Deutschlands Bildungspolitiker sind erleichtert. Aus der diesjährigen OECD-Studie Bildung auf einen Blick lassen sich ausreichend positive Nachrichten herauslesen. Jedenfalls muss sie diesmal nicht zwingend zu Katastrophenmeldungen über das deutsche Bildungssystem führen. So betont der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch, dass kaum ein anderes Land im Sekundarbereich II so gut dastehe wie wir. Soll heißen: Die Zahl der Deutschen, die mindestens Abitur oder eine abgeschlossene Ausbildung haben, ist rekordverdächtig. Das ist die deutsche Paradedisziplin. Neuerdings steigende Studienanfänger- und Absolventenzahlen stimmten ebenfalls zuversichtlich, sagt Tesch.

Zwei andere Aussagen der Studie indes tun es nicht. Erstens: Zwischen 1995 und 2006 hat Deutschland seine Ausgaben für Bildung im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft verringert, von 5,1 auf 4,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Nur vier von 30 Ländern ist ihre Zukunft noch weniger wert. Mit einem gewissen Recht kann man zwar einwenden, dies sei eine Zahl mit wenig Aussagekraft, zumal die zugrunde liegenden Daten drei Jahre alt sind. Doch gilt das für internationale Erhebungen, bei der die Statistik des langsamsten Landes die Aktualität bestimmt, fast zwangsläufig.

Zweitens hat sich Deutschland in den vergangenen 15 Jahren nur im Schneckentempo voranbewegt, während andere Länder beachtliche Sprünge gemacht haben. Bei der Zahl der Hochschulanfänger und -absolventen hat sich der Abstand zu den Spitzenreitern vergrößert. Und in der Altersgruppe der unter 34-Jährigen ist Deutschland sogar in der erwähnten Paradedisziplin Sekundarbereich II ins internationale Mittelfeld abgerutscht.

Sind also all die Bildungsreformen, unter denen die Republik stöhnt, vergeblich gewesen? Ist es schon wieder Zeit zum Umsteuern? Keineswegs. Viele Veränderungen sind noch neu. Sie brauchen Zeit, um zu wirken und um den Beweis ihres Gelingens – oder Scheiterns – zu erbringen. Beispiel Studienquote: Bislang lag sie auch deshalb so niedrig, weil eine Berufsausbildung in Deutschland eben nicht gleichbedeutend war mit einer Hochschulzugangsberechtigung. So wurde die Ausbildung für viele zur Endstation, der Weg an die Uni blieb ihnen verwehrt. Genau das haben die Bundesländer kürzlich geändert.

Im Moment sind daher alle Debatten über weitere Reformen Kaffeesatzleserei. Mit einer Ausnahme: Es ist eine Schande, dass Deutschland im langjährigen Trend den Bildungsausgaben immer weniger Priorität einräumt. Daran ändert auch der Hinweis der Bildungspolitiker nichts, sie hätten gerade ein Wissenschaftspaket von 18-Milliarden-Euro-auf den Weg gebracht. Das Gezerre darum hat Jahre gedauert. Damit Deutschland hier die Trendwende schafft, müssen solche Aktionen jedoch die Regel werden.

 

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