Ein Jahr Lehman»Der Mist darf sich nicht wiederholen«Seite 3/4

Die Kanzlerin trägt einen lilafarbenen Blazer, sie lächelt ihr schüchternes Lächeln. »Klug aus der Krise« steht daneben in Großbuchstaben. Die Plakate hängen in allen Winkeln der Republik. »Klug aus der Krise« – das soll heißen: Es gibt einen Weg aus dem Schlamassel in eine bessere Welt. Und Angela Merkel kennt ihn. Die Kanzlerin hat dieser besseren Welt sogar schon eine Satzung gegeben. Eine »Charta der nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung« will sie verabschieden, die »Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft weltweit verankern«. Wenn sich alle an diese Prinzipien gehalten hätten, so Merkel, dann hätte es keine Exzesse und keine Krise gegeben.

Neben mehr Bankenregeln will die Kanzlerin verhindern, dass die Notenbanken künftig zu viel billiges Geld in Umlauf bringen. Und sie will klare Begrenzungen für die Staatsverschuldung – ganz im Sinne der deutschen Schuldenbremse im Grundgesetz. Die Bundesrepublik sei »weit und breit das einzige Land«, sagt Merkel, das eine solche Selbstbindung getroffen habe. Sie klingt stolz, wenn sie das sagt. Ein globales Regelwerk soll diese Charta werden, überwacht vielleicht von den Vereinten Nationen.

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Nur dass man dort nicht allzu viel von den Vorschlägen hält. Die UN-Generalversammlung hat eine Kommission eingesetzt, die Lehren aus der Krise erarbeiten soll. 18 Experten gehören ihr an, darunter der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der britische Geldfachmann Charles Goodhart und der französische Ökonomieprofessor Jean-Paul Fitoussi. Was die Kommission in ihrem 113-seitigen Abschlussbericht aufgeschrieben hat, passt so gar nicht zu dem, was sich die Bundeskanzlerin unter einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung vorstellt.

Weil rund um den Globus die Gewerkschaften geschwächt, die Sozialausgaben gekürzt und die Steuern für die Reichen gesenkt worden seien, so die UN-Experten, sei es zur sozialen Schieflage gekommen. »Es wurde Geld umverteilt von denjenigen, die es für ihre Grundbedürfnisse ausgegeben hätten, zu denjenigen, die viel mehr hatten, als sie ausgeben konnten.« Auch in Deutschland, dem Land der sozialen Marktwirtschaft.

Die vor allem in den vergangenen 15 Jahren stark gestiegene Einkommensungleichheit hatte Folgen. Zum Beispiel in den USA: Was der Durchschnittsverdiener an Lohn einbüßte, holte er sich als Kredit von der Bank. So konnte er den Lebensstandard aufrechterhalten – um den Preis einer immer höheren Verschuldung. Als die Amerikaner ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, kollabierte das System, und die Finanzkrise begann. In Deutschland schränkten die Bürger ihren Konsum ein. Die Unternehmen konnten nur überleben, indem sie auf ausländische Käufer setzten – vor allem auf die hoch verschuldeten US-Bürger. Weil die deutschen Banken zu Hause kaum Kreditgeschäft hatten, verliehen sie ihr Geld im Ausland – und befeuerten dort die Exzesse.

Folgt man Stiglitz, dann hat nicht nur die Gier der Banker die Krise verursacht. Mindestens so wichtig war eine Wirtschaftspolitik, die zuließ, dass die Einkommen stagnierten oder sogar sanken.

In Deutschland war das gewollt. Um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können, senkten die Unternehmen ihre Kosten, und die Arbeitnehmer verzichteten auf Lohn. Im Aufschwung der ersten Regierungsjahre Merkels war das besonders spürbar. Die Unternehmensgewinne stiegen enorm, genau wie die Aktienkurse. Die Arbeitnehmer wurden damit vertröstet, dass sie profitieren würden, sobald die Gewinne wieder hoch genug seien. Dann kam die Krise. Und so war der vergangene Aufschwung der erste überhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem die Löhne im Schnitt sogar sanken.

Leserkommentare
  1. die sicher ungerechte Verteilung von Vermögen ist keine Ursache der Finanzkrise! Die eigentliche Ursache ist die Loslösung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft. Die Wettgeschäfte im Casino Finanzwirtschaft haben die Krise verursacht, statt Geld in reale Investitionen zu stecken wurde es mit virtuelle Papieren verzockt:
    http://geld-arbeitet-nich...
    Schlimm ist, das diese Zockerei von der Politik nach Kräften gefördert wurde.

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    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

    Darauf ist fast jeder Staat scharf. Deswegen wird sich auch nichts Grundsätzliches ändern.

    Wo der Artikel sicherlich Recht hat, ist der Umstand, dass sich Amerika seit Jahrzehnten von den Staaten das Geld leiht, die dann mit ihren Produkten die Konsumlust der Amerikaner befriedigen dürfen.

    Die Export-Staaten arbeiten für die Amerikaner und bekommen dafür die amerikanischen Schuldscheine. Um die Produkte auch weiterhin nach Amerika verschiffen zu dürfen, muss die Arbeit immer billiger werden, sonst würde ja ein anderer.

    Kein sehr genialer Plan, den unsere Frau Kanzlerin da pflegt. Naja, sie liebt scheints Amerika über alles, und ist scheints der festen Überzeugung, dass sei den deutschen Angestellten und Arbeitern noch ein bisschen was abverlangen kann. Um Amerikas Konsumbedürfnisse zu befrieden, schnallt man den Gürtel doch gerne noch ein bisschen enger.

    Wollen wir hoffen, dass Amerika auch tatsächlich wieder mitspielt und den Handel 'Produkte gegen Schuldscheine' wieder aufnimmt, denn sonst sieht's auf unserem von der Politik auf Export getrimmten Arbeitsmarkt zappenduster aus.

    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

    Darauf ist fast jeder Staat scharf. Deswegen wird sich auch nichts Grundsätzliches ändern.

    Wo der Artikel sicherlich Recht hat, ist der Umstand, dass sich Amerika seit Jahrzehnten von den Staaten das Geld leiht, die dann mit ihren Produkten die Konsumlust der Amerikaner befriedigen dürfen.

    Die Export-Staaten arbeiten für die Amerikaner und bekommen dafür die amerikanischen Schuldscheine. Um die Produkte auch weiterhin nach Amerika verschiffen zu dürfen, muss die Arbeit immer billiger werden, sonst würde ja ein anderer.

    Kein sehr genialer Plan, den unsere Frau Kanzlerin da pflegt. Naja, sie liebt scheints Amerika über alles, und ist scheints der festen Überzeugung, dass sei den deutschen Angestellten und Arbeitern noch ein bisschen was abverlangen kann. Um Amerikas Konsumbedürfnisse zu befrieden, schnallt man den Gürtel doch gerne noch ein bisschen enger.

    Wollen wir hoffen, dass Amerika auch tatsächlich wieder mitspielt und den Handel 'Produkte gegen Schuldscheine' wieder aufnimmt, denn sonst sieht's auf unserem von der Politik auf Export getrimmten Arbeitsmarkt zappenduster aus.

    • fanta4
    • 15.09.2009 um 12:36 Uhr

    Die einzige Partei in Deutschland, die die richtigen Schlüsse aus der Krise (und deren Entstehung) gezogen hat und diese auch Umsetzen will, sind die Linken. Da kann man die Vorschläge der UN-Kommission 1:1 im Programm finden.

    Ob Herr Dibelius sich traut, die Linken zu wählen?

    • Piepe
    • 15.09.2009 um 12:42 Uhr

    widersprechen. Es ist sehr wohl in nationalen Rahmen etwas gegen die Ungleichheit zu tun, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.
    Die urkapitalistische Schweiz, dass wettbewerbsfähigste Land der Welt, hat alle Einkommensarten sozialversicherungspflichtig gemacht und die Beitragsbemessungsgrenzen abgeschafft.

    Mit einem Klientelpolitiker wie Westerwelle ist dies nicht zu machen
    Seltsam das die ökonomische Vernunft ganz und gar bei den Linken zu finden ist.

  2. ...habe ich den Eindruck das wenn die einen (aktuelle Verantwortliche in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) sagen "sowas darf sich nicht wiederholen" diese primär an die global agierenden Kapitalbesitzer/verschieber denken und die anderen (kommende Verantwortliche in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) an die Menschen die sich innerhalb der Binnenwirtschaft durchschlagen müssen. Dazu zählen immerhin alle Arbeitnehmer, Kinder und Jugendliche, Rentner und Auszubildende, Arbeitslose und 1 Eurojobber...

    Die einen haben konkret an Glaubwwürdigkeit und Vertrauen verloren wärend die anderen diese wichtigen Aspekte gerade am Aufbauen, Ueberzeugen und Gewinnen sind.

  3. In diesem Artikel werden die Ungleichheiten gut herausgearbeitet und die Mitschuld dieser, gepaart mit der Exportfixierung, an der Krise bestätigt. Drei Artikel weiter wird aber über O.Lafontaine hergezogen, der genau diese Ungleichheit anprangert und mit der faireren Abgabenquote z.B. skandinavischer Ländern vergleicht. (http://www.zeit.de/politi...)

    Jetzt fragt sich der ZEIT-Leser: Was denn nu??? Ist die Linke jetzt der Teufel oder haben sie letzlich Recht?

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    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    • Scampi
    • 15.09.2009 um 13:14 Uhr

    "Und jetzt hat Lafontaine wieder Pech...Rechthaber können die Deutschen gar nicht leiden."

    Antwort auf "Jaja die ZEIT..."
    • LH
    • 15.09.2009 um 13:22 Uhr

    Vielen Dank für diesen guten Artikel, der endlich mal in die Nähe der tieferen Ursachen der Krise vorstößt. Es ist erschreckend zu sehen, wie wenig Wirtschaftskompetenz unsere aktuelle Regierung (und erst recht schwarz-gelb) entgegen aller Vorurteile hat. Mehr als eine nunmehr 30 Jahre alte Ideologie mit zweifelhaftem Wert hat man dort nicht anzubieten. CDU und FDP sind völlig unfähig auf die Anforderungen der Krise zu reagieren, weil sie gar niemanden haben, der dem Thema intellektuell gewachsen wäre.
    Auffällig ist zudem, dass die tatsächliche Wirtschaftspolitik der CDU derzeit quasi von der SPD gemacht wird, eigene Konzepte gibt es scheinbar keine. Vielleicht haben wir alle der alten Tante SPD in den letzten Jahren unrecht getan als festgestellt wurde, dass niemand eine Kopie der CDU brauchen würde: In Wirklichkeit scheint die CDU die schlechte Kopie der SPD zu sein.

    P.S.: Die kompetentesten Lösungen für die Herausforderungen der Finanzkrise kamen in der Tat alle von der Linken. Schade nur, dass deren derzeitiges Personal in Deutschland wohl niemals mehrheitsfähig sein wird.

    • keox
    • 15.09.2009 um 13:50 Uhr

    woher das Geld zum Zocken kommt.

    Die brutale Implementierung eines Niedrigstlohnsektors, Schredderung des Sozialstaates, Steuergeschenke an die Unter-der Hand-nehmer, all das hat reichlich Geld zum Zocken freigesetzt, die passenden Deregulierungen fanden dann ja auch just in time statt.

    Der Urnenpöbel hat 'Ewig und drei Tage' den berühmten Gürtel enger geschnallt, damit die HerrenDamen zocken konnten.

    Einem Land geht es gut, wenn es der Bevölkerung gut geht

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    • M.M.
    • 15.09.2009 um 15:18 Uhr

    Sagen Sie mal, sind Sie etwa Kommunist ??? :-)

    • M.M.
    • 15.09.2009 um 15:18 Uhr

    Sagen Sie mal, sind Sie etwa Kommunist ??? :-)

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