Die Wangen von Anton B. röten sich. Dann liest er laut: »Schwimmen, Segelschiff, Sonnen… Sonnenbr… Sonnenbril…« Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. Er schüttelt den Kopf. »Macht nichts«, muntert ihn die Lehrerin auf. Anton lächelt verlegen. Neuerlich starrt er auf seinen Schreibblock, kaut mit den Zähnen auf der Unterlippe herum und fixiert es noch einmal, dieses verflixte Wort. Nach einer halben Minute atmet er tief durch und stößt erleichtert das Wort »Sonnenbrille« aus. Anton ist glücklich. Er hat gelernt, ein neues Wort zu entziffern. Anton B. ist 41 Jahre alt.

Beinahe sein gesamtes Leben hat der Metallarbeiter mit einem Geheimnis gelebt, hat es gegenüber Bekannten und Kollegen sorgfältig gehütet. Zu groß war die Scham, zu mächtig die Angst vor dem Unverständnis, dem falschen Mitleid und vor dem drohenden Spott. Anton B. ist Analphabet.

Seit Kurzem sitzt er gemeinsam mit anderen Erwachsenen in einem Kurs des Bildungs- und Heimatwerks St. Pölten und lernt etwas, das für Leute seines Alters eigentlich selbstverständlich sein sollte: Lesen, Schreiben und Rechnen.

Anton B. ist allerdings kein Einzelfall. In Österreich leben, so wird geschätzt, zwischen 300.000 und 600.000 Analphabeten. Eine schockierender Befund für ein Land, das sich so gern als Kulturnation versteht und dessen Politiker stolz auf ein angeblich gerechtes und flächendeckendes Bildungssystem sind. Nur selten wie etwa am vergangenen Dienstag, am Welttag der Alphabetisierung, tauchen diese beschämenden Zahlen im öffentlichen Bewusstsein auf. Doch was sind die Ursachen? Sind Österreichs Pädagogen überfordert? Erhalten Lernschwache in den Schulen zu wenig Förderung? Oder hat die Gesellschaft einfach nicht gelernt, sich an das Tabuthema Analphabetismus heranzuwagen?

Hanni hat sich mit solchen akademischen Fragen nie beschäftigt. Sie hatte ihr ganzes Leben damit zu kämpfen, sich und ihre Familie durchzubringen. Zwischen Heimen, Pflegeeltern und Schulen sei sie nur so »herumg’schupft« worden, erzählt sie, »und die Lehrer haben mir alle was anderes gesagt«. Lesen und Schreiben lernte sie nie. Mit 16 Jahren fing sie als Hilfskraft in einem Wiener Altenheim an. »Hilflos wie ein Kind« sei sie gewesen. Und blieb es auch, als sie ein paar Jahre später selbst Mutter wurde. Nun wurde es für die heute 57-Jährige noch mühsamer, die Lügenfassade aufrechtzuerhalten. Jeder Wegweiser war eine Bedrohung. Daher machte Hanni mit ihren Kindern immer dieselben Ausflüge, nach Schönbrunn, in den Prater. Da kannte sie sich aus. Auf Ämtern gab sie vor, die Lesebrille vergessen zu haben. Nur selten musste die kleine, pummelige Frau die Spurrinnen ihres Lebens verlassen. 2002 zum Beispiel, als sie ihre Schillingmünzen in Euro tauschen wollte. »Ich hab nicht einmal gewusst, wo die Nationalbank ist. Da hab ich mich so durchgefragt.« Im Grunde blieb ihr Wien genauso fremd wie die Briefe, die ihr Mann für sie öffnete.

So oder so ähnlich klingen die meisten Geschichten, die Kursteilnehmer erzählen. Geschichten eines erfindungsreichen Durchschummelns durch das Buchstabenlabyrinth. In der Schule werden Hausaufgaben abgemalt, Wege auswendig gelernt. Fast immer kommen die Betroffenen aus schwierigen Verhältnissen, sie leiden unter Eltern, die sich nicht um sie kümmern. Kommt dann noch ein überforderter Lehrer mit zu vielen Schülern dazu, drohen Lernschwache aus dem Schulsystem zu kippen. Viele dieser Kinder landen in einer Sonderschule. Andere werden mitgeschleppt – obwohl sie nicht mehr als ein paar Wörter schreiben können. »Im Nachhinein frage ich mich, wie das gegangen ist«, wundert sich ein 44-jähriger Dachdecker mit Hauptschulabschluss. 30 Jahre hat es gedauert, bis er den Weg in den St. Pöltener Kurs gefunden hat.

Sechs Menschen sitzen hier um einen Tisch, einer mit einem Laptop, die anderen mit Block und Bleistift. Die meisten sind verheiratet, manche haben Kinder. Sie waren und sind gute, fleißige Arbeiter mit einem unauffälligen Leben. Dass sie nie gelesen, nur Bilder auswendig gelernt haben, fiel keinem auf. Denn Wörter, deren Bedeutung sie einmal erkannt hatten, prägten sie sich einfach wie ein Piktogramm oder ein Verkehrsschild ein. So machen das viele Analphabeten. Es bedarf nur eines neuen, unbekannten Buchstabens, um alle Wiedererkennungsmerkmale durcheinanderzuwirbeln. Die, die heute in dem Kurs sitzen, wollen sich ihr Leben nicht mehr von kleinen Schriftzeichen zerstören lassen.