Hoteltest Kaffee im Kreuzgang
In Cervantes Geburtsstadt macht die Kette Paradores ein Kloster zum Designhotel.
In Alcalá de Henares, eine halbe Zugstunde von Madrid entfernt, sitzen Don Quichotte und Sancho Pansa bronzen auf einer Bank in der Altstadt und halten ewige Rast. Hinter ihnen steht das Geburtshaus von Miguel de Cervantes. Ein paar Hundert Meter weiter, im Audimax der 500 Jahre alten Universität, wird alljährlich Spaniens wichtigster Literaturpreis verliehen, der Premio Cervantes. Die historischen Gemäuer zählen inzwischen zum Weltkulturerbe. Das Audimax teilt sich den Patio mit dem rustikalen Gasthaus Hostería del Estudiante, in dem die staatliche Hotelleriekette Paradores seit 1930 unter dunklem Holzgebälk und in Folklore-Dekor regionale Küche auftragen lässt.
Auch die ehemalige dominikanische Klosterschule hat mehr als 400 Jahre auf dem Buckel. Sie liegt der Hostería direkt gegenüber, und da dem Gasthaus nie ein Hotel angeschlossen war, hat Paradores die einstige Klosterruine nun zum ersten Parador der Stadt Alcalá umgerüstet. In ganz Spanien unterhält die Kette knapp 50 Hotels in historischen Bauten und pflegt dabei in aller Regel eine gediegene, möglichst epochengetreue Ausstattung, um dem jeweiligen Kulturerbe nicht in die Parade zu fahren. Mit dieser traditionellen Demut ist es nun vorbei. Der alte Stein wird in Alcalá zwar ins beste Licht gerückt. Aber kein Möbelstück versucht sich daran anzuschmiegen. Schon die ausgreifende lichte Lobby macht mit ihrem minimalistischen Rezeptionsriegel und dem zart psychedelischen Schlierenteppichmuster klar, dass hier kein Mauerwerk aus früheren Jahrhunderten die Atmosphäre diktieren soll.
Auch die 128 Zimmer sind entschieden zeitgenössisch. Von klösterlichen Kammern haben sie gar nichts. Die Fenster sind riesig, der Kleiderschrank ist begehbar, die Toilette liegt separat, Bad, Schlaf- und Wohnbereich sind intelligent voneinander geschieden, nirgendwo wird’s eng. Der Fußboden ist aus dunklem Holz, die Wände sind fast weiß. Auf feingliedrigen Beinen aus Chrom ruhen ein cremefarbener Sessel, ein schwarzes Tischchen und ein brauner Lederstuhl für den Schreibtisch.
Kein Experiment in Pop, kein Abenteuer in Design, aber auch keinerlei Zugeständnis an das bisherige Stilmöbel-Panorama der Paradores-Welt, stattdessen herrscht im Ganzen eine zurückhaltende, eher unspanische Eleganz. An beiden Seiten des Bettes kann man zwischen vier Lichtstimmungen für das Zimmer wählen: Relax, TV, Lesen und WC (um nachts den Weg ins Bad zu finden). Am hellsten wird es, wenn man auf »Lesen« drückt. Andererseits fehlt die individuelle Nachttischlampe für ein paar letzte Seiten im Bett.
Was dem Architektenpaar María José Aranguren und José González Gallegos beim großen stilistischen Make-over entgegenkam, war das Gelände des einstigen Klostergartens. Hier gab es keinen Altbau zu integrieren, nur durfte nicht über die fünf Meter hohe Umfassungsmauer hinaus gebaut werden. Bei leicht abgesenktem Fundament blieb Platz für zwei Geschosse. Ein geschickt gesetztes Gitter kreuzförmiger Freiräume – mit Kieseln ausgelegt und mit Bambus bepflanzt – sorgt in beiden Etagen für die wünschenswerte Menge Tageslicht.
Vom Kloster selbst sind vor allem das Hauptgebäude um den Kreuzgang und die angeschlossene Kirche erhalten geblieben. Im Hof des Kreuzgangs kann man jetzt beschaulich Kaffee trinken, in einem der Seitenflügel liegt das nüchtern gestaltete Hotelrestaurant. Von dessen Decke hängen riesige Kronleuchter, eingewickelt in Gaze, als handelte es sich um leuchtende Sahnebaisers. Die ironische Note ist deutlich: Kronleuchter war gestern! Auch die Küche hat sich vom Modernisierungsschub mitreißen lassen, allerdings nur in Maßen. Auf der Karte findet sich zugleich noch deftige Hausmannskost wie Rührei mit Chorizo und Speck, wenngleich aus literarischen Gründen: Das entsprechende Gericht wurde bereits von Cervantes im Don Quichotte festgehalten.
Besonders unorthodox sind die Architekten mit dem Kirchenschiff umgegangen. Unter dem alten Deckengewölbe liegt nun, in stimmungsvollem Dreivierteldunkel, das Spa. Wer sich im kleinen Pool, positioniert wie der frühere Altar, zurücklehnt, blickt durch einen mächtigen Zylinder hinauf in einen tieforange Plexiglashimmel. Das ist nun doch Pop, fast sogar Disco. Und für die Paradores geradezu ein irrer Trip.
Parador de Alcalá de Henares, Colegios 8, E-28801 Alcalá de Henares, Tel. 0034/918880330, www.parador.es, EZ/DZ ab 120 Euro, Suite ab 210 Euro
- Datum 11.09.2009 - 13:08 Uhr
- Serie Hoteltest
- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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