Roberto Bolaño »Wie ein bekiffter Zuhälter«Seite 3/3

Der Teil von den Verbrechen führt das am besten vor. Santa Teresa ist dem nordmexikanischen Ciudad Juárez nachgebildet. Die 400 Mordfälle an Frauen – einfachen Wanderarbeiterinnen und Prostituierten – gab es wirklich. Es gab auch Journalisten, die recherchierten und dann tot aufgefunden wurden. Die Morde blieben ungeklärt. Wie Steine auf dem Feld, so liegen diese Toten in der Wirklichkeit herum. Und so hat sie Bolaño in seinen Roman übernommen. Sie fügen sich zu keinem Ganzen. Aber sie sind mehr als nur eine Zahl. Bolaño hat das Schicksal von 108 der Verbrechensopfer (nun natürlich der fiktiven) aufgeschrieben. Es sind grausige Porträts. Sie berichten aus der Ermittlerperspektive, wo die Leiche aufgefunden wurde, auf welche Weise das Opfer vergewaltigt und wie es ermordet wurde. Mehr als diese Knochen des Erzählens gönnt sich Bolaño in diesen Passagen nicht. Und doch sind sie so etwas wie Grabsteine, die den vergessenen Opfern eine letzte Ehre erweisen. Sie aus der Einsamkeit des Todes erlösen. Und das ohne allen Kitsch. Die radikalste Form der Einsamkeit ist es, ermordet, nicht identifiziert und womöglich nicht einmal vermisst zu werden.

Einsamkeit ist das große Thema des Romans. 2666 wirkt wie ein Satellit, der seinem Autopiloten überlassen ist, ein kosmisch-verlorenes Auge, das durch die Sphären des Universums gleitet, mal den einen Planeten in den Fokus nimmt, mal den anderen – aber die Verknüpfung dessen, was in den Blick gerät, zeugt von keiner menschlichen Ordnung mehr. Kein im klassischen Sinne motivierender Plot verbindet die Informationsmassen, die einen trotzdem, auch wenn sie oft wie unerklärliche Abschweifungen erscheinen, jedes Mal in ihren Bann ziehen. Einmal sagt eine Politikerin, die über die unerklärlichen Morde sinniert: »Die Wirklichkeit ist wie ein bekiffter Zuhälter. Finden Sie nicht?« Und das könnte jetzt die poetische Sinnstiftung sein, eine Metapher, die das Unerträgliche und Unverständliche in ein Bild überführt. Aber wenige Absätze später sagt dieselbe Politikerin: »Die Wirklichkeit ist wie ein bekiffter Zuhälter in einer Gewitternacht.« Und dem Leser wird klar, dass er sich diese Form von Metaphern auch schenken kann.

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Bei dieser Raumfahrt durch die Verlassenheiten gibt es Leitmotive: Gewalt, Sexualität, Wahnsinn und Künstlertum. Bolaño erzählt vom Funken der Bösartigkeit, der im Menschen lauert: »Ich sage es ihnen im Vertrauen: Von allen Lebewesen ist, grosso modo, der Mensch der Ratte am ähnlichsten.« Und er erzählt von der Sexualität als der universellen Form, sich ein Stück Welt anzueignen. Bolaño hat in vielen seiner Bücher den erfolglosen Schriftsteller als anthropologischen Archetypus geradezu erfunden, der eine Spur im öden Universum hinterlassen will, aber in Wahrheit nur ein Epigone ist, der ob seiner Mittelmäßigkeit verzweifelt. Die Welt ist Wille, Wahn und Vorstellung.

Amalfitano, der Philosophieprofessor, der seinen Wahnsinn förmlich herbeibeschwört, hat, einer Anregung Duchamps folgend, ein Geometriebuch wie ein Hemd in seinem Hinterhof an die Wäscheleine gehängt. Einmal heißt es: »Ein kräftiger Wind aus Westen rannte gegen die Flanken der Berge im Osten an, fegte auf seinem Weg durch Santa Teresa Staub, Zeitungsseiten und herumliegende Kartons vor sich her und brachte Bewegung in die Wäsche, die Rosa im Hintergarten aufgehängt hatte, als würde er, der so junge, so energische und kurzlebige Wind, Amalfitanos Hemden und Hosen anprobieren und in die Unterwäsche seiner Tochter schlüpfen und einige Seiten im Geometrischen Vermächtnis lesen, als wollte er sehen, ob dort nicht etwas stünde, das ihm von Nutzen sein, das ihm die Landschaft der Straßen und Häuser, durch die er galoppierte, erklären oder ihm Aufschluss über sich selbst als Wind geben konnte.« Das ist der hermeneutisch innigste Moment dieses Romans: Der Wüstenwind, der die Wäsche fremder Menschen liest.

Eigentlich dachten wir, die Avantgarde sei tot und ihre Innovationsanstrengungen an ein Ende gekommen, weil alle Neuerungsmöglichkeiten ausgereizt seien. Das war ein naiver und sträflicher Irrtum. Mit Roberto Bolaños Roman 2666 ist etwas wirklich Neues in die Welt gekommen: ein Meilenstein der literarischen Evolution.

 
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