DIE ZEIT: Herr Klemm, viele der 160.000 Daimler-Mitarbeiter in Deutschland arbeiten jetzt schon fast ein Jahr kurz. Und ein Ende der weltweiten Autoabsatzflaute ist nicht in Sicht. Wann rechnen Sie mit dem großen Personalabbau?

Erich Klemm: Den großen Personalabbau sehe ich nicht. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass wir bis zum Ende der Krise mit den Instrumenten der Kurzarbeit und des Beschäftigungssicherungstarifvertrags, der etwa Arbeitszeitverkürzungen ermöglicht, unsere Stammbelegschaft halten können. Einen gewissen Abbau wird es im Rahmen der natürlichen Fluktuation sicher geben, aber der ist beherrschbar.

ZEIT: Im ersten Halbjahr 2009 hat Daimler schon Milliarden Euro verloren, der Pkw-Absatz brach um ein Viertel, der von Lkw um die Hälfte ein. Womöglich werden erst 2014 wieder so viele Autos verkauft wie im Vorkrisenjahr 2007. Wie soll da die Stammbelegschaft gehalten werden?

Klemm: Wenn es so lange dauern würde, bekämen wir natürlich ein Problem. Aber keiner weiß im Moment, wie lange die Krise wirklich anhält. Tatsache ist, dass die IG Metall und die Bundesregierung die Kurzarbeit für den Arbeitgeber so attraktiv gemacht haben, dass sie auch wirtschaftlich eine Alternative zum Personalabbau ist. Auch der ist ja nicht umsonst zu haben.

ZEIT: Tausende von Zeitarbeitern und befristet Beschäftigte haben Daimler und andere Autobauer bereits nach Hause geschickt. Diese Kollegen haben IG Metall und Betriebsräte geopfert.

Klemm: Diesen Vorwurf weise ich entschieden zurück! Es gibt keine rechtlichen Instrumente, um das zu verhindern. Wir hatten leider eine veränderte Gesetzeslage, die es überhaupt erst ermöglicht hat, Leiharbeiter in dem Umfang zu engagieren, anstatt die Leute fest einzustellen. Wir fordern jetzt, auch im Zusammenhang mit der Bundestagswahl, eine Umkehr. Sonst werden die Leiharbeiter immer die ersten Opfer einer Krise sein.

ZEIT: Viele Arbeitgeber werden aber dann erst gar nicht mehr einstellen, weil sie ohne Leiharbeiter zu unflexibel werden.

Klemm: Ich bin für Flexibilität. Aber wir fordern als IG Metaller, dass die Leiharbeit zeitlich per Gesetz wieder begrenzt wird. Und wenn ein Leiharbeiter länger in einem Betrieb arbeitet, muss er den dort angestellten zumindest finanziell gleichgestellt werden. Bei der Bezahlung haben wir das übrigens bei Daimler in der Produktion bereits durchgesetzt – im Gegensatz zu vielen anderen. Allein über Mindestlöhne ist die Schmutzkonkurrenz auf diesem Sektor nicht auszuschalten.

ZEIT: Ist das ein Prüfstein für die kommende Bundestagswahl?

Klemm: Es ist jedenfalls ein ganz zentrales Thema. Denn wenn sich beim Thema Leiharbeit nichts ändert, werden die Unternehmen beim nächsten Aufschwung brutalst nur noch auf Leiharbeiter setzen, nicht nur in der Autoindustrie. Es wird dann massenhaft Menschen ohne sicheren Arbeitsplatz geben.