Roberto Bolaño»Wie ein bekiffter Zuhälter«

Das Vermächtnis: Roberto Bolaños Roman »2666« ist ein Meilenstein der literarischen Evolution von 

Vier Literaturwissenschaftler suchen einen Autor. Er trägt den unwahrscheinlichen Namen Benno von Archimboldi. Er soll 1920 an der deutschen Ostseeküste geboren sein, und sein umfangreiches Werk (mit so albernen Titeln wie Die Vollkommenheit der Schiene oder Bifurcaria bifurcata) ist in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Hamburger Verlag erschienen. Von ihm selbst fehlt jede Spur. Er gehört wie Thomas Pynchon zu den verschwundenen Schriftstellern. Das alles klingt wie ein schlechter Scherz. Trotzdem machen sich die vier Literaturwissenschaftler auf die Suche nach ihm.

Roberto Bolaño: Er gehört zu den maßlosen Autoren, den Kunstabsolutisten

Roberto Bolaño: Er gehört zu den maßlosen Autoren, den Kunstabsolutisten  |  © Getty Images

Einmal heißt es über Archimboldis Werk: »Sein Name tauchte in zwei Essays zur neueren deutschen Literatur auf, wenngleich jedes Mal an versteckter Stelle, als wären sich die Autoren der Essays nie völlig sicher, ob sie nicht doch einem Scherz aufsaßen.« So geht es auch dem Leser mit Roberto Bolaños Roman-Monstrum 2666 . Auch er fragt sich bei der Lektüre immer wieder: Ist das alles nur ein literarisches Vexierspiel? Eine postmoderne Clownerie? Und was soll diese Zahl 2666 als Titel?

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1100 Seiten umfasst das Buch. Und mit jeder Seite, die man liest, neigt man mehr dazu, an die unwahrscheinliche Existenz dieses Schriftstellerphantoms Archimboldi zu glauben und damit der moralischen Ernsthaftigkeit des Werks insgesamt zu trauen. Wenn man sich am Ende des Romans die Frage stellt, ob man gerade einen absurden Albtraum oder doch einen realistischen Roman gelesen hat, wird man – wenn auch mit Zweifeln und im Bewusstsein der Antiquiertheit dieser Alternative – für Letzteres votieren.

Dieser Roman setzt zwar alle Regeln, nach denen Romane normalerweise funktionieren, außer Kraft, aber er tut dies nicht aus postmodernem Spieltrieb. Roberto Bolaño mag ein Formvirtuose sein, ein Ästhetizist, aber die Erschütterung, die von seinen Büchern ausgeht, hat immer einen ethischen Grund. So etwas läppisch Unverbindliches wie eine literarische Maskerade wäre unter seiner Würde.

Roberto Bolaño ist die große weltliterarische Entdeckung der vergangenen zehn Jahre. 1953 in Santiago de Chile geboren, nach Pinochets Putsch (und einer kurzen Inhaftierung) nach Mexiko exiliert, verbrachte er den größten Teil seines erwachsenen Lebens in Spanien . Mit dem modernen, wohltemperierten (und bürokratischen) Schriftstellertypus, wie er sich im westlichen Literaturbetrieb zuletzt durchgesetzt hat, hat Bolaño nichts gemein. Er gehört zu den Exzentrikern, den Maßlosen, den Kunstabsolutisten. Er ist ein wilder, ein besessener Dichter.

In den neunziger Jahren gewann Bolaño langsam Bekanntheit. Seine Werke wurden übersetzt. Schon bald war er ein weltweit kursierender Geheimtipp. In Deutschland wurde er bekannt mit der Naziliteratur in Amerika, einem Buch, das von germanophilen Künstlern berichtet, bei denen artistische Moderne und protofaschistische Gewaltfantasien gespenstisch zusammenfallen. (Wie übrigens Ernst Jünger in Bolaños Büchern auffallend häufig auftaucht.) Als 2002 sein furioser Roman Die wilden Detektive auf Deutsch herauskam, war klar, dass man es bei Bolaño mit einer literarischen Weltmacht zu tun hatte. Da war das Leben des chilenischen Schriftstellers allerdings schon vom Tod überschattet. Er war an Hepatitis erkrankt und schrieb förmlich gegen sein Sterben an. Am 14. Juli 2003 starb Bolaño fünfzigjährig in Barcelona . Er hinterließ ein maßloses Werk, dem er den undurchdringlichen Titel 2666 gegeben hatte.

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