Berlusconi und die Medien

Wer sich wehrt, lebt verkehrt

Berlusconi überzieht kritische Journalisten mit Klagen und Rufmordkampagnen

Silvio Berlusconi auf dem G8-Gipfel

Silvio Berlusconi auf dem G8-Gipfel

Silvio Berlusconi wird im Ausland vor allem als Fernsehunternehmer wahrgenommen, in Wirklichkeit untersteht ihm ein Gutteil der italienischen Kulturindustrie. Der Ministerpräsident ist auch Italiens wichtigster Filmverleiher und Buchverleger, zusätzlich besitzt er ein Zeitschriftenimperium. Auf seinem Weg zur totalen Kontrolle der elektronischen Medien hat Berlusconi einen weiteren Schritt voran gemacht. Im Staatsfernsehen RAI wurden fast alle Chefredakteure ausgetauscht, die letzten eventuell regierungskritischen Programme, zu später Stunde im 3. Programm, sollen noch in diesem Herbst verschwinden. Nur die Tageszeitungen entziehen sich noch Berlusconis Kommando. Zwar verlegt sein Bruder Paolo Berlusconi das Mailänder Blatt Il Giornale. Doch das erreicht mit einer Auflage um 300000 nur halb so viele Leser wie die Marktführer Corriere della Sera und La Repubblica. Traditionell sind Italiener keine besonders eifrigen Zeitungsleser – im Süden lesen von 1000 nur 60 eine Tageszeitung. Eine Minderheit also, aber auch sie soll jetzt auf Linie gebracht werden.

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»Kommunisten und Katho-Kommunisten erzählen den Witz von der gefährdeten Pressefreiheit«, erklärte Berlusconi. »Diese Leute besitzen 90 Prozent der Presse. Für sie bedeutet Pressefreiheit die Freiheit zur Beleidigung. Sie wollen meinen Rücktritt – gegen den Willen des Volkes.« In Berlusconis Vorstellung lenken Kommunisten und katholisch getarnte Kommunisten (eben die »Catto-Comunisti«) als Volksschädlinge die Redaktionen.

Und in diesem Sommer taten sie Ungeheuerliches: Die Presse brachte Berlusconis Sexskandale ans Tageslicht. Während das Fernsehen geflissentlich schwieg, stellten die Zeitungen den »Endkonsumenten« B. an den Pranger und publizierten sein Gezirpse mit einer 18-Jährigen und sein Bettgeflüster mit einer Hure. Nicht nur die linksgerichtete Presse attackierte den Regierungschef vehement, auch die bürgerlichen Blätter wie der Corriere und die Turiner La Stampa im Besitz des Fiat-Konzerns. Und die Kirche, allen voran L’Avvenire. Die Tageszeitung der Bischofskonferenz rügte die Skandalnudel Berlusconi als nicht wählbar für Katholiken.

Jetzt schlägt Berlusconi zurück. Er verklagte La Repubblica auf Schadenersatz, gegen die linke Unità und die impertinente Auslandspresse kündigte er schon mal weitere Klagen an. Aparterweise wird La Repubblica nicht etwa wegen eines Artikels inkriminiert – es geht vielmehr, wohl einmalig in der demokratischen Pressegeschichte, um »diffamierende Fragen«. Seit Monaten stellt die römische Tageszeitung dem Ministerpräsidenten täglich zehn Fragen, die von Berlusconi nie beantwortet werden. Öffentlich sagte der Regierungschef jetzt, er sei einem »schweizerischen Verleger« gegenüber nicht zu Auskünften verpflichtet. Der Repubblica- Verleger Carlo De Benedetti besitzt einen Schweizer Pass, weil seine jüdische Familie vor den faschistischen »Rassegesetzen« in die Schweiz flüchtete. In den Augen Berlusconis wird ein Verleger jüdischer Herkunft durch den Pass seines Exillandes diskreditiert! Ein von La Repubblica initiierter Appell für die Pressefreiheit wurde innerhalb weniger Tage von 300000 Bürgern unterschrieben.

Doch Berlusconis Pressekrieg hat schon sein erstes Opfer gefunden. Mit einer beispiellosen Hetzkampagne zwang Il Giornale den einflussreichsten katholischen Journalisten Dino Boffo zum Rücktritt. Boffo war Chefredakteur der Bischofszeitung L’Avvenire sowie kirchlicher Radio- und Fernsehsender – und außerdem Berlusconi-Kritiker, das wurde ihm zum Verhängnis. Il Giornale beschimpfte Boffo als »aktenkundigen Homosexuellen«, der die Ehefrau eines Geliebten belästigt habe und deshalb gerichtlich zur Zahlung einer Geldbuße verurteilt worden sei, genau 516 Euro übrigens. Das Berlusconi-hörige Fernsehen berichtete ausführlich über den »Fall Boffo«, die Bischöfe und sogar der Papst stellten sich zunächst schützend vor ihren Journalisten, akzeptierten dann jedoch Boffos Kündigung.

Möglicherweise wird sich die Hetze gegen Boffo als Bumerang erweisen, weil sich die Kirche und ihre Medien endgültig von einem Regierungschef abwenden, den sie allzu lange unterschätzt haben. Die wenigen noch hör- und sichtbaren Kritiker aber sind gewarnt: Keine Waffe wird Berlusconis Rufmördern zu scharf oder zu schmutzig sein.

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Leser-Kommentare

  1. wie kommt es nur, daß die deutschen Journalisten derart genau über Machstrukturen, korrupte Machenschaften, Affairen, Demokratie- und Medienverständnis, Gesellschaftsstrukturen etc Italiens/ anderer Länder berichten und gleichzeitig findet hierzulande ein abgekarteter, oberflächlicher Wahlkampf statt, in dem jegliche Auseinandersetzung mit den eigentlichen Problemen des Landes ausgeblendet wird. Woher soll ich denn eigentlich wissen, wofür genau unser Finanzministerium unsere Steuern ausgibt, wenn sich die Politiker nicht wirklich streiten?

    Wo finde ich hierzulande eine Zeitung/Medium, das/die die Sachen wirklich beim Namen nennt und über Sachen berichtet, die bspw negativ belastet sind?

    Die vielen Tabuthemen, political correctness, Kuschelwahlkampf, vorgelebte Harmoniefreude oder einfach nur das ständige Honig- ums- Maul schmieren bewirkt vielleicht auch die Politik- und Wahlverdrossenheit der Bürger,und daß uns vielleicht irgendwann mal wieder einer eine "Wahrheit" ins Gesicht brüllt, die uns dann umhauen könnte. Der könnte ein guter deutscher Freund Berlusconis sein.

    sorry.

  2. Just das neue Heft - 09/2009 - befasst sich mit den demokratischen Verhältnissen in Deutschland, insbesondere zur Wahl und den Schnittstellen zwischen FDP/UNION und ROT/ROT/GRUEN. Gleichzeitig
    wird auf die wirtschaftliche, soziale und ökologische Krise hingewiesen und dass keine(!) Partei ein Gesamtkonzept vorlegt, der komplexen Gemengelage erfolgreich entgegenzuwirken.

    Sie finden Aussagekräftiges zum Thema ATOM sowie zum Einsatz der BW.
    Sie werden fündig unter
    www.blaetter.de

  3. Aber ist es bei uns wirklich besser?

  4. @4: Ja, es ist bei uns besser. Kritik an den hiesigen Verhältnissen ist wahrhaftig angebracht, aber was in Italien passiert, hat eine andere Qualität. Erstaunlich, dass ein so wunderbares Land seit 85 Jahren fast ununterbrochen von Trotteln regiert wird (und dabei immer noch halbwegs funktioniert).

    Übrigens, Frau Schönau: Wäre nicht "Prostituierte" statt "Hure" das angemessene Wort?

  5. Ich denke, "Hure" ist p.c.
    Und: Pressefreiheit ist in Italien gefährdeter als in Deutschland. Berlusconi hat gestern nachgelegt, nur Fernsehjournalisten seien "gute Journalisten", weil sie keine "Wörter verdrehen" könnten. Er attackierte außerdem einen Korrespondenten der spanischen Zeitung "El Pais", der ihm eine kritische Frage zu den Auswirkungen von Berlusconis Affären auf das Image Italiens gestellt hatte. "Wer seine Glaubwürdigkeit verliert, verliert auch an Auflage", bellte B. den Kollegen an. "So geht man Pleite, aber bei El Pais wisst ihr das ja schon."

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    Patrizia d’Addario hat den Cavaliere ohne Zweifel aufs Kreuz gelegt. Es war sicher nicht anders herum...

  6. Patrizia d’Addario hat den Cavaliere ohne Zweifel aufs Kreuz gelegt. Es war sicher nicht anders herum...

  7. Wo doch die Zeitungen und Fernsehmagazine diejenigen sind, die einzig zu solchen Dingen berechtigt sind?

    Man kann über Berlusconis Politik sagen, was man will. Aber daß hier über Kampagnen gegen seine persönlichen Eskapaden politische Ziele verfolgt werden sollen, liegt auf der Hand. Wer also so etwas versucht, der sollte sich über die Retourkutsche nicht wundern. Es steht die alte Frage: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure, respektive der sogenannten Vierte Macht, die Presse?

  8. Wieso erscheinen die Kommentare nicht wie vor der Neugestaltung gleich im Forum?

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    geht vor

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  • Von Birgit Schönau
  • Datum 11.9.2009 - 13:09 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
  • Kommentare 11
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  • Schlagworte Silvio Berlusconi | Medien | Medienpolitik | Journalist
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