AtommülllagerDas Lügengrab

Schon bald könnte der niedersächsische Salzstock Asse einstürzen und Atommüll aus 126.000 Fässern freisetzen. Über Jahrzehnte haben alle, die Energiewirtschaft, die Politik und die Wissenschaft, die Öffentlichkeit getäuscht. von 

Man sollte annehmen, über die Schachtanlage Asse II sei alles bekannt. Wie es dazu kam, dass sie zu einem Endlager für radioaktiven Müll wurde. Welche Stoffe in ihr lagern und in welchen Mengen. Welche Gefahren von dem alten Salzbergwerk ausgehen können. Wie einsturzgefährdet das Atommüllager ist.

Alles scheint akribisch festgehalten. Beim langjährigen Betreiber der Asse, dem Münchner Helmholtz-Zentrum, lagern 226 Aktenbände. Beim heute zuständigen Bundesamt für Strahlenschutz, Sitz in Salzgitter, weitere 190 Bände. Und im Bundesumweltministerium noch einmal 270.

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Doch es scheint, dass sich mit der Fülle der Akten nicht das Wissen vermehrte, sondern die Verwirrung, die Verschleierung, die Desinformation. Erst der Wahlkampf dieses Sommers hat die komplizierte Gemengelage publik werden lassen, in kurzen, irritierenden Nachrichtensätzen mit den Versatzstücken »Plutonium«, »Wassereinbruch« und »Schließungskonzept« ist die Asse nach Jahrzehnten wieder ein öffentliches Thema geworden – dieses vermeintlich kleine Lager im niedersächsischen Niemandsland, in dem sich seit 1967 mit 126.000 Atommüllfässern ein gewaltiges Problem aufgetürmt hat. Schicht für Schicht wird die Wahrheit ans Licht befördert.

»Es gibt keine lückenlose Dokumentation«, klagt Umweltminister Sigmar Gabriel ( SPD ). Der Zustand der Akten »ist, sagen wir mal so: für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich«. Es würde ihn nicht wundern, »wenn man in der Asse das Bernsteinzimmer fände«. Es ist die Geschichte einer Lüge, die mit immer neuen Lügen umstellt wurde. Die Geschichte einer unheilvollen Verquickung von Politik, Atomwirtschaft und dienstbaren Wissenschaftlern, die aus der Asse quasi ein Endlager gemacht haben. Ein Gutachten des Leipziger Instituts für Gebirgsmechanik garantiert dem alten Salzstock Standsicherheit nur noch bis zum Jahr 2014.

Infografik: Murks im Stollen von Asse
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Fast idyllisch steht das alte Bergwerk an einem Waldrand, 25 Kilometer südlich von Braunschweig, ein backsteinrotes Grubengebäude mit »Glück auf«-Inschrift, ein Förderturm mit vier Seilscheiben. Unter Tage verbergen sich Schächte und Stollen mit einem Volumen von 3,35 Millionen Kubikmetern – zehnmal mehr als im berüchtigten Salzstock von Gorleben . Halbe Kathedralen haben die Bergleute hier einst ins Salz gesprengt, 60 Meter lang, 40 Meter breit und 20 Meter hoch, in bis zu 800 Meter Tiefe. 13 dieser Kammern wurden später mit Atommüll gefüllt, der strahlende Abfall hat ein Volumen von 47.000 Kubikmetern – das entspricht 60 Einfamilienhäusern. Sollte die Asse einstürzen, würde die radioaktive Gefahr zerquetscht und vermutlich in alle Richtungen gedrückt. Ins Salz. In die Hohlräume der Gesteinsschichten. Ins Grundwasser.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtages in Hannover müht sich seit Juli, aufzuklären, wie es so weit kommen konnte. Immer donnerstags finden sich die Ausschussmitglieder zusammen, um mal drei, mal fünf Zeugen in meist vorgerücktem Alter zu hören, die im Laufe der Zeit mit der Asse zu tun hatten. Schon der Titel des Ausschusses drückt Verzweiflung aus – oder Überforderung: Untersuchungsausschuss zur Klärung der komplexen Vorgänge in der Schachtanlage Asse II. Gleich die erste öffentliche Sitzung bringt eine Sensation: Ein pensionierter Abteilungsleiter des Oberbergamts Clausthal-Zellerfeld sagt aus, in der Asse lagerten nicht rund neun Kilogramm hochradioaktives Plutonium, wie seit Jahrzehnten in den Akten steht, sondern dreimal so viel.

Danach geschieht erst einmal – nichts. Einige Wochen später räumt das einst zuständige Helmholtz-Zentrum kleinlaut ein: Ja, es stimme, die in den Inventarlisten aufgeführte Menge von neun Kilogramm sei aufgrund eines »Übertragungsfehlers« tatsächlich falsch; in der Asse lagerten in Wirklichkeit 28 Kilogramm Plutonium. Ob wenigstens diese Zahl stimmt, lässt sich jedoch ebenso wenig nachprüfen. Die Atommüllfässer wurden mittlerweile zugeschüttet und lagern unzugänglich in der Tiefe. Nachprüfen vor Ort wäre ohnehin schwierig – denn wer von dieser gefährlichen Substanz auch nur ein millionstel Gramm einatmet, ein kaum staubkorngroßes Teilchen, kann an tödlichem Lungenkrebs erkranken.

Leserkommentare
    • WIHE
    • 14. September 2009 17:40 Uhr

    in hunderten Metern Tiefe Radioaktiviät freisetzen?
    Freisetzung bedeutete, dass die Radioaktivität zumindest bis ins förderbare Grundwasser gelangt.
    Die Endlagerungsproblematik wird maßlos überschätzt und übertrieben.
    In Südafrika gibt es Goldminen mit Löchern bis 3000 Metern unter der Erdoberfläche. Wie sollte z.B. aus dieser Tiefe jemals von selbst wieder an die Oberfläche gelangen. Auch aus deutschen Steinkohlebergwerken mit 1000 m Tiege würde nichts vom Müll auch in Millionen Jahren an die Oberfäche gelangen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der kein brauchbarer ist. Weil die Salztektonik eine stetig aufwärts gerichtete Komponente enthält und warme (heiße) Lösungen weithin migrieren können. Sowohl innerhal wie auch außerhalb des eigentlichen Diapirs; dazu brauche Sie bloß mal auf den Grubenriß zu schauen. Die Mächtigkeit des Hangenden allein sagt nichts über dessen Rückhaltefähigkeit!

    Von der komplexen Tektonik abgesehen darf auch nicht vergessen werden zu erwähnen:

    Die Außentemperatur der Gebinde bestimmt wesentlich darüber mit ob, auch in "trockenen" Abschnitten, eine Migration von Kristallwasser auf das Gebinde hin einsetzt.
    Der Vorgang ist auch spätetens seit 1990 bekannt. Es führt nämlich dazu, das so ein Faß dann in einer unter Gebirgsdruck stehenden recht korrosiven Salzlösung "schwimmt". Nicht eben gut für die Haltbarkeit des Blechmantels. Hinzu kommt bei hochaktivem Material, welches in Glas-cores festgelegt werden soll, ein weiteres Problem.

    Es kann zu Entglasungsvorgängen kommen die auch die Festigkeit des cores negativ beeinflussen. Ein solchemaßen beschädigter core widersteht den hydrothermalen Bedingungen aus der Kristallwassermigration ca. 2 Wochen bis er sich aufgelöst hat.

    Dazu brauchts nicht einmal Wasserzutritt in die Grube!

    Auch die mineralischen Vergußmassen (Beton) sind nicht eben langzeitstabil gegen solche Umweltbedingungen....

    Das war alles schon lange bekannt und in der Fachpresse auch veröffentlicht. Wer das wissen wollte konnte sich Klarheit verschaffen.

    Alternative Fixierungsvorschläge "Synrock" etc. gab es daher auch schon, warum will das alles nur wieder keiner gewußt haben?

    Karl Müller

    • mo13
    • 14. September 2009 18:04 Uhr

    Lieber WIHE, haben Sie einen anderen Artikel gelesen als ich?

    1. Grundwasser dringt in Asse II ein

    2. der radioaktive Müll lagert z.T. in einfach Stahlfässern die radioaktiv sind

    Wenn beides zusammenkommt hat man schon die Katastrophe, ich versteh nicht was daran schwierig zu begreifen ist.

    Für weitere Informationen empfiehlt sich auch: http://de.wikipedia.org/w...

    Es gibt offenbar Menschen, die wollen einfach nichts begreifen.Was hier die Atommüllobby veranstaltet hat, das sind möglicherweise strafrechtliche Handlungen.Es wird höchste Zeit, dass wir uns von der Atomtechnologie verabschieden, denn sie ist ein Irrsinn.

  1. der kein brauchbarer ist. Weil die Salztektonik eine stetig aufwärts gerichtete Komponente enthält und warme (heiße) Lösungen weithin migrieren können. Sowohl innerhal wie auch außerhalb des eigentlichen Diapirs; dazu brauche Sie bloß mal auf den Grubenriß zu schauen. Die Mächtigkeit des Hangenden allein sagt nichts über dessen Rückhaltefähigkeit!

    Von der komplexen Tektonik abgesehen darf auch nicht vergessen werden zu erwähnen:

    Die Außentemperatur der Gebinde bestimmt wesentlich darüber mit ob, auch in "trockenen" Abschnitten, eine Migration von Kristallwasser auf das Gebinde hin einsetzt.
    Der Vorgang ist auch spätetens seit 1990 bekannt. Es führt nämlich dazu, das so ein Faß dann in einer unter Gebirgsdruck stehenden recht korrosiven Salzlösung "schwimmt". Nicht eben gut für die Haltbarkeit des Blechmantels. Hinzu kommt bei hochaktivem Material, welches in Glas-cores festgelegt werden soll, ein weiteres Problem.

    Es kann zu Entglasungsvorgängen kommen die auch die Festigkeit des cores negativ beeinflussen. Ein solchemaßen beschädigter core widersteht den hydrothermalen Bedingungen aus der Kristallwassermigration ca. 2 Wochen bis er sich aufgelöst hat.

    Dazu brauchts nicht einmal Wasserzutritt in die Grube!

    Auch die mineralischen Vergußmassen (Beton) sind nicht eben langzeitstabil gegen solche Umweltbedingungen....

    Das war alles schon lange bekannt und in der Fachpresse auch veröffentlicht. Wer das wissen wollte konnte sich Klarheit verschaffen.

    Alternative Fixierungsvorschläge "Synrock" etc. gab es daher auch schon, warum will das alles nur wieder keiner gewußt haben?

    Karl Müller

    • manu26
    • 14. September 2009 17:58 Uhr

    "Im Schlauchboot, sagt der heute 47-Jährige, habe er die Brühe überquert, um zu Messpunkten zu gelangen." Unglaublich!

    Genauso unglaublich wie der Kommentar über mir, namentlich Kommentar 1.

    • mo13
    • 14. September 2009 18:04 Uhr

    Lieber WIHE, haben Sie einen anderen Artikel gelesen als ich?

    1. Grundwasser dringt in Asse II ein

    2. der radioaktive Müll lagert z.T. in einfach Stahlfässern die radioaktiv sind

    Wenn beides zusammenkommt hat man schon die Katastrophe, ich versteh nicht was daran schwierig zu begreifen ist.

    Für weitere Informationen empfiehlt sich auch: http://de.wikipedia.org/w...

    • WIHE
    • 14. September 2009 18:04 Uhr

    Wie
    dass bei der Erschaffung der Erde kein Umweltminster zugegen war. Die Erde würde es heute nicht geben.

    Man hätte nicht gewusst, wo man all das radioaktive Uran und Thorium hätte ablagern sollen.
    In den Bergen des Erzgebirges? Viel zu unsicher, da es von dort aus in Mulde und Elbe gelangt.

    Dann dauch noch das radioaktive Kalium 4O für den Stoffwechsel von Leben zu verwenden. Das wäre schon gar nicht gegangen. Konsequenz, es würde weder die Erde noch uns Menschen geben.

    • WIHE
    • 14. September 2009 18:11 Uhr

    fördert man warme Salzlake aus einigen hundert Metern Tiefe aus Bohrlöchern durch Heraufpumpen.
    Von heißen natürlichen Quellen habe ich im nördlichen Münsterland noch nichts gehört. Vielleicht bricht ja demnächst eine an die Oberfläche durch. Dann kann man sich das Heraufpumpen der Salzlake ersparen.
    Hoffen wir darauf.

    • WIHE
    • 14. September 2009 18:19 Uhr

    ich bin fast sicher,

    das Wasser fließt von oben nach unten und füllt dort die Löcher, die bei der Salzförderung geschaffen wurden.
    Das bisschen Wärme, dass die schwach radioaktiven Abfälle verursachen, das kann das meiste nicht sein.

    Es handelt sich nicht um ausgebrannte Brennelemente, mit denen man noch Jahrzehnte später Häuser beheizen könnte.

  2. Ich habe selten so sorglosen Quatsch gehört wie in einigen Beiträge über mir... Die "Erschaffung der Erde" hätte sicher kein Mensch überlebt, Auch Millionen Jahre nach der "Erschaffung der Erde" wäre jeder Mensch sofort gestorben der schutzlos diese Athmosphere betreten hätte. Auch kennt die Ausbreitung von Radioaktivität keine Schwerkraft und außerdem dürfte auch jeder schon in der Grundschule gelernt haben, dass es auf diesem Planeten einen Wasserkreislauf gibt. Das tödliche, radioaktiv verseuchte Wasser kommt über kurz oder lang auf jeden Fall wieder auf die Erdoberfläche und damit in unsere Nahrung, in unser Trinkwasser und in unsere Luft.

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