Imre Kertész Briefe aus dem Käfig
Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész hat eine außergewöhnliche Korrespondenz mit seinem »Lebensmenschen« Eva Haldimann geführt.
Eines Abends, Mitte der neunziger Jahre, saßen acht Leute in der Seidl-Villa in München-Schwabing, davon sechs ältere, osteuropäisch-elegant anmutende Damen. Wir warteten, bis sich auf einmal ein freundlich lächelnder Herr einfand, den das personell winzige Interesse nicht zu stören schien. Überschwänglich, wie ein Conférencier, begrüßte er, sich verbeugend, sein Publikum. Man fragte sich, meint er es ironisch? Warum macht er das?
Vermutlich war es Imre Kertész auf seine Weise bitterernst. In den Briefen an Eva Haldimann, die eben erschienen sind, erzählt er von einer ähnlichen Lesung, 1993 in Wien. Es gehe ihm, schreibt er nach Genf, mit seinen Büchern »wie Simone Weil, nachdem sie Arbeiterin in einer Fabrik gewesen war«, danach »habe sie selbst noch die simpelste Höflichkeit für einen Irrtum gehalten«. Es ist nicht am Publikum, höflich zu sein. Es erweist dem vortragenden Fabrikarbeiter oder Lagerhäftling Gnade, wenn es ihn zur Kenntnis nimmt. In Kaddisch für ein nicht geborenes Kind fasst der Icherzähler das Problem noch etwas schärfer und spricht von seiner »übertriebenen, bis zur Selbstaufgabe übertriebenen Höflichkeit, als flehte ich ununterbrochen um meine Existenz«.
Einer der Momente, in dem diese Existenz beglaubigt schien, ereignete sich wohl im Frühling 1977 in Budapest. Kertész schreibt am 2. Juni: »An Ihren Artikel bin ich übrigens gelangt, weil jemand im Schwimmbad eine Bemerkung darüber gemacht hatte. Von jemand anderem erfuhr ich das Datum des Blattes. Und ein Londoner Freund schickte mir schließlich den Zeitungsausschnitt.«
Wer ist Eva Haldimann? Allzu viel ist in dieser Briefausgabe leider nicht zu erfahren. Man kommt ihr eher auf die Spur, wenn man ihren Mädchennamen nennt und das deutschsprachige Buch des Budapester Corvinus-Verlags zur Hand nimmt, in dem, unter dem Titel Momentaufnahmen, ein Teil der über dreihundert Kritiken steht, die Eva Haldimann-Roman seit 1963, meist in der Neuen Zürcher Zeitung, zur ungarischen Literatur veröffentlicht hat.
Wie sachkundig Eva Haldimann dieses Fenster nach Ungarn öffnete, erkennt man schon an den etwa fünfzig Zeitungszeilen jener Sammelbesprechung ungarischsprachiger Bücher, über die sich Imre Kertész so sehr freute, dass er all die 25 Jahre des Briefwechsels immer wieder auf sie zurückkommt. »Hier sucht einer den Mahlstrom zu begreifen, während er in die Tiefe gewirbelt wird«, schreibt Haldimann, »in dieser Leidensgeschichte entsteht keinen Augenblick der Eindruck einer passiven Identifikation mit dem Geschehen. Das Absurde dominiert: Kertész wirft den Opfern die Anpassung an die zu ihrer Vernichtung ersonnene Maschine, die Identifikation mit ihrem Schicksal vor. Sein Anliegen ist die Darstellung des erwachenden Bewusstseins, das sich gegen jegliche Akzeptierung eines Determinismus der Macht und Gewalt sträubt.«
Der Briefwechsel, den Kertész beginnt, indem er Eva Haldimann als guter Autor sein neuestes Buch Der Spurensucher schickt, entwickelt sich rasch: In seinem dritten Brief schreibt Kertész schon »Liebe Eva«, freut sich über die knappe Würdigung des Zweitlings und gibt eine Begründung dafür, die den ganzen Charakter der frühen Korrespondenz bestimmt: »Wahrscheinlich ahnen Sie gar nicht, was für ein seltenes Geschenk für mich das würdigende Interesse eines unabhängigen Geistes in meinem täglichen Kampf gegen das Schweigen ist.«
Nach dem raschen 77er-Beginn findet sich erst 1983 wieder ein Brief, der eine immer wieder überraschende Tatsache unvergleichlich zusammenfasst: »Ja, sicher, ich habe auch Lustspiele geschrieben, mit Musik – was tut man nicht alles im Leben! Es war eine lustige Zeit und hat schön etwas eingebracht. Das ist lange her, inzwischen bin ich seriös geworden.«
Der folgende Brief stammt aus dem Januar 1990, doch von da an geht es rund. Vor allem außerhalb der Korrespondenz, die zu einer Chronik der schwierigen Gegenwart Ungarns wird. Zuerst hat sich Haldimann, deren Briefe bis auf Ausnahmen nicht erhalten sind, offenbar darüber gewundert, dass sie von den Intellektuellen trotz neuer Situation viele Klagen höre. Kertész antwortet, es sei »in der Tat bestürzend, dass man das, was, wenn auch noch nicht die Freiheit, so doch wenigstens eine Befreiung ist, hier als Zusammenbruch erlebt«. Er wisse auch »keine genaue Antwort«, aber man dürfe nicht vergessen, »dass die Intellektuellen hier nie in eine Schule der Ernsthaftigkeit gegangen sind: Sie wurden in einer infantilen Vaterabhängigkeit gehalten.« Nun, so Kertész in seiner präzisen, sorgfältig geschliffenen Sprache, »hat sie der Horror Vacui gepackt. Ob sie wollen oder nicht, sie blicken in einen Abgrund – der sich nicht vor, sondern hinter ihnen auftut, und dieser Abgrund ist ihr Leben.«
Viele Schwierigkeiten bereitet Kertész der schnell wachsende Antisemitismus in Ungarn. Einer Auflistung akzeptabler »ungarischer« Juden durch eine Geistesgröße im Vorstand des Schriftstellerverbands begegnet er mit dem Austritt aus dem Verband und einem offenen Brief: Er habe »immer als Individuum gelebt«, er habe keine »sogenannten Identitätsprobleme«, aber er lasse nicht zu, dass man »mich absondert von meinen Landschaften und Wäldern, meinen Schluchten und den Berggipfeln, von denen ich in die Ferne schaue, über die Köpfe der engherzigen Rassisten hinweg«. Trotzdem denkt Kertész einige Male daran, sich zu verabschieden. Aber »wohin kann man schon emigrieren?«, schreibt er am 27. Mai 1992 aus Feldafing. »Vorläufig noch dorthin, wo ich mich auch bislang aufgehalten habe, nämlich in meinen eigenen Käfig.«

Imre Kertész: Briefe an Eva Haldimann. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm; Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 141 S., 16,90 €
Mit der Zeit schon bekannter, wird Kertész häufiger ins Ausland eingeladen, 1993 vom DAAD nach Berlin. Er geht zu Mahler in die Philharmonie und in die Oper zu Haydn, liefert eine heute historisch anmutende, aber nicht weniger einprägsam düstere Schilderung der Verhältnisse: »Mit der Oper als Vorwand streifte ich ein wenig durch den Ostteil der Stadt, zur Synagoge in der Oranienburger Straße; dieser ganze Bezirk, das ganze Viertel liegt quasi in Trümmern, Modergeruch, Schimmel, alles mit Staub überdeckt, als ob der Krieg, die großen Bombardierungen eben erst zu Ende gegangen wären… Phantastisch und erschreckend, was das Honecker-Regime hinterlassen hat. Und nicht nur die Häuser, auch die Menschen sind Ruinen.«
Über all die Jahre bleibt der Ton zwischen den Briefpartnern freundschaftlich nah, mit Grüßen an die jeweiligen Partner, die sich kennenlernen und zu schätzen scheinen, sodass sie manchmal mit unterzeichnen. Man liest hier beinahe ausschließlich die eine Seite der Korrespondenz, und so mag es vielleicht ein Irrtum sein, wenn der Eindruck entsteht, der kommende Nobelpreisträger sei insgesamt der Werbende geblieben: Immer wieder hegt er freudig Pläne für eines der seltenen Wiedersehen mit der Frau, die für ihn eine seiner wichtigsten Leserinnen ist, ein ferner Bernhardscher »Lebensmensch«, auf dessen Urteil er eine Menge gibt. Noch zwanzig Jahre nach einem nur halb begeisterten Urteil Eva Haldimanns zu einer Erzählung erinnert sich Kertész (»Ihnen gefiel sie damals nicht recht«) und beschließt, der Spurensucher sei eine Überarbeitung wert.
Mit der Verleihung des Nobelpreises, dem dazugehörigen Rummel, kommt eine außergewöhnliche Korrespondenz an ihr Ende. Die Zeit für Briefe ist vorbei. Man telefoniert.
- Datum 13.09.2009 - 12:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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