Gesellschaft Mein Präsident in der Wüste
Sophie Hunger fragt: Leben wir Schweizer in einer Glaskugel?
Guten Tag, mein Name ist Christian Seraphin Jenny. Ich befinde mich nach dreiwöchiger Ruhepause wieder auf diesem dünnen Zeitungsblatt abgelegt und wage kaum, um mich zu schauen. Bang erinnere ich mich an die letztmaligen Umstände, an die Fahrt im Wagen meiner Außenministerin. Unheimlich war’s, ich wollte nicht, aber musste. Mich fragt ja keiner.
Ich reiße mich aber sogleich zusammen, denn ich möchte meine Aufgabe unbedingt und in aller Konsequenz wahrnehmen. Sollte dazu gehören, einer unliebsamen Realität ins Auge zu schauen, dann möge ich ihr mit Mut begegnen.
Nun, so will ich beginnen und erzählen, was ich sehe. Es ist dunkel um mich herum, ich bin von der mir vorangehenden Seite bedeckt. Wie eine perfekte Gegenform liegen wir aufeinander. Ich höre ein Rattern, das sich langsam, aber stetig zu einem summenden Ton entwickelt. Gleichzeitig fühlt es sich so an, als würde etwas an mir ziehen. Nicht aber etwas Bestimmtes an einer bestimmten Stelle meiner Seite. Nein, vielmehr eine allgemeine Kraft. Es fühlt sich so an, als würde ich umhergeschwenkt. Ja, genau, ich schwanke, allerdings nicht als einzelnes Objekt, sondern als Teil eines Ganzen. Kennen Sie das? Befinde ich mich vielleicht auf einem Boot? Nein, Boote klingen anders. Mein Gott, kann es denn sein, fliege ich etwa? Ich erschrecke, als ich das denke. Moment, lassen Sie mich genau hinfühlen. Fliege ich wirklich? Ich bin mir nicht ganz sicher. Menschliche Geräusche lassen sich bisher jedenfalls keine ausmachen, es müsste demnach ein Frachtflugzeug sein oder eine militärische Maschine. Liege ich in einem Kampfjet?
Ich habe die Schweiz noch nie verlassen, das müssen Sie wissen. Es wäre für mich eine ganz neue Erfahrung, nein, vielmehr ein unbekannter Zustand, mich auf einmal außerhalb der Schweiz zu befinden. Außerhalb der Schweiz, im anderen Teil der Welt.
Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wir, Verzeihung, die Schweiz wäre von einer Glaskugel umschlossen; eine Art Käseglocke, die nach ihrem Übertritt in den Boden weiterführt und unser Land somit auch im Erdinneren umschließt. Weiter dachte ich dann, wie einfach es wäre, uns zu beseitigen, man müsste bloß eine magnetische Vorrichtung bauen und die Kugel als Ganzes aus ihrer Bodenhalterung lösen. Wir alle wären in der Folge, als Bestandteile der Glaskugel, dem Schicksal der Glaskugel unterworfen.
Mit großer Erleichterung erfuhr ich aber zu Beginn meiner ersten Physikstunde, in der vierten Klasse bei Herrn Arash Golpajegani, dass es auf der ganzen Erde nicht möglich ist, zwei Räume absolut voneinander zu trennen. Auch die beliebte Vorstellung des Vakuums wäre hierbei vernachlässigbar, da der menschliche Organismus darin nicht lebensfähig ist. So gesehen, wäre die Schweiz nur in einem toten Zustand in der Lage, sich wie eine Glaskugel zu verhalten.
Ich fühle mich auf einmal und ruckartig leer, als ob ich von etwas verschluckt würde. Ich nehme an, dass sich die Maschine, und mit ihr auch ich, im Sinkflug befindet. Unter mir quietscht es, das werden die ausfahrbaren Räder sein, denke ich unverzüglich. Ich habe Angst. Es donnert fürchterlich, ich werde durch den Raum geschleudert, und die Zeitung, deren Bestandteil ich eben noch war, zerstreut sich in die Anzahl ihrer Blätter. Auf meiner Seite aufgeschlagen liege ich da, schaue suchend um mich und sehe sogleich, wie sich langsam eine Luke öffnet, dahinter ein Rekrut. Was geschieht bloß, was wartet hier draußen auf mich? Heißes Sonnenlicht sticht durch die Öffnung, es ist die Wüste, die mir entgegenbrennt. Himmel Herrgott. Am Horizont mein Präsident Hans-Rudolf Merz. Da steht er, ein Schweizer in der Wüste, außerhalb. Alleine.
- Datum 10.09.2009 - 11:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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