Gesellschaftskritik Der öffentliche Babybauch

Prominente Schwangere lassen es sich nicht nehmen, ihr wachsendes Bäuchlein in allen Stadien in die Kameras zu halten. Was aber wird das Kind später zu solchen Fotos sagen?

Lilly Becker war eine schöne Braut, jetzt ist sie eine schöne werdende Mutter und zeigt es. Wie die meisten weiblichen Prominenten, falls schwanger. Jüngst war der sogenannte Babybauch der Fernsehmoderatorin Anna Heesch in Zeitungen zu sehen, nackt, eine Woche vorher der ihrer Kollegin Caroline Beil. Wie sich Sandy Meyer-Wölden, die schwangere Freundin von Oliver Pocher, in dieser Sache verhalten wird, wissen wir spätestens in sechs Monaten. Dass der Appeal klassischer Beine-Busen-Po-Bilder vom Appeal der Bäuchlein-Bilder überholt wurde, ist aber klar.

Geburtenstatistisch ist der Trend natürlich wunderbar. Und da es sich durchweg um freudige Ereignisse handelt, die hier ihre öffentlichen Abbilder finden, ist die Feststellung, diese seien erstens obszön und zweitens dem Kind gegenüber respektlos, arg unnett. Leider ist es aber so. Obszön ist der Exhibitionismus dieser Bilder, der sich der fröhlichen Befreiung von veralteten Normen als Alibi bedient. Streckte Lilly Becker dem Fotografen ihren nackten Po oder ihren nackten Busen entgegen, wäre das höchstens ein bisschen kokett. So aber, legitimiert vom Schein des sexuell Unverdächtigen, ist das Schwangerschaftsbild eine Obszönität.

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Nun gab es bis weit ins 20. Jahrhundert tatsächlich ein Wahrnehmungstabu der Schwangerschaft. Aber es ist passé. Der Fotograf Will McBride löste 1960 mit dem Bild seiner schwangeren Frau auf dem Titel von Twen noch einen Skandal aus, dann kam 1991 Demi Moore auf dem Titel von Vanity Fair, auf den in den letzten Jahren in immer dichterer Folge Porträts von Silvana Koch-Mehrin, Christina Aguilera und Esther Schweins mit entblößtem Babybauch folgten.

Was sagt eigentlich das Kind zu einem solchen Foto? So abwegig ist die Frage nicht. Denn ein Embryo könnte auch auf die Frage, wie er den Mitkonsum von Drogen fände, keine Antwort geben. Jeder aber kennt sie. Sie stellvertretend zu übernehmen ist die simpelste aller Elternpflichten, und warum sollten diese nicht auch die öffentliche boulevardhafte Zurschaustellung des Ungeborenen betreffen?

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Das Argument, man sehe nur den Bauch, verfängt nicht. Unser Bildbewusstsein ist schließlich nicht mittelalterlich, sondern mediengeschult. Wir nehmen nicht nur das Sichtbare wahr, sondern auch das unsichtbar Mittransportierte. In diesem Fall das schwarz-weiße Ultraschallbild des Wesens mit den winzigen Fingern und der dicken Nabelschnur, das als jüngstes Mitglied der Becker-Family sowieso schon bald weltbekannt sein wird.

 
Leser-Kommentare
  1. Na, was soll es schon sagen? "Ich hoffte, keine solchen Profilneurotiker und zwanghafte Selbstdarsteller als Eltern zu haben, sondern Eltern, denen ich wichtiger bin als das ständige Trara der Medien. Was für eine Enttäuschung...".

    • Pyr
    • 10.09.2009 um 11:44 Uhr

    Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was daran obszön sein soll. Aktbilder können auch einfach ästhetisch sein, ganz ohne erotisch oder gar pornografisch zu sein.

    Aber selbst wenn sie es sein sollten, so finde ich es nicht einmal schlecht, dass Schwangere mal als sexy begriffen werden. Studien zeigen, dass schwangere Frauen von ihren Männern weniger sexuell befriedigt werden, weil Männer oftmals nicht damit umzugehen wissen. Dabei ist gerade in dieser Phase auch eine sexuelle Bindung wichtig als eine Bestätigung für die Frauen, dass ein Babybauch nicht abstoßend ist. Gerade erstmals Schwangere wissen oft nicht, mit den enormen Veränderungen ihres Körpers umzugehen - da braucht es Unterstützung durch den Partner. Vielleicht lassen sich durch solche Bilder derartige gesellschaftliche Tabus endlich brechen!

    Das Kind sieht man nicht, und ich glaube kaum, dass der Betrachter dabei in irgendeiner Weise an das wachsende Leben im Bauch denkt und dabei obzöne Gedanken hätte. Dazu bedarf es schon eines ziemlich kranken Hirnes.

  2. Kinder kommen heutzutage nur noch in der Unterschicht oder aber in den Familien von Chefs und leitenden Angestellten auf die Welt. Insofern eignen sie sich als Statussymbol, mit dem man sich von der Mittelschicht distanzieren kann. Vielleicht werden sie deshalb zur Schau gestellt?

  3. Die Tochter von Demi Moore z.B. ist ja wohl inzwische alt genug, um sich dazu selbst zu äußern. Weit mehr zum Nachdenken gibt mir, dass die Schwangeren ihren Medizinball mit einem Gesicht präsentieren, als hätten sie soeben den Nobellpreis erhalten. Ist Reproduktion eine solch überragende Leistung? Dann wären wir nicht inzwischen ca. 6,8 Milliarden auf der Erde, sondern längst ausgestorben, was nicht wirklich schade wäre. Wir haben also die "erfolgreiche" Überproduktion unserer Art dem Umstand zu verdanken, das sich die schlichten Gemüter am meisten vermehren.
    Elke Führer, Koblenz

    • E.
    • 10.09.2009 um 14:56 Uhr

    Ist das Sommerloch denn wirklich so gross, dass sich eine Zeitung wie die Zeit auf Bunte-Niveau begeben muss und nackte Babybaeuche diskutieren muss? Und was soll an einer schwangeren Frau, die es geniesst schwanger zu sein, und die ihren Koerper waehrend der Schwangerschaft zu geniessen scheint bitte so obszoen sein? Da gibt es doch wahrlich wichtigere Dinge auf der Welt, die sich diskutieren lassen. Und wen ein nackter Babybauch so abstoesst, der kann ja einfach um Zeitungen, die sich so stark mit diesem Thema beschaeftigen umgehen.
    Ein wirklich enttaeuschend unbedeutender Bericht in einer (wie ich bisher glaubte) renommierten Zeitung. Naja heute Baby-Bauch und Steinmeiers Schweinchen-Zeichnungen. Das sind schon 2 Tiefpunkte an einem Tage. Haeufen die sich??

    • assosa
    • 10.09.2009 um 15:24 Uhr

    Nicht der nackte oder bekleidete, jedenfalls gewölbte Bauch ist öbszön, sondern das gewollte Darbieten desselben mit der Ansage: Seht her, wir habens geschafft. Heute kann man nicht mehr von einem Tabubruch sprechen, was den eigentlichen Wortsinn von obszön ausmacht, wenn Körperteile offen gezeigt werden. Hier geht aber um mehr als einen Körperteil. Die Schwangerschaft wird weniger als Verantwortung wahrgenommen, mehr als trendigen Zustand. Das Zurkenntnisnehmen dieser Tendenz scheint mir schon der ZEIT angemessen. Es geht ja nicht um den Einzelfall, sondern ums Prinzip.

  4. 7.

    @assosa

    sehe ich genauso. Hier handelt es sich in erster Linie um das chronische Bedürfnis nach Selbstadarstellung. Als jemand, der eigentlich keine Boulevard-Presse liest, habe ich jetzt schon verdächtig oft den schwangeren Bauch von Lilly Becker gesehen. Insofern zweifel ich daran, dass damit angebliche gesellschaftliche Tabus gebrochen werden sollen. Jedenfalls nicht von Lilly Becker.

  5. Ich hatte eigentlich gehofft, daß es keinen Ihrer Leser interessiert, daß BB schon wieder schwanger ist.

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