    aber es geht ja gar nicht um die freiheit in afghanistan, es geht um nibelungenhafte bündnistreue, es geht um interessen, denen merkel sich schon im irak gefügig zeigte.

    raus aus afghanis†an

    Sie schreiben
    "Herr Karsai muss deutlich gemacht werden, dass die ausländischen Truppen in Afghanistan keine Söldnertruppen sind, die sein Regime verteidigen und stützen."
    falsch!
    den bürgern hier muss deutlich gemacht werden, dass unsere soldaten das regime karsais schützen, ein regime, das demokraten noch nicht einmal ansatzweise tolerieren dürfen.
    aber es geht ja gar nicht um die freiheit in afghanistan, es geht um nibelungenhafte bündnistreue, es geht um interessen, denen merkel sich schon im irak gefügig zeigte.

    raus aus afghanis†an

  4. "Die Bundeswehr muss in Afghanistan bleiben."

    Wer sagt das!?

    Oder anders gefragt: Wessen Vasallen sind wir!?

  5. Josef Joffe wird seine Sicht nicht ändern, denn er ist ein Rechthaber. Und der Krieg in Afghanistan ist ein Krieg der Rechthaber. Und Rechthaber zweifeln nicht und geben nicht auf! Niemals!!!!!!

    [...]

    [Der Rest wurde geloescht, bitte formulieren Sie Kritik sachlich und sehen Sie von persoenlichen Angriffen ab. Danke. /Die Redaktion pt.]

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    Josef Joffe wurde 1944 im jüdischen Ghetto Litzmannstadt in Lodz/Polen geboren.
    Finden Sie nicht, mit einem Mindestmaß an Anstand, dass sie allein deswegen Vergleiche mit Adolf H. verbieten?

    Josef Joffe wurde 1944 im jüdischen Ghetto Litzmannstadt in Lodz/Polen geboren.
    Finden Sie nicht, mit einem Mindestmaß an Anstand, dass sie allein deswegen Vergleiche mit Adolf H. verbieten?

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