Imre Kertész Briefe aus dem KäfigSeite 2/2

Der folgende Brief stammt aus dem Januar 1990, doch von da an geht es rund. Vor allem außerhalb der Korrespondenz, die zu einer Chronik der schwierigen Gegenwart Ungarns wird. Zuerst hat sich Haldimann, deren Briefe bis auf Ausnahmen nicht erhalten sind, offenbar darüber gewundert, dass sie von den Intellektuellen trotz neuer Situation viele Klagen höre. Kertész antwortet, es sei »in der Tat bestürzend, dass man das, was, wenn auch noch nicht die Freiheit, so doch wenigstens eine Befreiung ist, hier als Zusammenbruch erlebt«. Er wisse auch »keine genaue Antwort«, aber man dürfe nicht vergessen, »dass die Intellektuellen hier nie in eine Schule der Ernsthaftigkeit gegangen sind: Sie wurden in einer infantilen Vaterabhängigkeit gehalten.« Nun, so Kertész in seiner präzisen, sorgfältig geschliffenen Sprache, »hat sie der Horror Vacui gepackt. Ob sie wollen oder nicht, sie blicken in einen Abgrund – der sich nicht vor, sondern hinter ihnen auftut, und dieser Abgrund ist ihr Leben.«

Viele Schwierigkeiten bereitet Kertész der schnell wachsende Antisemitismus in Ungarn. Einer Auflistung akzeptabler »ungarischer« Juden durch eine Geistesgröße im Vorstand des Schriftstellerverbands begegnet er mit dem Austritt aus dem Verband und einem offenen Brief: Er habe »immer als Individuum gelebt«, er habe keine »sogenannten Identitätsprobleme«, aber er lasse nicht zu, dass man »mich absondert von meinen Landschaften und Wäldern, meinen Schluchten und den Berggipfeln, von denen ich in die Ferne schaue, über die Köpfe der engherzigen Rassisten hinweg«. Trotzdem denkt Kertész einige Male daran, sich zu verabschieden. Aber »wohin kann man schon emigrieren?«, schreibt er am 27. Mai 1992 aus Feldafing. »Vorläufig noch dorthin, wo ich mich auch bislang aufgehalten habe, nämlich in meinen eigenen Käfig.«

Imre Kertész: Briefe an Eva Haldimann. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm; Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 141 S., 16,90 €

Imre Kertész: Briefe an Eva Haldimann. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm; Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 141 S., 16,90 €

Mit der Zeit schon bekannter, wird Kertész häufiger ins Ausland eingeladen, 1993 vom DAAD nach Berlin. Er geht zu Mahler in die Philharmonie und in die Oper zu Haydn, liefert eine heute historisch anmutende, aber nicht weniger einprägsam düstere Schilderung der Verhältnisse: »Mit der Oper als Vorwand streifte ich ein wenig durch den Ostteil der Stadt, zur Synagoge in der Oranienburger Straße; dieser ganze Bezirk, das ganze Viertel liegt quasi in Trümmern, Modergeruch, Schimmel, alles mit Staub überdeckt, als ob der Krieg, die großen Bombardierungen eben erst zu Ende gegangen wären… Phantastisch und erschreckend, was das Honecker-Regime hinterlassen hat. Und nicht nur die Häuser, auch die Menschen sind Ruinen.«

Über all die Jahre bleibt der Ton zwischen den Briefpartnern freundschaftlich nah, mit Grüßen an die jeweiligen Partner, die sich kennenlernen und zu schätzen scheinen, sodass sie manchmal mit unterzeichnen. Man liest hier beinahe ausschließlich die eine Seite der Korrespondenz, und so mag es vielleicht ein Irrtum sein, wenn der Eindruck entsteht, der kommende Nobelpreisträger sei insgesamt der Werbende geblieben: Immer wieder hegt er freudig Pläne für eines der seltenen Wiedersehen mit der Frau, die für ihn eine seiner wichtigsten Leserinnen ist, ein ferner Bernhardscher »Lebensmensch«, auf dessen Urteil er eine Menge gibt. Noch zwanzig Jahre nach einem nur halb begeisterten Urteil Eva Haldimanns zu einer Erzählung erinnert sich Kertész (»Ihnen gefiel sie damals nicht recht«) und beschließt, der Spurensucher sei eine Überarbeitung wert.

Mit der Verleihung des Nobelpreises, dem dazugehörigen Rummel, kommt eine außergewöhnliche Korrespondenz an ihr Ende. Die Zeit für Briefe ist vorbei. Man telefoniert.

 
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