Man sollte annehmen, über die Schachtanlage Asse II sei alles bekannt. Wie es dazu kam, dass sie zu einem Endlager für radioaktiven Müll wurde. Welche Stoffe in ihr lagern und in welchen Mengen. Welche Gefahren von dem alten Salzbergwerk ausgehen können. Wie einsturzgefährdet das Atommüllager ist.

Alles scheint akribisch festgehalten. Beim langjährigen Betreiber der Asse, dem Münchner Helmholtz-Zentrum, lagern 226 Aktenbände. Beim heute zuständigen Bundesamt für Strahlenschutz, Sitz in Salzgitter, weitere 190 Bände. Und im Bundesumweltministerium noch einmal 270.

Doch es scheint, dass sich mit der Fülle der Akten nicht das Wissen vermehrte, sondern die Verwirrung, die Verschleierung, die Desinformation. Erst der Wahlkampf dieses Sommers hat die komplizierte Gemengelage publik werden lassen, in kurzen, irritierenden Nachrichtensätzen mit den Versatzstücken »Plutonium«, »Wassereinbruch« und »Schließungskonzept« ist die Asse nach Jahrzehnten wieder ein öffentliches Thema geworden – dieses vermeintlich kleine Lager im niedersächsischen Niemandsland, in dem sich seit 1967 mit 126.000 Atommüllfässern ein gewaltiges Problem aufgetürmt hat. Schicht für Schicht wird die Wahrheit ans Licht befördert.

»Es gibt keine lückenlose Dokumentation«, klagt Umweltminister Sigmar Gabriel ( SPD ). Der Zustand der Akten »ist, sagen wir mal so: für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich«. Es würde ihn nicht wundern, »wenn man in der Asse das Bernsteinzimmer fände«. Es ist die Geschichte einer Lüge, die mit immer neuen Lügen umstellt wurde. Die Geschichte einer unheilvollen Verquickung von Politik, Atomwirtschaft und dienstbaren Wissenschaftlern, die aus der Asse quasi ein Endlager gemacht haben. Ein Gutachten des Leipziger Instituts für Gebirgsmechanik garantiert dem alten Salzstock Standsicherheit nur noch bis zum Jahr 2014.

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Fast idyllisch steht das alte Bergwerk an einem Waldrand, 25 Kilometer südlich von Braunschweig, ein backsteinrotes Grubengebäude mit »Glück auf«-Inschrift, ein Förderturm mit vier Seilscheiben. Unter Tage verbergen sich Schächte und Stollen mit einem Volumen von 3,35 Millionen Kubikmetern – zehnmal mehr als im berüchtigten Salzstock von Gorleben . Halbe Kathedralen haben die Bergleute hier einst ins Salz gesprengt, 60 Meter lang, 40 Meter breit und 20 Meter hoch, in bis zu 800 Meter Tiefe. 13 dieser Kammern wurden später mit Atommüll gefüllt, der strahlende Abfall hat ein Volumen von 47.000 Kubikmetern – das entspricht 60 Einfamilienhäusern. Sollte die Asse einstürzen, würde die radioaktive Gefahr zerquetscht und vermutlich in alle Richtungen gedrückt. Ins Salz. In die Hohlräume der Gesteinsschichten. Ins Grundwasser.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtages in Hannover müht sich seit Juli, aufzuklären, wie es so weit kommen konnte. Immer donnerstags finden sich die Ausschussmitglieder zusammen, um mal drei, mal fünf Zeugen in meist vorgerücktem Alter zu hören, die im Laufe der Zeit mit der Asse zu tun hatten. Schon der Titel des Ausschusses drückt Verzweiflung aus – oder Überforderung: Untersuchungsausschuss zur Klärung der komplexen Vorgänge in der Schachtanlage Asse II. Gleich die erste öffentliche Sitzung bringt eine Sensation: Ein pensionierter Abteilungsleiter des Oberbergamts Clausthal-Zellerfeld sagt aus, in der Asse lagerten nicht rund neun Kilogramm hochradioaktives Plutonium, wie seit Jahrzehnten in den Akten steht, sondern dreimal so viel.

Danach geschieht erst einmal – nichts. Einige Wochen später räumt das einst zuständige Helmholtz-Zentrum kleinlaut ein: Ja, es stimme, die in den Inventarlisten aufgeführte Menge von neun Kilogramm sei aufgrund eines »Übertragungsfehlers« tatsächlich falsch; in der Asse lagerten in Wirklichkeit 28 Kilogramm Plutonium. Ob wenigstens diese Zahl stimmt, lässt sich jedoch ebenso wenig nachprüfen. Die Atommüllfässer wurden mittlerweile zugeschüttet und lagern unzugänglich in der Tiefe. Nachprüfen vor Ort wäre ohnehin schwierig – denn wer von dieser gefährlichen Substanz auch nur ein millionstel Gramm einatmet, ein kaum staubkorngroßes Teilchen, kann an tödlichem Lungenkrebs erkranken.

 Die Asse wurde wider besseren Wissens als sicher deklariert

Der Historiker Detlev Möller hat über fünf Jahre Asse-Akten gewälzt, vor allem Ministeriumsakten aus den sechziger Jahren. Er ist eingetaucht in die Welt der Vermerke, Protokolle, Unterschriftsparaphen. Möller hat an der Universität der Bundeswehr in Hamburg über »Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland« promoviert.

Herausgekommen ist »die Geschichte eines staatlichen Versagens« – so fasst Möller seine Arbeit zusammen. Nicht wegen ihrer besonderen Eignung sei die Asse zum Atomendlager geworden, »sondern weil es politisch so gewollt war«. Damals, Anfang der sechziger Jahre, war die Energiewirtschaft von der Atomenergie noch längst nicht so begeistert wie die Politik. »Die verantwortlichen Herren des RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk, Anm. d. Red.) lassen nicht außer Acht, dass die Beseitigung des ›Atommülls‹ noch nicht befriedigend gelöst ist«, schreibt 1961 ein Beamter des Wirtschaftsministeriums an seinen Abteilungsleiter.

Zwei Jahre später bietet sich eine günstige Gelegenheit: Der Wintershall-Konzern will ein Kali- und Salzbergwerk in der Nähe von Wolfenbüttel loswerden, den Schacht Asse II. »Insgesamt kann gesagt werden, dass die Anlage Asse für die Einrichtung eines Endlagers geeignet erscheint«, notiert Anfang 1964 der Leiter der ministeriellen »Studiengruppe Endlagerung« und rät zum Kauf des Schachts. »Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der von den Herren der Wintershall gesprächsweise auf 600.000 DM beziffert wurde.« Ein echtes Schnäppchen.

Die Politik stand unter Druck. Die Zwischenlager bei den Kernforschungsanlagen in Jülich und Karlsruhe, wohin die Betreiber der ersten Atomkraftwerke damals ihren Müll brachten, liefen allmählich voll. Ein Endlager zur Entlastung musste her, möglichst schnell. Mit Gerhard Stoltenberg ( CDU ), der 1965 Forschungsminister wurde, erhielt »die Weiterentwicklung der Kernenergie eine neue Qualität«, schreibt Möller. Stoltenberg hatte den Ehrgeiz, die wirtschaftliche Nutzung der Kernenergie durchzusetzen; deutsche Atomkraftwerke sollten Exportschlager werden. Auch aus diesem Grund musste der noch zögerlichen Industrie ein Endlager präsentiert werden.

So wurde die Asse kurzerhand für geeignet erklärt – mangels Alternative und wider besseres Wissen: Als 1967 mit der Einlagerung des Mülls in dem Salzstock begonnen wurde, sei den beteiligten staatlichen Institutionen bereits bewusst gewesen, dass »kein Raum der Grube trocken bleiben wird«, schreibt Möller. Offiziell wurde beschwichtigt, dem Bergwerk drohten weder Wassereinbrüche noch Einsturzgefahr. Interne Mahner wie der zuständige Unterabteilungsleiter aus dem Forschungsministerium wurden entmachtet.

Es war die Zeit atomarer Aufbruchstimmung. 1955, gleich nachdem die Genfer Konferenz der Bundesrepublik die zivile Nutzung der Kernenergie erlaubt hatte, wurde ein Bundesministerium für Atomfragen geschaffen (1962 umbenannt in Ministerium für wissenschaftliche Forschung). 1961 nahm das erste deutsche Atomkraftwerk in Kahl in Unterfranken seinen Betrieb auf, es folgten Gundremmingen und Obrigheim. Zwar gab es vereinzelt kritische Stimmen, doch die wurden als »Atompsychose« ewig Gestriger abgetan, die sich dem technischen Fortschritt in den Weg stellten.

Atomstrom stehe, so wurde propagiert, im Unterschied zu Strom aus Öl oder Kohle unbegrenzt zur Verfügung, und er sei konkurrenzlos billig. Ein Leben ohne Stromzähler war die Vision, doch die Wissenschaftler wussten noch sehr wenig über die Langzeitfolgen der neuen Technologie. 1969 etwa gab sich der Physiker Carl-Friedrich von Weizsäcker optimistisch, dass der gesamte Atommüll der Bundesrepublik im Jahr 2000 »in einen Kubus von 20 Meter Seitenlänge« hineinpassen würde. »Wenn man das gut versiegelt und verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, dass man damit dieses Problem gelöst hat.«

 Radioaktiver Müll wurde "eingepökelt"

Fässer mit radioaktivem Müll wurden ins Salz abgekippt und »eingepökelt«

Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Schon in den dreißiger Jahren, das weiß man inzwischen, war erstmals Wasser in den Schacht Asse II eingedrungen. Die beiden Nachbarschächte, Asse I und Asse III, waren bereits wenige Jahre nach ihrer Inbetriebnahme Anfang des vorigen Jahrhunderts voll Wasser gelaufen und mussten aufgegeben werden. Trotzdem behauptete der Staatssekretär im Bundeswissenschaftsministerium, Klaus von Dohnanyi (SPD), noch 1972 über Asse II: »Das Eindringen von Wasser kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.«

Salz gilt der Atomindustrie als ideales »Wirtsgestein« für radioaktiven Müll. Es sei extrem stabil und leite die Hitze ab, die vor allem hochradioaktiver Müll erzeuge. Die ältesten deutschen Salzformationen sind 240 Millionen Jahre alt. Doch es gibt zwei Faktoren, die diese Stabilität einschränken: Legt der Mensch im Salz Bergwerke an, entstehen Hohlräume und das Salz gerät in Bewegung; kommt das Salz in Berührung mit Wasser, wird es instabil – auf die Asse trifft beides zu. Als der Mensch sich näherte und Wege und Kammern heraussprengte, bekam das Gestein Risse.

Nach außen deklarierte die Politik den Schacht als Forschungsbergwerk; die Abfälle stammten aus Kernforschungszentren und nicht aus der Industrie. Von einem »Versuchsendlager« war die Rede. Das sollte der Bevölkerung suggerieren: Wenn die Forschung ergibt, dass der Schacht doch ungeeignet ist, wird der Atommüll eben wieder herausgeholt. Aber daran dachte niemand ernsthaft, was schon an der Art der Einlagerung zu erkennen ist. Hat man die Fässer anfangs noch sorgsam gestapelt, mal liegend, mal stehend, wurden sie später einfach mit einem Radlader einen Abhang im Berg hinuntergekippt und mit Salz überdeckt – im Jargon hieß die Methode »Einpökeln«. Dass dabei Fässer beschädigt wurden, kümmerte niemanden.

Von 1967 bis 1978 wurden 124.494 Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen und 1293 Fässer mit mittelradioaktivem Müll in der Asse eingelagert. Wobei die exakten Zahlen eine Gründlichkeit suggerieren, die – siehe Plutonium – trügerisch ist. Allein in den letzten Wochen und Tagen des Jahres 1978, bevor die Genehmigung zur Einlagerung auslief, wurden schnell noch über 30.000 Fässer unter Tage geschafft, sogar zwischen den Feiertagen. Wer will beschwören, dass in der Hektik jener Tage akribisch Buch geführt wurde über jedes einzelne Atommüllfass?

Die angelieferten Abfälle kamen überwiegend vom Kernforschungszentrum Karlsruhe und wurden als Forschungsabfall deklariert. Es stellte sich jedoch heraus, dass der größte Teil davon aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe stammte, die auf demselben Gelände betrieben wurde. Sämtliche Atomkraftwerke in Deutschland lieferten damals ihren Müll dorthin, sodass laut Umweltministerium in Wahrheit etwa drei Viertel aller Radioaktivität in der Asse aus der Energiewirtschaft stammten.

 Die Atomlobby macht den Staat verantwortlich

Die Atomlobby macht den Staat für die dilettantische Lagerung verantwortlich

Es war eine billige Entsorgung. Die Kosten der Wiederaufarbeitung trug das Forschungsministerium komplett. Und für die Einlagerung in der Asse zahlte die Atomindustrie eher symbolische Beiträge. Bis 1975 kostete es gar nichts, der Staat übernahm alles. Danach mussten, je nach Gewicht und Strahlung, zwischen 150 und 3700 Mark pro Fass entrichtet werden – insgesamt zahlte die Atomwirtschaft laut Umweltministerium 16,5 Millionen Mark für die Endlagerung in der Asse.

Eine Sanierung des Schachts würde ein Vielfaches kosten, zwischen zwei und vier Milliarden Euro, schätzt Umweltminister Gabriel. Daran möchte er die Atomwirtschaft beteiligen. Zwingen kann er sie nicht, es gibt keine Handhabe. Die Atomlobby ist sich dessen bewusst und hat Gabriel bereits die kalte Schulter gezeigt. Sie macht den Staat für die dilettantische Entsorgung verantwortlich. Der Präsident des Deutschen Atomforums, Wolfgang Hohlefelder, sagte in einem Fernsehinterview: »Wissen Sie, das ist so, als hätte Ihre Oma vor 20 Jahren Müll abgeliefert und dafür brav ihre Gebühren bezahlt. Und nun stellt sich raus, dass die Müllabfuhr diesen Müll nicht richtig entsorgt hat, und kommt und sagt: Ich hätte gern für die nachträgliche Entsorgung Geld.«

Es war der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), der dem Treiben in der Asse ein Ende setzte. Bei so großen Mengen Atommüll wie in der Asse könne wohl kaum von wissenschaftlichen Untersuchungen die Rede sein, meinte er. Praktisch handele es sich um Endlagerung. Für Endlager aber schrieb das Atomgesetz seit seiner Novellierung von 1976 vor, dass Einlagerungen nur noch nach einem Planfeststellungsverfahren mit Beteiligung der Öffentlichkeit erteilt werden durften. Vergeblich versuchte die Bundesregierung , die niedersächsische Regierung unter Druck zu setzen. Werde die Asse geschlossen, argumentierten Beamte von Forschungs-, Wirtschafts- und Innenministerium bei einem Treffen 1979, drohe angesichts überquellender Zwischenlager »der Erstickungstod für die Kernenergie«.

Seither, seit mehr als 30 Jahren, wurde kein Atommüll mehr in die Asse gebracht. Die Forscher der damaligen Betreiberin, der staatlichen Gesellschaft für Strahlenforschung, konzentrierten sich fortan tatsächlich auf Tests für ein künftiges Endlager – in Gorleben. Seit Ende der siebziger Jahre wurde der Salzstock im Kreis Lüchow-Dannenberg auf seine Eignung als Endlager vor allem für hochradioaktiven Müll untersucht. Inzwischen ruht die Erkundung von Gorleben. Die rot-grüne Bundesregierung setzte sie im Jahr 2000 aus. Umweltminister Gabriel will sie nur wieder aufnehmen, wenn zugleich nach alternativen Standorten gesucht wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Gorleben Endlager für hochradioaktiven Müll wird, ist zuletzt immer kleiner geworden. Kürzlich wurden Akten publik, die nahelegen, dass auf Druck des Kanzleramts im Jahr 1983, kurz nach der Amtsübernahme Helmut Kohls, einige kritische Passagen aus dem ursprünglichen Gutachten über die Sicherheit von Gorleben entfernt wurden. Passagen, in denen stand, dass zentrale Gesteinsschichten über dem Salzstock nicht ausreichen würden, um »Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten«.

In Gorleben wurde bis heute noch kein Müll eingelagert; er steht in Castorbehältern neben dem Salzstock in einem Zwischenlager aus Stahlbeton. Die Asse hingegen steckt voller strahlender Abfälle, die für Mensch und Umwelt durch das eindringende Wasser und die Einsturzgefahr des Schachts immer bedrohlicher werden.

Die Bevölkerung rund um den Höhenzug Asse, in den Dörfern Remlingen, Wittmar und Groß Vahlberg, hatte die Gefahr lange Zeit nicht wahrgenommen. Das Bergwerk, dessen »Asse-Sonnensalz« einst in alle Welt exportiert wurde, fügt sich in die sanft gewellte Landschaft zwischen Lüneburger Heide und Harz. Einzig ein übermannshohes gelbes A auf dem Hügel, aus Holzlatten gezimmert, wirkt irritierend. Das Symbol der Bürgerinitiative »aufpASSEn«.

Die Jüngeren in der Region kennen die Atommülltransporte aus eigenem Erleben nicht mehr. »Als die Einlagerung endete, war ich sechs«, sagt Udo Dettmann, Jahrgang 1972, Mitglied der Bürgerinitiative. In Scharen zogen die Demonstranten in den siebziger und achtziger Jahren nach Gorleben, auch aus den Dörfern hier. Die Asse ließen sie links liegen. »Man hielt die Asse für eine Altlast, für eine längst abgeschlossene Geschichte«, sagt Dettmann.

Vor fünf Jahren begann der Diplom-Ingenieur, der an der Fachhochschule Wolfenbüttel arbeitet, sich näher mit der Asse zu beschäftigen. Wie viele andere Menschen in der Region war er der Betreibergesellschaft gegenüber misstrauisch geworden, als herauskam, dass schon seit 1988 Tag für Tag 12.000 Liter Wasser ins Bergwerk laufen, die Öffentlichkeit aber sieben Jahre lang nicht informiert wurde.

Wie sicher ist die Asse? Das ist die Frage, die Dettmann seitdem umtreibt. Sieben Monitore stehen auf seinem Schreibtisch. Grafiken, Tabellen, schematische Darstellungen wechseln in raschem Tempo. Das Bergwerk im Querschnitt, im Längsschnitt. Dettmann deutet auf die Stelle, wo das Wasser eindringt, es kommt von oben, sickert aus der darüber liegenden Gipsschicht ins Salzgebirge. Wo es herkommt, weiß niemand. »Wie in jedem Bergwerk gilt auch hier: Vor der Hacke ist es duster«, sagt er. Dettmann sieht die größte Gefahr jedoch nicht in dem kontinuierlichen Rinnsal. Für wahrscheinlicher hält er, dass es irgendwann weiter unten im Schacht kräftig rumst und sich dann eine Springflut ins Bergwerk ergießt. Risse im Deckgebirge legten dies nahe. Eigentlich, meint Dettmann, sei das Bergwerk schon am Ende gewesen, als mit der Atommülleinlagerung begonnen wurde. 75 Jahre Lebensdauer gebe man einem Salzbergwerk im Durchschnitt. Der Schacht Asse II wurde 1906 abgeteuft.

Weil die Asse als Forschungsbergwerk galt, wurde sie all die Jahrzehnte nicht nach Atomrecht, sondern nach Bergrecht geführt. Sie unterstand dem Forschungsministerium und wurde von einem staatlichen Forschungsinstitut betrieben, das anfangs Gesellschaft für Strahlenforschung hieß. Je kritischer die Öffentlichkeit wurde, desto umweltverträglicher wurden die Namen der Forschungsstätte: In den siebziger Jahren benannte sie sich um in Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, später gar in Gesellschaft für Umwelt und Gesundheit, schließlich neutral in Helmholtz-Zentrum.

Im Schacht wurde ein Forschungslabor betrieben, aber was dort unten im Einzelnen geforscht wurde, hat die Öffentlichkeit nie so recht erfahren. Die graue Eminenz der Asse war der Bergbau-Ingenieur Professor Klaus Kühn, in der Branche auch ehrfurchtsvoll »Endlagerpapst« genannt. Schon 1965 kam er zur Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), von 1973 bis 1995 leitete er das neu gegründete Institut für Tieflagerung der GSF. Ihm ging es in seiner Forschung nicht um die Eignung der Asse als Endlager, auch nicht um den dort eingelagerten schwach- und mittelradioaktiven Müll – ihn interessierten die hochradioaktiven Abfälle und das dafür vorgesehene Endlager Gorleben.

In 553 Metern Tiefe biegen sich die Stahlträger

In 553 Meter Tiefe sind Stahlträger verbogen, als wären sie aus Gummi

Seine Arbeit in der Asse beschrieb er im Jahr 2001 so: »Ziel war es, für ein geplantes Endlager im Salzstock Gorleben die entsprechenden Techniken und die wissenschaftlich-technischen Daten zu ermitteln und bereitzustellen.« Für seine Forschungen wurde Kühn vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz; er gehört zahlreichen deutschen und internationalen Wissenschaftseinrichtungen an wie dem Board of Radioactive Waste Management der National Academy of Sciences der USA. Da Kühn ebenfalls als Zeuge vor dem Landtags-Untersuchungsausschuss vorgeladen ist – er nennt das ein »laufendes Verfahren« –, will er öffentlich nichts zu seiner Forschung sagen.

Auch Kühn, der vermeintliche Experte, hielt früher einen Wassereinbruch in der Asse für unmöglich. So schrieb er 1967 in einem Gutachten, »dass die Gefährdung für die Schachtanlage Asse II durch Wasser- oder Laugeneinbrüche als minimal anzusehen bzw. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sogar auszuschließen ist«.

Anfang dieses Jahres übernahm das Bundesamt für Strahlenschutz, eine Behörde des Bundesumweltministeriums, die Verantwortung für den maroden Schacht, der nun nach dem strengeren Atomrecht betrieben wird. Wichtigstes Ziel des Behördenleiters Wolfram König ist zunächst die Rückgewinnung von Vertrauen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Einrichtung eines Informationszentrums im leer stehenden Steigerhaus der Asse. In Videoinstallationen erfährt der Besucher nun alles über Gesteinsformationen und fachgerechte Atommüllagerung. Transparenz lautet das Credo. Das ist neu hier.

Wer heute in den Schacht einfahren will, tut dies schwer bepackt: weißer Bergmannsdrillich, Sicherheitsschuhe, Helm mit Grubenlampe, dazu einen »Selbstretter« genannten Koffer mit Sauerstoffvorrat für eine Stunde sowie ein Dosimeter zur Messung der Strahlendosis. Mit zehn Meter pro Sekunde rauscht der Förderkorb 490 Meter in die Tiefe. Man muss sich das Grubengebäude wie ein Hochhaus vorstellen, auf der obersten Etage hält der Förderkorb. Beim Aussteigen fällt der Blick auf eine Skulptur der heiligen Barbara an der Wand, Schutzpatronin der Bergleute. Das Hochhaus hat 13 Stockwerke und pro Etage neun hintereinanderliegende Kammern.

Die Luft ist trocken und warm und schmeckt leicht nach Salz. Im weißen offenen Jeep geht die Fahrt spiralenförmig nach unten, wie in einem Parkhaus. Die Wände der röhrenartigen Straße sehen aus, als hätte ein Schneepflug Unmengen Neuschnee zur Seite geschoben, der sich allmählich vom Straßenverkehr schmutzig-schwarz verfärbt. Je tiefer man gelangt, desto wärmer wird es, ganz unten herrschen rund 35 Grad.

Erste Station, die 553-Meter-Sohle. Hier lassen sich die ungeheuren Kräfte des Deckgebirges studieren. Schwere Stahlträger sind verbogen, als wären sie aus Gummi. Der Salzbergbau ließ nur ein Gerippe aus dünnen Decken und schmalen Seitenwänden zurück, es wurde so viel Salz abgebaut wie möglich. Dem Druck des darüberliegenden Gesteins kann das Gerippe nicht mehr lange standhalten – wenn nichts geschieht, ungefähr fünf Jahre. Um mehr Stabilität zu erzielen, wurden die Kammern in den letzten Jahren mit Salz verfüllt. Doch das Salz sackte zusammen, sodass unter den Decken ein Hohlraum klafft. Der eigentliche Zweck, die Decken vom Gebirgsdruck zu entlasten, wurde somit nicht erreicht. Nun sollen diese Hohlräume mit Beton gefüllt werden, was die Standsicherheit bis 2020 verlängern würde. Das Bundesamt für Strahlenschutz will so Zeit gewinnen, um ein Konzept zur Schließung des Schachts zu entwickeln.

Zweite Station, die 658-Meter-Sohle. Hier wird das einsickernde Wasser aufgefangen, Tag für Tag 12.000 Liter. Irgendwo zwischen 500 und 600 Meter Tiefe, so wird angenommen, läuft es in den Schacht, es rinnt die Wände entlang und wird in Tanks gesammelt. Alle zwei bis drei Tage wird das Wasser nach oben gepumpt und in einem stillgelegten Bergwerk entsorgt. Das Helmholtz-Zentrum hielt es lange nicht für nötig, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Das zuständige Bergamt habe es ja gewusst, rechtfertigt der langjährige Pressesprecher des Zentrums, Heinz-Jörg Haury, das damalige Verhalten.

Dritte, letzte Station, die 750-Meter-Sohle. Ein Absperrband hält Besucher zurück, gelbe Schilder warnen: »Vorsicht, Kontamination«. Hier ist es passiert: Wasser ist mit radioaktiven Abfällen aus einer Kammer in Berührung gekommen; es hat sich ein mit Cäsium 137 verseuchter Sumpf gebildet. Außerdem schlug an dieser Stelle 1973 ein Fass beim Transport leck, Reste des Bodens sind bis heute verstrahlt. Das Helmholtz-Zentrum hat die radioaktive Lauge damals kurzerhand in Behälter gepumpt und sie 25 Meter weiter nach unten geschafft. Dafür gab es keine Genehmigung, und die Öffentlichkeit erfuhr von diesen Unfällen ebenfalls nichts.

Der Bevölkerung wurde die Asse als Erlebnispark präsentiert. Besucher wurden ohne besondere Schutzvorkehrungen herumgeführt. Die radioaktive Strahlung im Schacht sei niedriger als die natürliche Umgebungsstrahlung über Tage, pflegte Helmholtz-Sprecher Haury zu sagen, der des Öfteren Besucher durch die Asse führte. Schulklassen, Taubenzüchter, Schützenvereine – sie alle wurden hier durchgeschleust. Bei Kindern und Jugendlichen aus der Region galt es als besonderes Event, hier unten Geburtstagsfeste zu feiern. Selbst ein Gottesdienst mit drei Pastoren und 150 Gläubigen wurde vor strahlender Kulisse abgehalten, begleitet von einem kompletten Posaunenchor, offenbar im festen Gottvertrauen, dass die Asse standfester sei als die Mauern von Jericho.

Die Gottesdienstbesucher werden vermutlich nicht gewusst haben, was da alles um sie herum lagerte, während sie sangen und beteten. Außer radioaktiven Abfällen von Metallschrott, Filtern und Bauschutt bis zu Grafit-Kugelbrennelementen wurde auch jede Menge Giftmüll in die Asse gekippt: über 1300 Tonnen Gifte wie Arsen und Quecksilber, Pflanzenschutzmittel. Auch Tierkadaver lagern hier. Noch ist weitgehend unbekannt, was passiert, wenn das Chemiegift und der radioaktive Müll zusammenkommen. Auch Sprengstoff lag bis zum Juli dieses Jahres noch hier; er wurde für das Anlegen von Wegen und Kammern gebraucht.

In einem Leukämiefall wird ermittelt

Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt in einem Leukämiefall

Womöglich wurde sogar, genehmigungswidrig, auch hochradioaktiver Abfall in die Asse gebracht. Der Verdacht erhielt vor wenigen Wochen neue Nahrung, als das Fernsehmagazin Monitor einen Briefwechsel des Forschungsministeriums mit der Siemens AG aus dem Jahr 1966 veröffentlichte. Das Ministerium hatte dem Konzern zugesichert, »einen Teil« von »ca. 25 Fässern mit hochradioaktivem Abfall (Kernbrennstoff)« in der Asse einlagern zu dürfen. »Wir danken Ihnen für diese Möglichkeit zur Entlastung unserer Lagerkapazität«, antwortete Siemens, »und erwarten bei gelegentlichen Anfragen einen Ihnen günstigen Termin für die Anlieferung in Asse II.« Ob der strahlende Abfall tatsächlich angeliefert wurde, so behauptet Siemens, wisse man nicht mehr – die Akten seien nicht mehr vorhanden, da die vorgeschriebene Aufbewahrungszeit von 30 Jahren abgelaufen sei. Das Bundesamt für Strahlenschutz will den Hinweisen nachgehen. Und der parlamentarische Untersuchungssausschuss hat Siemens-Chef Peter Löscher vorgeladen.

Auch über den Zustand der Atommüllfässer ist wenig bekannt, seit sie allesamt mit Salz zugeschüttet wurden. Der Hannoveraner Gutachter Wolfgang Neumann nimmt an, dass all jene Fässer, die achtlos abgekippt wurden, schon bei der Einlagerung beschädigt wurden. Sollten sie mit Wasser in Berührung kommen, würden schnell radioaktive Stoffe freigesetzt. Außerdem »dürfte es an den Fässern inzwischen Schäden durch Korrosion geben«, glaubt Neumann. Dadurch würden ebenfalls radioaktive Stoffe freigesetzt.

Die von diesen Stoffen ausgehende ionisierende Strahlung kann Krebs auslösen. Eckbert Duranowitsch hat sich darüber nie Gedanken gemacht, auch nicht, als er vor zehn Jahren an Leukämie erkrankte. Von 1987 bis 1990 arbeitete er als Maschinenschlosser in der Asse. Im ganzen Schacht sei er rumgekommen, auch an der verseuchten Lauge ganz unten auf der 750-Meter-Sohle habe er gearbeitet. Im Schlauchboot, sagt der heute 47-Jährige, habe er die Brühe überquert, um zu Messpunkten zu gelangen. Strahlung sei nie ein Thema gewesen, ein Dosimeter habe er nicht tragen müssen. Eine Wanderung auf dem Brocken, habe man ihm gesagt, sei gefährlicher, als da unten zu arbeiten.

Als sich im Sommer 2008 die Berichte von einem »Laugensumpf« häuften, als immer öfter von Unregelmäßigkeiten und Gefahren in der Asse die Rede war, da fing Eckbert Duranowitsch an nachzuforschen. Er sitzt vor seinem Haus am Rand von Wolfenbüttel, vor sich ausgebreitet hat er einen Berg von Akten. Denen hat er entnommen, dass die Lauge mit bis zu drei Millionen Bequerel Tritium verstrahlt war – das Zwanzigfache der damaligen Freigrenze. »Ich erinnere mich, dass ich die Lauge eimerweise tragen musste«, sagt er.

Inzwischen weiß Duranowitsch, dass Tritium besonders gefährlich ist, weil es eingeatmet oder durch die Haut aufgenommen werden kann – und dass es Leukämie auslöst. Er ist fest davon überzeugt, dass seine Leukämie durch die Arbeit in der Asse verursacht wurde. Deshalb hat er im Juni dieses Jahres bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig Anzeige gegen mehrere Verantwortliche des Helmholtz-Zentrums erstattet, wegen schwerer Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat schon lange den Verdacht, dass wesentlich mehr Tritium in der Asse lagert als offiziell angegeben. Das ergebe sich aus den Quellen des Betreibers selbst. Die vom Helmholtz-Zentrum jährlich genannten Tritiumwerte in der Abluft seien viel höher, als sie laut Inventarlisten sein dürften. Dies lasse den Schluss zu, dass in der Asse mehr Tritium lagert als bisher zugegeben – etwa das Viereinhalbfache, schätzt Greenpeace. Das wirft die Frage auf, was die Inventarangaben für andere radioaktive Stoffe noch wert sein mögen. Für Plutonium weiß man es inzwischen: Nichts sind sie wert.

Es sei sein Glück gewesen, sagt Eckbert Duranowitsch, dass er an Professor Arnold Ganser von der Medizinischen Hochschule Hannover geriet. Seit 30 Jahren befasst sich der Krebsarzt mit ionisierender Strahlung. Die sogenannte akute myeloische Leukämie, wie Duranowitsch sie bekam, sagt Ganser, sei genau jene, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst werde. »Das weiß man seit Hiroshima und Nagasaki.« Auch die Latenzzeit von zehn Jahren, wie bei Duranowitsch, sei typisch dafür. Beweisen freilich könne man nicht, dass der Arbeiter Strahlung abbekommen habe.

Eckbert Duranowitsch überlebte die Krankheit dank einer Knochenmarkspende seines älteren Bruders. Doch ist er seither erwerbsunfähig. Und er kämpft jetzt darum, dass seine Krankheit als Berufskrankheit anerkannt wird. Das lehnt die Berufsgenossenschaft ab. Duranowitsch sei nie einer Strahlung ausgesetzt gewesen, behauptet die Behörde und stützt sich auf eine Liste mit Messergebnissen, angeblich Duranowitschs Dosimeterwerte für die Zeit seiner Beschäftigung auf der Asse. Alle Werte, Monat für Monat, lauten: 0,0. »Ich habe nie ein Dosimeter getragen!??, sagt er empört.

Der radioaktive Müll könnte in die Elbe sickern

Der radioaktive Müll könnte in die Elbe sickern

Als im Untersuchungsausschuss des Landtages der Asse-Strahlenschutzbeauftragte der Jahre 1985 bis 1995 befragt wird, einer von denen, die er angezeigt hat, sitzt Duranowitsch in der ersten Stuhlreihe und hört gespannt zu. Alle Mitarbeiter hätten ein Dosimeter gehabt, sagt der ehemalige Strahlenschutzbeauftragte aus, aber es habe jedem freigestanden, es zu tragen – oder nicht. »Ich habe den Mitarbeitern gesagt: Macht’s, wie ihr wollt.« Er habe allerdings auch nicht getragene Dosimeter an die amtliche Auswertungsstelle geschickt: »Die hat dann immer die Dosis ›null‹ mitgeteilt.«

Mit der Asse, das ist klar, kann es kein gutes Ende mehr nehmen. Es bleibt nur die Wahl, die beste von drei schlechten »Schließungsoptionen« zu finden. Welche das sein wird, lässt das Bundesamt für Strahlenschutz derzeit von Gutachtern prüfen. Variante 1: Den Müll dort liegen lassen lassen, wo er ist, und alle Hohlräume komplett mit Beton verfüllen. Variante 2: Alle Abfälle herausholen; dazu müssten sie unter Tage umverpackt werden, und es müsste ein Zwischenlager gebaut werden – ein großes, denn zum Atommüll käme dann noch das verseuchte Arbeitsgerät. Variante 3: Den Atommüll tiefer legen, ihn in einem neuen, weit unter dem Bergwerk gelegenen, hoffentlich sicheren Hohlraum endlagern. Alle drei Varianten kosten Zeit, vermutlich mehrere Jahre, und setzen voraus, dass der Schacht nicht vorher absäuft oder einstürzt. Schon in wenigen Wochen, verkündete Umweltminister Gabriel vor Kurzem bei einem Besuch in der Asse, soll die Entscheidung fallen, welches Konzept verfolgt wird.

In Norddeutschland sind von 255 Salzbergwerken 89 abgesoffen, jedes anders, auf eigene Art. Asse I etwa lief einfach voll Wasser, leise und langsam, die Menschen über Tage bemerkten es gar nicht. Kalischacht Sascha bei Hedwigsburg hingegen, nur sieben Kilometer von der Asse entfernt, brach für alle sichtbar zusammen. Die Erde gab an vielen Stellen nach, es bildeten sich Senken; 15 Jahre später folgte eine erdbebenähnliche Erschütterung, ein Krater tat sich auf und füllte sich mit Wasser – noch heute ein See von 100 Meter Durchmesser.

Wieder anders das Bergwerk Hercynia, 20 Kilometer südlich der Asse. Es begann wie in Asse II mit einem täglich zulaufenden Rinnsal, das zu einer Flut von 100000 Litern anschwoll. Die Arbeiter bauten ungerührt weiter Salz ab, bis die Frühschicht eines Tages »donnerartiges Getöse« hörte. Eine Lawine aus Wasser und Schlamm stürzte auf sie zu, Geröll und Holzverschalungen mit sich reißend. Mit Not konnten sie sich aus der Grube retten.

Mit Asse II wird es wieder ganz anders kommen. Während bei Hercynia mit dem Einsturz des Schachts die Katastrophe vorbei war, würde sie beim Schacht Asse II erst beginnen. Seine riesigen Hohlräume fördern die Bildung von Rissen, Spalten und Fugen. Hätten sich die 126.000 Fässer erst einmal aufgelöst, würden sich die verseuchten Lösungen in alle Richtungen ausbreiten. Die Grundwässer bei der Asse gehören zum Einzugsbereich der Weser, Hydrologen vermuten auch Verbindungen zur Elbe. Das Ende der Asse würde weit über die Region hinaus strahlen.