An meinem ersten Abend auf Jamaika fällt der Strom in meinem Hotelzimmer aus. Ich gehe zur Rezeption, schildere meinen Fall – und starte die Stoppuhr. Klingt bescheuert? Ist aber genau das, wofür ich hergekommen bin. Seit der Leichtathletik-WM im August in Berlin wird Jamaika die schnellste Insel der Welt genannt. Das hat mich überrascht, trotz der gewonnenen Sprints. Sonst konnten alle nie genug davon schwärmen, wie gemächlich das karibische Leben sei und wie es selbst die hektischsten Europäer in kürzester Zeit entschleunige. Nun plötzlich soll ausgerechnet Jamaika der Hort der Hochgeschwindigkeit sein. Da liegt doch ein Widerspruch, und den aufzuklären, bin ich hier. Ich werde nachsehen, wie schnell die Insel wirklich ist, und ihre Geschwindigkeit knallhart unter touristischen Bedingungen testen. Darum halte ich eine Uhr mit Stoppfunktion und ein Notizbuch für die gemessenen Zeitwerte während meiner sechs Tage auf der Insel ständig einsatzbereit.

»Express service. The Bolt way«, sagt der Hausmeister

Schon bald nach der Landung in Montego Bay konnte ich sehen, wie bei vielen meiner Mitpassagiere die Schultern entspannt nach unten sackten. Jamaika war, wie man sich Jamaika vorstellt. Keine halbe Minute dauerte es, bis wir zum ersten Mal Bob Marley hörten. Jamaikaner schlenzten vorbei, nickten und murmelten »Peace, man.« Ich notierte Zeiten: Wie lange dauert es, bis die Tasche auf dem Gepäckkarussell erscheint, bis die Formalitäten erledigt sind, damit mir am nächsten Tag ein Mietwagen ans Hotel geliefert werden kann, bis der Transfer in meine Unterkunft organisiert ist? Klappte alles reibungslos und fix. Auf dem Weg ins Hotel beschwerte sich der Busfahrer über Verkehrsteilnehmer, die unterhalb der Höchstgeschwindigkeit blieben. Die sollten mindestens doppelt so viel Strafe zahlen müssen wie die zu schnellen, weil sie anderen die Zeit stehlten, fand er.

Die Jamaikaner schaffen es, so flott zu sein, wie die Touristen es brauchen, ohne dabei ihre inselige Entspanntheit zu verlieren. Schaue ich von meiner Stoppuhr hoch in ein fremdes Gesicht, lächelt jemand. »Yah, man«, sagen diese Jamaikaner, und es klingt fast wie ein deutsches »Ja, Mann«, nur hat es viel mehr Swing und ist damit unendlich bejahender. Sagt mir das so ein wildfremder Jamaikaner ohne zwingenden Anlass, ich kann mir nicht helfen, ich fühle mich schon mal grundsätzlich respektiert.

Ich stehe also an der Rezeption meines Hotels und sage, dass in meinem Zimmer der Strom nicht funktioniere. Dann stoppe ich, wie zügig die Rezeptionistin den Hausmeister dazu bringt, das zu reparieren. Da ist natürlich mit Ewigkeiten zu rechnen. Wochenende, Dinner-Zeit … zwei, drei Drinks werde ich nehmen können. Ich suche mir eine Ecke in der Lobby, von wo aus ich alles gut überblicke. Sitze dort und schaue über die Barterrasse hinweg aufs Meer. Lasse das Eis im Glas klimpern, damit mir der gelegentliche Luftzug noch kühler vorkommt. Und dann das: Nach 4 Minuten und 12 Sekunden bekomme ich Bescheid, der Elektriker sei nun in meinem Zimmer zugange. Ich gehe zu ihm und halte den Sekundenzähler nach 6 Minuten und 44 Sekunden an: Strom läuft.

Dieses Ergebnis unterstreicht die Berliner Resultate der jamaikanischen Equipe recht eindrucksvoll. Das war aber verdammt schnell, sage ich. »Express service. The Bolt way«, sagt der Hausmeister. Valentine heißt er, das lese ich auf seinem Hemd. Schöner Name. »Yah, man.« Valentine geht nicht weg, er rollt weg, so sehr swingt sein Gang. Bolt way, das ist natürlich wegen Usain Bolt, weil er so konkurrenzlos schnell läuft und weil sein Nachname von Donnerkeil über Bolzen und Gewitterblitz bis zu Durchgehen und Abhauen und Stürzen ziemlich viel bedeuten kann, aber immer etwas rasend Schnelles, Unwiderstehliches. War das nun ein Einzelfall? Oder sind auf dieser Insel alle so auf Zack?