Einwanderungstest in der Türkei Alles für die Ehe
Drei Schicksale, die an einem Sprachtest hängen. Begegnungen im Goethe-Institut in Istanbul
© Mustafa Ozer/AFP/Getty Images

Ein türkisches Paar in einer Schule
Das Tor nach Deutschland liegt versteckt in einer Seitenstraße im Istanbuler Szeneviertel Beyoğlu. Den schmalen Eingang eines reich verzierten Hauses muss der Bewerber passieren, drei marmorne Treppen hochsteigen, einen schmalen Gang nehmen, die letzte Tür öffnen: ein Klassenraum im Goethe-Institut. Hier sitzen sie, die Deutschlandkandidaten. Notizbuch auf dem Klapptisch, Augen auf die weiße Tafel gerichtet. Seit genau zwei Jahren müssen alle Türken, die wegen Heirat ein Visum für die Bundesrepublik beantragen, eine durchaus strenge Prüfung über Deutschgrundkenntnisse beim Goethe-Institut bestehen.
Türken, die mit Zertifikat nach Deutschland kommen? Das uralte Vorurteil lautet, sie seien »Asylbewerber«. Falsch, deren Zahl hat stark abgenommen. Die richtige Antwort: Sie heiraten ein. Der meistbefahrene Weg aus der Türkei nach Deutschland führt direkt durchs Standesamt. Viele Deutschtürken schauen sich in Anatolien nach einem Partner um. Finden sie einen, muss dieser in den Deutschkurs, am Ende heißt das im Amtsdeutsch »Familienzusammenführung«. Wer sind diese Türken, die nach Deutschland wollen? Was bringen sie mit, um bei uns Erfolg zu haben?
Es sind Taxifahrer und Mechaniker, Werbetexter und Hausfrauen, Programmierer und Kellner, Musiker und Masseure – ein bunter Querschnitt der Türkei. Drei von ihnen wollen wir uns näher ansehen. Eine aufgeweckte, dynamische Türkin, die so gar nicht dem Bild der verschreckten Importbraut entspricht, ein Mädchen aus Südostanatolien, das zwangsverheiratet wurde, und einen Mann, der seine Ehefrau in Deutschland bekochen will.
Sirins Bräutigam ist ihr Cousin, ausgewählt von ihren Eltern
Ferda kann man gar nicht übersehen. Sie hat die blonden Haare mit einer großen Spange zurückgebunden, dazu trägt sie schwarze Ohrringe, Rollkragenpullover und Jeans. Ferda beherrscht den Raum und die Situation. Auf fast jede Frage der Lehrerin weiß sie die Antwort. Meldet sich, redet drauflos. Und wenn’s mal falsch ist, zuckt sie die Schultern: »Na und?« Ferda, die Energische.
Ihren Mann hat sie sich nicht von den Eltern servieren lassen, sondern ihn selbst ausgesucht. So sagt sie, aber man glaubt es ihr auch. Er arbeitet als Monteur in einer Firma für Autozubehör in Bonn. Vor einem Jahr haben sie sich kennengelernt, in Sinop am Schwarzen Meer. Der Deutschtürke besuchte im Sommerurlaub Ferdas Heimatstadt. Beim Volleyball funkte es. Ihre Familien, um zwei Ecken verwandt, segneten das Spielergebnis ab. Ferda heiratete in Istanbul. Die 23-Jährige reist regelmäßig nach Deutschland, wo ihre Eltern schon seit einigen Jahren leben, während sie in der Türkei die Schule beendete, mit Hochschulreife. Deutsch zu lernen bereitet ihr keine Probleme.
Für viele Türken aber sind die Kurse im Goethe-Institut die erste Berührung mit Deutschland. An den seit August 2007 vorgeschriebenen Deutschstunden hagelt es Kritik. Anwälte halten sie für verfassungswidrig: Einreisende Türken, Ukrainer, Russen, Vietnamesen müssen Kenntnisse nachweisen, derweil Amerikaner und Japaner noch nicht mal »Guten Tag« können müssten – ein klarer Verstoß gegen die Gleichbehandlung. Türkische Medien kritisieren: Per kostspieligen Sprachtest würden Bewerber ausgesiebt, Hürden errichtet, würde der Zustrom der Zuwanderer gesenkt. In der Tat gingen die Familienzusammenführungen gleich nach Einführung des Sprachkursgesetzes rapide zurück. Doch seit Mitte 2008 weisen die Zahlen schon wieder kräftig nach oben.
Die Deutschlektionen sind übrigens eine türkische Idee. 1964 schlug der damalige Arbeitsminister Bülent Ecevit der Bundesrepublik Vorbereitungskurse für türkische Gastarbeiter vor. Antwort der deutschen Seite: Die Arbeiter seien keine »systematische Geistesarbeit gewohnt«, weshalb ihnen »eine Schulung in ganztägiger Form einfach nicht zugemutet werden« könne. Die späte deutsche Einsicht heute: Solche Kurse können eine nützliche Einstiegshilfe sein. Und wer gar nicht nach Deutschland will, dem bieten die Kurse auch etwas an – die Ausstiegshilfe.
- Datum 11.09.2009 - 14:08 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
- Kommentare 8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Der Paragraph zum Ehegattennachzug soll den Schutz der Familie sichern. Aber der Autor des Artikels findet es offenbar super, dass wegen eines verfassungswidrigen Sprachtestes eine Ehe platzt. Dass sich Ehepartner wegen dieser Regelung monatelang nicht sehen können, wird überhaupt nicht thematisiert. Ganz offensichtlich hat es in Deutschland einen so schlechten Ruf, jemanden aus dem Ausland zu heiraten (sofort Unterstellungen!), dass es niemanden kümmert, wenn es diesen Paaren schlecht geht.
Und was soll dieser Mythos, dass man mit Sprachkenntnissen der Sprachstufe A1 in der Lage sein soll, ein Netzwerk außerhalb der Familie aufzubauen? Das stimmt doch einfach nicht. Ich habe schon einige Sprachen gelernt und erst ab Stufe B2 kann man auch nur annähernd Beziehungen aufbauen. Außerdem gibt es in Deutschland ja wohl einige Menschen, die türkisch sprechen. Man ist als nur türkisch sprechender Mensch nicht absolut gesellschaftlich isoliert.
Ich weiß nicht, was an der Situation so daramtisch ist. Die Ehe der beiden potenziellen Einwanderer wird doch überhaupt nicht in Frage gestellt. Es geht darum, dass für eine Einwanderung in die Bundesrepublik, die nun einmal mit vielen Annehmlichkeiten und Vorteilen verbunden ist!, eine Qualifikation beizubringen ist - die ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache eben.
Wenn einer der Ehepartner die nötige Qualifikation nicht beibringen will oder kann, steht dem Ehepaar ohne weiteres frei, ihr Leben woanders zusammen zu verbringen. Wenn die Einwanderung in die Bundesrepublik attraktiv genug ist, können die Sprachqualifikationen in der Türkei schließlich zwischenzeitlich nachgeholt werden...
Stimmt schon, aber dann sollten die Tests auch für alle gleich sein und kein Unterschied gemacht werden, wo die Leute herkommen.
Die Tests finde ich gut und richtig, die Ungleichbehandlung eher verwerflich.
Stimmt schon, aber dann sollten die Tests auch für alle gleich sein und kein Unterschied gemacht werden, wo die Leute herkommen.
Die Tests finde ich gut und richtig, die Ungleichbehandlung eher verwerflich.
Nun weiss man ja nicht, was die Türkei über diese Tests denkt. Aber wenn er dann da ist, profitiert er wie viele vor ihm vom Sozialsystem, genu ie die zuziehenden Ehegatten. Und dieses sollte zumindest mal anerkannt werden. Auch von der Türkei, statt immer die Diskriminierung ihrer Landsleute zu betonen. Und wenn die Verbände im Sinne der Türkei statt den Schwerpunkt auf die Verhinderung von Assimilierung zu setzen (was das Wort auch immer heißen mag, es erfüllt seinen Zweck) ihre Kraft für Integration einsetzen würden, wäre auch viel gewonnen.
Stimmt schon, aber dann sollten die Tests auch für alle gleich sein und kein Unterschied gemacht werden, wo die Leute herkommen.
Die Tests finde ich gut und richtig, die Ungleichbehandlung eher verwerflich.
In der Theorie haben Sie recht, hülägü.
Aber wissen Sie wie die Realität aussieht?
Vor den Sprachtests kamen JEDES JAHR 100.000 Türken nach D.
Nach den Sprachtest sank die Zahl der auf 30.000 Türken pro Jahr.
Bei 30%er Arbeitslosigkeit und einer Jugendarbeitslosigkeit, die gegen 50% geht, bei den Türken und türkisch-stämmigen Deutschen, ist Zahl von 30.000 JEDES JAHR immer noch verdammt hoch.
Quelle der genannten Zahlen: Statistisches Bundesamt, Bundeszentrale für politische Bildung
In der Theorie haben Sie recht, hülägü.
Aber wissen Sie wie die Realität aussieht?
Vor den Sprachtests kamen JEDES JAHR 100.000 Türken nach D.
Nach den Sprachtest sank die Zahl der auf 30.000 Türken pro Jahr.
Bei 30%er Arbeitslosigkeit und einer Jugendarbeitslosigkeit, die gegen 50% geht, bei den Türken und türkisch-stämmigen Deutschen, ist Zahl von 30.000 JEDES JAHR immer noch verdammt hoch.
Quelle der genannten Zahlen: Statistisches Bundesamt, Bundeszentrale für politische Bildung
In der Theorie haben Sie recht, hülägü.
Aber wissen Sie wie die Realität aussieht?
Vor den Sprachtests kamen JEDES JAHR 100.000 Türken nach D.
Nach den Sprachtest sank die Zahl der auf 30.000 Türken pro Jahr.
Bei 30%er Arbeitslosigkeit und einer Jugendarbeitslosigkeit, die gegen 50% geht, bei den Türken und türkisch-stämmigen Deutschen, ist Zahl von 30.000 JEDES JAHR immer noch verdammt hoch.
Quelle der genannten Zahlen: Statistisches Bundesamt, Bundeszentrale für politische Bildung
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion /ft]
Dieser Redaktionskommentar würde sich auch gut machen unter einem Gesetz, das Integrationspflicht an das Herkunftsland bindet.
Dieser Redaktionskommentar würde sich auch gut machen unter einem Gesetz, das Integrationspflicht an das Herkunftsland bindet.
Dieser Redaktionskommentar würde sich auch gut machen unter einem Gesetz, das Integrationspflicht an das Herkunftsland bindet.
... zumindest wenn man ein sogenanntes Ikahment möchte, wird nicht besonders freundlich behandelt und zudem werden immer neue Dokumente verlangt!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren