"Sturm"Ermittlungen in der Hölle

»Sturm«, der Film über ein bosnisches Kriegsverbrechen, lässt uns nicht vergessen, was geschah - ohne uns konkrete Bilder des Grauens liefern zu müssen von 

Anamaria Marinca spielt die Frau, die niemandem von ihren Erlebnissen während des Krieges erzählen will

Anamaria Marinca spielt die Frau, die niemandem von ihren Erlebnissen während des Krieges erzählen will  |  © Piffl Medien

Wenn das Grauenhafte eines Verbrechens sich spiegelt in den Gesichtern der Menschen, ohne sich zu zeigen, wenn es seine Konturen verbirgt und wie giftiger Nebel durch unsere Träume wabert, erst dann entfaltet es seine volle zerstörerische Macht. Diese Erkenntnis macht sich der Regisseur Hans-Christian Schmid in seinem neuen Film Sturm zunutze. Nie sehen wir, was sich abgespielt hat in dem Keller eines Hotels im bosnischen Ort Vilina Kosa. Wir kommen dem konkreten Schrecken nur einmal nahe, wenn die Ermittler des Haager Kriegstribunals anmarschieren und die Wände des Kellers mit Hochdruckdüsen bearbeiten, um Spuren des Verbrechens freizulegen – es ist ein Sekundenbruchteil, und doch blicken wir in den Abgrund der Hölle. Ein schwächerer Regisseur hätte sich auf die Konvention verlassen und gezeigt, wie unter dem Druck der Düsen, Einschusslöcher frei werden, er hätte mit Rückblenden gearbeitet, doch Schmid verzichtet darauf. Was wir in diesem Keller nicht sehen, das vergessen wir nie wieder.

Auch das Gesicht von Kerry Fox müssen wir richtiggehend absuchen wie eine Landschaft, von der wir wissen, dass sie jederzeit von einem Erdbeben verwüstet werden kann, doch ist nichts zu sehen bis auf ein leises Zittern, eine Erschütterung, die aus dem tiefen Inneren dieser Frau kommt. Fox spielt Hannah Maynard, die Ermittlerin des Haager Jugoslawientribunals, die sich der Aufklärung des Verbrechens von Vilina Kosa verschrieben hat. Sie bewegt sich mit einer Mischung aus äußerster Konzentration und brennender Leidenschaft durch den Film, und immerzu fragt man sich: Wann wird sie explodieren? Wann wird sie ihre Verzweiflung herausschreien über das Verbrechen, dessen Täter sie nicht dingfest machen kann, weil das Tribunal seiner eigenen, politischen Logik folgt?

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»Es gibt auf dem Balkan Tausende Menschen, die Arbeit suchen, die eine Zukunft haben wollen«, sagt ihr Jonas Dahlberg, EU-Beamter, zuständig für die Integration der Balkanstaaten in die EU, und gleichzeitig ihr Geliebter. Ein Gericht, das ist Dahlbergs Botschaft, darf die Hoffnungen dieser Menschen nicht zerstören. Maynard und mit ihr das Tribunal werden sich arrangieren müssen. Es darf kein Sand sein im Getriebe der großen Mächte, kein Knirschen soll an die Zermalmten erinnern. Auch das ist eine Wahrheit, die Schmid so ohne jeden Kitsch inszeniert, dass man regelrecht sehen kann, wie sie sich breitmacht und alle anderen, konkurrierenden Wahrheiten an die Wand drückt.

Die Zeugin Mira Arendt, gespielt von Anamaria Marinca, darf vor Gericht nicht aussagen. Das ist der Skandal, den die Ermittlerin Maynard nicht mehr ertragen kann. Denn Arendt wollte gar nicht sprechen von der Vergangenheit, sie wollte ihr neues Leben in Berlin mit Kind und Mann leben und nicht mehr zurückschauen müssen auf ihre Heimat Bosnien, dieses unglückliche Land. Doch Maynard verfolgt Arendt geradezu, bis diese zur Aussage bereit ist. Die Jagdleidenschaft Maynards bleibt seltsam abstrakt, geformt wie sie ist von der bürokratischen Atmosphäre des Haager Tribunals, von den Karrieren, die dort gemacht werden können. Ihre Wahrheitsliebe bleibt suspekt, bis Arendt endlich über das Verbrechen spricht. Erst als in ihrem Gesicht der Schrecken wie eine böse Blume blüht, bekommt Maynards Streben nach Wahrheit den Charakter existenzieller Notwendigkeit.

Umso härter ist der Aufprall im Gerichtssaal. Erst jetzt zerspringt das Korsett professioneller Disziplin, mit dem sich Maynard umgibt. Die beiden Frauen weigern sich, die Wahrheit dem politischen Kuhhandel zu opfern. Auch wenn das ohne Folgen bleibt, auch wenn der Täter davonkommt und alles seinen geplanten, geschichtsvergessenen Gang geht, so hält der Triumph der beiden Frauen an – und schleudert sie in ein anderes Leben. Kerry Fox bebt und zittert, verliert aber (fast) nie die Contenance, weil das ihre Gefühle nur mehr verdecken als aufdecken würde. Sturm ist gezeichnet von der Disziplin, die man braucht, wenn man das Grauen sichtbar machen will. Es ist ein Film, der sich nicht anstecken lässt von der wohlfeilen Klage über die Ungerechtigkeit der Welt, sondern seinen Blick hartnäckig an seinen Gegenstand heftet, bis der seinen nackten, schrecklichen Kern entblößt.

Schmid arbeitet mit der Handkamera. Er stürzt sich in den Stoff, verlässt sich dabei ganz auf seine Figuren. Alles an ihnen erscheint unspektakulär, auch das Ambiente, in dem sie sich bewegen, ist nüchtern, funktional, kalt. Es ist eine verstörende Geschichte, die Schmid glücklicherweise nicht auflöst. Er belässt ihr das Irritierende. Das Böse siegt nicht, aber das Gute auch nicht wirklich, beides wird nur freigesetzt, beides fliegt durch die Welt wie verirrte Kugeln, die mitunter aufeinanderstoßen – und wenn beim Aufprall ein Regisseur wie Schmid zugegen ist, wird daraus ein richtig guter Film.

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    • Schlagworte Hans-Christian Schmid | Europäische Union | Film | Erdbeben | Kitsch | Regisseur
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