Ein Jahr Lehman»Der Mist darf sich nicht wiederholen«

Ein Jahr nach Lehman: Die Regierung will die Boni der Banker deckeln. Doch an die großen Ungleichheiten wagt sie sich nicht heran

Einer wie Alexander Dibelius rutscht schnell in die Rolle des Buhmanns. Der Deutschlandchef von Goldman Sachs war mal Arzt, verdient sein Geld aber heute als Banker. Dibelius arbeitet für ein Finanzinstitut, das mitten in der Krise dicke Gewinne einfährt – allein 4,4 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2009. Und er spricht aus, was viele Bankchefs nur hinter vorgehaltener Hand sagen: Die Boni der Banker zu deckeln sei irgendwie das falsche Thema.

Man sagt so etwas nicht in einer Zeit, in der die Regierungschefs weltweit damit beschäftigt sind, die Scherben der Krise zusammenzukehren. Man darf es wahrscheinlich nicht einmal denken, da in Deutschland der Wahlkampf läuft und die Kanzlerin und ihr Herausforderer auf den Marktplätzen des Landes erklären müssen, warum die Große Koalition die Banken rettete.

Anzeige

Das Dumme ist nur: Dibelius hat recht.

Vor einem Jahr, am 15. September 2008, kollabierte die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers. Es war der Moment, der die Finanzwelt ins Chaos stürzte. Die Börsen gingen in die Knie. Den Banken ging das Geld aus. In Deutschland lösten die ersten Sparer ihre Konten auf.

Am Nachmittag des 5. Oktober stellen sich Angela Merkel und Peer Steinbrück in Berlin vor die Fernsehkameras. Die Regierung garantiere von nun an für die Sicherheit aller Spareinlagen, verkünden die Kanzlerin und ihr Finanzminister. Es ist die Stunde der Politik. Der angeblich überlegene Markt hat versagt. Der Staat, über Jahrzehnte hinweg gegängelt, kritisiert und zurechtgestutzt, kehrt zurück.

600 Milliarden Euro – das Doppelte des jährlichen Bundeshaushalts – nahm die Bundesregierung seither in die Hand, um für Banken zu bürgen und sich direkt an einzelnen Instituten zu beteiligen; um die Rezession zu mildern und den Absturz am Arbeitsmarkt zu dämpfen. 2010 werden die Staatsausgaben fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmachen – es ist der zweithöchste Stand seit Bestehen der Republik. Viel ist seit dem Fall von Lehman vom »starken Staat« die Rede. Von einer stabileren und vielleicht auch gerechteren Wirtschaftsordnung.

Doch nun sitzt der Staat auf einem Haufen Schulden – und ist in Wahrheit schwächer denn je.

Ein Jahr nach dem Fall von Lehman und wenige Wochen vor dem Weltfinanzgipfel in Pittsburgh werden Positionen abgesteckt und Pflöcke eingerammt. »Ich will alles tun, damit so eine Krise nicht wieder vorkommt«, sagt Angela Merkel. »Der Mist darf sich nicht wiederholen«, fordert Peer Steinbrück. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister geben sich als die Antreiber auf internationaler Bühne. Man habe schon lange vor der Krise auf strengere Regeln für Hedgefonds gedrungen und mache jetzt in der Debatte um die Boni Druck. Am 27. August schreibt Steinbrück an seine Amtskollegen aus den G-20-Staaten, »überhöhte Bonuszahlungen« seien angesichts der Staatshilfen für den Finanzsektor nicht vermittelbar. Das heißt: Den Deutschen geht es um die Gehälter von Leuten wie Alexander Dibelius.

Leserkommentare
  1. die sicher ungerechte Verteilung von Vermögen ist keine Ursache der Finanzkrise! Die eigentliche Ursache ist die Loslösung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft. Die Wettgeschäfte im Casino Finanzwirtschaft haben die Krise verursacht, statt Geld in reale Investitionen zu stecken wurde es mit virtuelle Papieren verzockt:
    http://geld-arbeitet-nich...
    Schlimm ist, das diese Zockerei von der Politik nach Kräften gefördert wurde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

    Darauf ist fast jeder Staat scharf. Deswegen wird sich auch nichts Grundsätzliches ändern.

    Wo der Artikel sicherlich Recht hat, ist der Umstand, dass sich Amerika seit Jahrzehnten von den Staaten das Geld leiht, die dann mit ihren Produkten die Konsumlust der Amerikaner befriedigen dürfen.

    Die Export-Staaten arbeiten für die Amerikaner und bekommen dafür die amerikanischen Schuldscheine. Um die Produkte auch weiterhin nach Amerika verschiffen zu dürfen, muss die Arbeit immer billiger werden, sonst würde ja ein anderer.

    Kein sehr genialer Plan, den unsere Frau Kanzlerin da pflegt. Naja, sie liebt scheints Amerika über alles, und ist scheints der festen Überzeugung, dass sei den deutschen Angestellten und Arbeitern noch ein bisschen was abverlangen kann. Um Amerikas Konsumbedürfnisse zu befrieden, schnallt man den Gürtel doch gerne noch ein bisschen enger.

    Wollen wir hoffen, dass Amerika auch tatsächlich wieder mitspielt und den Handel 'Produkte gegen Schuldscheine' wieder aufnimmt, denn sonst sieht's auf unserem von der Politik auf Export getrimmten Arbeitsmarkt zappenduster aus.

    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

    Darauf ist fast jeder Staat scharf. Deswegen wird sich auch nichts Grundsätzliches ändern.

    Wo der Artikel sicherlich Recht hat, ist der Umstand, dass sich Amerika seit Jahrzehnten von den Staaten das Geld leiht, die dann mit ihren Produkten die Konsumlust der Amerikaner befriedigen dürfen.

    Die Export-Staaten arbeiten für die Amerikaner und bekommen dafür die amerikanischen Schuldscheine. Um die Produkte auch weiterhin nach Amerika verschiffen zu dürfen, muss die Arbeit immer billiger werden, sonst würde ja ein anderer.

    Kein sehr genialer Plan, den unsere Frau Kanzlerin da pflegt. Naja, sie liebt scheints Amerika über alles, und ist scheints der festen Überzeugung, dass sei den deutschen Angestellten und Arbeitern noch ein bisschen was abverlangen kann. Um Amerikas Konsumbedürfnisse zu befrieden, schnallt man den Gürtel doch gerne noch ein bisschen enger.

    Wollen wir hoffen, dass Amerika auch tatsächlich wieder mitspielt und den Handel 'Produkte gegen Schuldscheine' wieder aufnimmt, denn sonst sieht's auf unserem von der Politik auf Export getrimmten Arbeitsmarkt zappenduster aus.

    • fanta4
    • 15.09.2009 um 12:36 Uhr

    Die einzige Partei in Deutschland, die die richtigen Schlüsse aus der Krise (und deren Entstehung) gezogen hat und diese auch Umsetzen will, sind die Linken. Da kann man die Vorschläge der UN-Kommission 1:1 im Programm finden.

    Ob Herr Dibelius sich traut, die Linken zu wählen?

    • Piepe
    • 15.09.2009 um 12:42 Uhr

    widersprechen. Es ist sehr wohl in nationalen Rahmen etwas gegen die Ungleichheit zu tun, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.
    Die urkapitalistische Schweiz, dass wettbewerbsfähigste Land der Welt, hat alle Einkommensarten sozialversicherungspflichtig gemacht und die Beitragsbemessungsgrenzen abgeschafft.

    Mit einem Klientelpolitiker wie Westerwelle ist dies nicht zu machen
    Seltsam das die ökonomische Vernunft ganz und gar bei den Linken zu finden ist.

  2. ...habe ich den Eindruck das wenn die einen (aktuelle Verantwortliche in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) sagen "sowas darf sich nicht wiederholen" diese primär an die global agierenden Kapitalbesitzer/verschieber denken und die anderen (kommende Verantwortliche in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) an die Menschen die sich innerhalb der Binnenwirtschaft durchschlagen müssen. Dazu zählen immerhin alle Arbeitnehmer, Kinder und Jugendliche, Rentner und Auszubildende, Arbeitslose und 1 Eurojobber...

    Die einen haben konkret an Glaubwwürdigkeit und Vertrauen verloren wärend die anderen diese wichtigen Aspekte gerade am Aufbauen, Ueberzeugen und Gewinnen sind.

  3. In diesem Artikel werden die Ungleichheiten gut herausgearbeitet und die Mitschuld dieser, gepaart mit der Exportfixierung, an der Krise bestätigt. Drei Artikel weiter wird aber über O.Lafontaine hergezogen, der genau diese Ungleichheit anprangert und mit der faireren Abgabenquote z.B. skandinavischer Ländern vergleicht. (http://www.zeit.de/politi...)

    Jetzt fragt sich der ZEIT-Leser: Was denn nu??? Ist die Linke jetzt der Teufel oder haben sie letzlich Recht?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    Antwort auf "Jaja die ZEIT..."
    • LH
    • 15.09.2009 um 13:22 Uhr

    Vielen Dank für diesen guten Artikel, der endlich mal in die Nähe der tieferen Ursachen der Krise vorstößt. Es ist erschreckend zu sehen, wie wenig Wirtschaftskompetenz unsere aktuelle Regierung (und erst recht schwarz-gelb) entgegen aller Vorurteile hat. Mehr als eine nunmehr 30 Jahre alte Ideologie mit zweifelhaftem Wert hat man dort nicht anzubieten. CDU und FDP sind völlig unfähig auf die Anforderungen der Krise zu reagieren, weil sie gar niemanden haben, der dem Thema intellektuell gewachsen wäre.
    Auffällig ist zudem, dass die tatsächliche Wirtschaftspolitik der CDU derzeit quasi von der SPD gemacht wird, eigene Konzepte gibt es scheinbar keine. Vielleicht haben wir alle der alten Tante SPD in den letzten Jahren unrecht getan als festgestellt wurde, dass niemand eine Kopie der CDU brauchen würde: In Wirklichkeit scheint die CDU die schlechte Kopie der SPD zu sein.

    P.S.: Die kompetentesten Lösungen für die Herausforderungen der Finanzkrise kamen in der Tat alle von der Linken. Schade nur, dass deren derzeitiges Personal in Deutschland wohl niemals mehrheitsfähig sein wird.

    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • M.M.
    • 15.09.2009 um 15:18 Uhr

    Sagen Sie mal, sind Sie etwa Kommunist ??? :-)

    • M.M.
    • 15.09.2009 um 15:18 Uhr

    Sagen Sie mal, sind Sie etwa Kommunist ??? :-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service