50 Jahre "Blechtrommel" Die Mörder von Danzig
Nach dem Sturm auf die Polnische Post am 1. September 1939 sprach die deutsche Justiz blutig Recht. Die Dokumentation eines Dramas, das Günter Grass in seiner »Blechtrommel« beschrieb
Als der große Danzig-Roman Die Blechtrommel von Günter Grass vor 50 Jahren erschien, oblag es kurz darauf dem Vizepräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts Bremen, Dr. Kurt Bode, einen Verbotsantrag gegen das Buch zu überprüfen. Es sei pornografisch. Damals landeten viele inzwischen berühmte Bücher vor deutschen Gerichten – von Henry Millers Sexus, Plexus, Nexus-Trilogie bis zu Vladimir Nabokovs Lolita. Doch Bode hielt sich aus wohlüberlegten, allerdings nicht zensurfeindlichen Gründen zurück. Zu einem Verbot kam es nicht. Zehn Jahre später erinnerte sich der inzwischen pensionierte Richter in einem Gespräch an seine Lektüre der Blechtrommel: »Ich habe es nach zwei Kapiteln wieder weggelegt. Die Polen und die Danziger waren ganz anders.«
Wahrscheinlich war das eine Lüge. Der Richter hatte nach 1945 oft und erfolgreich gelogen, wenn es um seine Rolle im »Dritten Reich« ging. Denn wenige Tage nach Kriegsbeginn hatte Kurt Bode 38 Verteidiger der Polnischen Post in Danzig, unter ihnen Franzciszek Krause, einen Onkel von Günter Grass, zum Tode verurteilt. Sie wurden alle erschossen. Es war ein Justizmord sondergleichen. Die Kapitel 18 bis 20 der Blechtrommel erzählen, wie es dazu kam. Ganz gewiss hatte Bode auch diese Passagen gelesen; denn sie entsprachen in nobelpreiswürdiger dichterischer Ausstattung der historischen Wirklichkeit.
Bei einem Verbotsverfahren gegen den bereits berühmten Roman wäre Bodes furchtbare Rolle im Danziger Drama von 1939 öffentlich geworden; sein Lebenslauf lag, wenngleich geschönt, in den Personalakten der Justiz. Mithin gab es in der Hansestadt keine Zensurmaßnahmen gegen die Blechtrommel. Allerdings weigerte sich der CDU-regierte Senat im selben Jahr, den hoch dotierten Bremer Literaturpreis an Günter Grass zu verleihen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt ahnte Kurt Bode bereits, dass gegen ihn wegen Justizmordes ermittelt wurde. Die deutsche Frau eines in Danzig hingerichteten polnischen Postbeamten hatte in Hamburg Anzeige erstattet und auf Schadensersatz geklagt. Die Staatsanwaltschaft reichte das Verfahren 1960 nach Bremen weiter. Es führte zu nichts; denn dort war der zuständige Staatsanwalt ebenso wie Bode ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Acht weitere Ermittlungsverfahren gegen Bode wg. Mordes durch Rechtsbeugung in der Danziger Angelegenheit sollten im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte folgen. Sie wurden alle unter windigen Vorwänden eingestellt. Zeugen wurden nicht gehört, ein Gutachten verschwand, Akten wurden verlegt. In ihre historische Unschuldsburg ließ die deutsche Nachkriegsjustiz niemanden eindringen. Wer hier hauste, genoss Generalamnestie.
»Der deutsche Rechtswahrer ist heute der Mitarbeiter des Führers«, hatte der inzwischen wieder zu konservativen Ehren gekommene Staatsrechtler Carl Schmitt nach 1933 geschrieben – und diese Mitarbeit hörte 1945 keineswegs auf, sondern spezialisierte sich nach dem Selbstmord des Vorarbeiters im Führerbunker auf Vertuschung, manipulierte Entnazifizierungsverfahren und persönliche Schadensbegrenzung für Richter, Staatsanwälte und Vollzugsbeamte des »Dritten Reichs«.
Unter den exemplarisch mörderischen Richtern und 35 Generalstaatsanwälten des »Dritten Reiches« ragte Kurt Bode als ein fachlich exzellenter Karrierist heraus, der herzenskalt und gnadenlos urteilte oder anklagte. In seine Dienstzeit als Danziger Generalstaatsanwalt fielen mindestens 277 vollstreckte Todesurteile – zum Beispiel wegen »Hühnerdiebstahl« oder weil »der Verurteilte Leo Strasburger feindliche Rundfunksendungen abgehört und verbreitet und sich gegen das Deutsche Reich hochverräterisch betätigt hat«. Als 84-Jähriger starb Bode kurz vor Weihnachten 1979 einen friedlichen Tod – ein pensionierter Spitzenjurist und Hobbysegler in der idyllischen norddeutschen Kleinstadt Mölln bei Lübeck, nur wenige Kilometer entfernt von der gegenwärtigen Werkstatt und Wohnung des Danziger Dichters und Bildhauers Günter Grass. Sie sind sich nie bewusst begegnet.
- Datum 14.09.2009 - 10:05 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




vielen dank für diesen wunderbaren, sehr aufschlußreichen artikel! er erleuchtet das fundament der brd und erklärt auch, sonst irrational anmutende, teile der gegenwart.
Auch von mir vielen Dank für die Beschreibung der damaligen Realität. Er ist ein weiterer Beleg für die Kriegsschuld der Nazis. Der Angriff auf die Danziger Post war ein Gipfel terroristischer Irrationalität und sinnloser Zerstörungswut. Feuerwehrleute betätigen sich als Brandstifter - von Goebbels voyeuristisch im Film für die Nachwelt konserviert. Darf es wirklich noch Menschen geben die solche Bilder sehen wollen? Dürfen Filmemacher die perversen Bedürfnisse dieser sadistischen Menschen befriedigen? Nein.
"Darf es wirklich noch Menschen geben die solche Bilder sehen wollen?"
Sehr freundlich von Ihnen festzulegen was für Menschen es geben darf und welche nicht ...
"Darf es wirklich noch Menschen geben die solche Bilder sehen wollen?"
Sehr freundlich von Ihnen festzulegen was für Menschen es geben darf und welche nicht ...
Die Folter-Offiziere von Abu Ghuraib machen immer noch Karriere - die Kritiker und Verweigerer sind längst aus der Army ausgestossen.
Die Stasi-Mittäter sind in Amt und Würden oder bekommen Rente - die Opfer und die Bürgerrechtler sind längst vergessen.
Verurteilungen für die Menschenrechtsverstösse Israels in Gaza ? Fehlanzeige.
Tschetschenien ? Anna Politkowskaja hat ihren Kampf dagegen mit dem Leben bezahlt.
Was sagen wir also unseren Kindern? Wer sich wehrt lebt verkehrt ? Nur Mitläufertum lohnt sich?
"Darf es wirklich noch Menschen geben die solche Bilder sehen wollen?"
Sehr freundlich von Ihnen festzulegen was für Menschen es geben darf und welche nicht ...
Die Ergnisse um den 1. September 1939 in Danzig und an der Westerplatte erschüttern mich immerwieder. Ich bin zwar erst am 13. November 1944 in Danzig-Langfuhr (in der Nähe wohnte Günter Grass) geboren. Aber die Folgen dieser deutschen Verbrechen hatten meine Mutter und ich zu tragen, denn wir mussten Ende Januar 1945 vor der anrückenden russischen Armee flüchten. Gottseidank fanden wir auf der überfüllten WILHELM GUSTLOFF keinen Platz mehr. Erst mit der TANGER konnten wir Gotenhafen (Gdingen) in Richtung Westen verlassen. Ich studiere z. Zt. mit grosser Betroffenheit das ausgezeichnete Buch von Ernst Klee "Das Personenlexikon zum Dritten Reich - Wer war was vor und nach 1945" und fand auch den "Blutrichter" Kurt Bode. Es ist einfach unglaublich, wieviele von "Hitler's Willigen Vollstreckern" nach dem Kriege Karriere gemacht haben. Als Hobby-Historiker befasse ich mich mit dem weltbekannten Judenretter OSKAR SCHINDLER und seiner schwierigen Zeit nach dem Kriege in Argentinien und Deutschland. Immermehr erkenne ich das Wirken dieser "Karrieristen", die dem Judenretter (Vaterlandsverräter) "verdeckt" allergrösste Schwierigkeiten bereiteten. Besonders schlimm war dies in Argentinien, wo die geflüchteten NS-Kriegsverbrecher unter der schützenden Hand des argentinischen Präsidenten PERON ein gegenseitig sehr nützliches Netzwerk (Uki Goni "The Real ODESSA")aufgebaut hatten.
Mit freundlichen Grüssen
Klaus Metzger
HILDESHEIM
www.twitter.com/klmmetzger
www.talker.co.il/klmmetzger
Man muss sich mal vorstellen einen Menschen als Vorgesetzten zu haben, der Hunderte von Todesurteilen vollstrecken liess. Das Leben ihrer Untergebenen ist denen vollkommen gleichgültig. Sie sperren sie stundenlang in Büros ein, beschäftigen sie mit sinnlosen Arbeiten und nerven sie von Zeit zu Zeit mit ihren Launen. Mit solchen Vorgesetzten möchte ich nichts zu tun haben. Es sind genau die, die besseren Arbeitsbedingungen im Wege stehen. Faschismus pur. In abgemilderter Form gibt es das auch heute noch.
Man muss sich mal vorstellen einen Menschen als Vorgesetzten zu haben, der Hunderte von Todesurteilen vollstrecken liess. Das Leben ihrer Untergebenen ist denen vollkommen gleichgültig. Sie sperren sie stundenlang in Büros ein, beschäftigen sie mit sinnlosen Arbeiten und nerven sie von Zeit zu Zeit mit ihren Launen. Mit solchen Vorgesetzten möchte ich nichts zu tun haben. Es sind genau die, die besseren Arbeitsbedingungen im Wege stehen. Faschismus pur. In abgemilderter Form gibt es das auch heute noch.
Da haben sich die Polen aber wenig demokratisch benommen.
Hätten sie auch nur ein Stückchen der Idee der Demokratie inkorporiert gehabt, Danzig wäre 1919 deutsch geblieben, dei Bewohner hätten entschieden, wohin sie sich orientierten.
Was sollte Deutschland nach dem Versallier Vertrag von den Demokratien der Welt noch lernen. Es gab nichts zu lernen, außer wie man den Willen eines Volkes außer Krauft setzt.
Ihren Sarkasmus können Sie sich sparen. Ich habe in keinster Weise festgelegt welche Menschen es geben darf und welche nicht. Wir müssen leider auch mit Sadisten oder Terroristen leben. gut dass es nur wenige davon gibt. Ich hatte lediglich andeuten wollen dass ich mir Filme wie die von Goebbels mit brennenden und explodierenden Gebäuden nicht ansehe. Darauf verzichte ich gerne. Ich schaue mir lieber Talkshows oder Satiresendungen an. Ich finde es lediglich schade und bedauernswert dass es Menschen gibt die sowas sehen wollen - meine Frau gehört auch dazu.
Gruss
Man muss sich mal vorstellen einen Menschen als Vorgesetzten zu haben, der Hunderte von Todesurteilen vollstrecken liess. Das Leben ihrer Untergebenen ist denen vollkommen gleichgültig. Sie sperren sie stundenlang in Büros ein, beschäftigen sie mit sinnlosen Arbeiten und nerven sie von Zeit zu Zeit mit ihren Launen. Mit solchen Vorgesetzten möchte ich nichts zu tun haben. Es sind genau die, die besseren Arbeitsbedingungen im Wege stehen. Faschismus pur. In abgemilderter Form gibt es das auch heute noch.
Ich verstehe ihren Kommentar nicht. Wo ist der Bezug vom ersten Satz zum Rest???
Ich verstehe ihren Kommentar nicht. Wo ist der Bezug vom ersten Satz zum Rest???
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren