Die Frage: Kai und Birgit sind seit zwei Jahren zusammen. Sie streiten sich oft. Schließlich gesteht Kai eine Liaison. Beide einigen sich, dass es so nicht weitergehen kann und trennen sich. Aber nach einigen Wochen vermisst Kai Birgit und schickt eine SMS, dass sie ihm fehle. Birgit geht es ähnlich. Kai behauptet bei ihrem ersten Treffen, er habe ein Helfersyndrom und wolle in Therapie gehen, um sich endlich selbst zu erkennen und mit sich und seinem Leben wirklich etwas anfangen zu können. Er wisse nicht, ob er Birgit liebe, ob er sie jemals geliebt habe. Er wolle jetzt erst einmal sich selbst finden. Obwohl er keine Beziehung mehr will, schläft er wieder mit Birgit. Birgit grübelt viel. Kann es sein, dass Kai wirklich nicht weiß, was er will? Wie kann sie ihm helfen, sich darüber klar zu werden, obwohl sie doch keine Therapeutin ist?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Psychologische Selbstdiagnosen verraten weniger über die Liebenden als über Versuche, mit dem gesammelten Wissen den Partner zu beeinflussen. In der verfahrenen Situation von Kai und Birgit scheint das angebliche Helfersyndrom für Kais Hoffnung zu stehen, er könne einen erwachsenen Menschen verändern. Dann hätte auch die Prinzessin im Märchen ein Helfersyndrom, da sie durch den Wurf an die Wand dem Frosch hilft, wieder Prinz zu werden. Ebenso problematisch finde ich Ankündigungen, man werde sich in einer Therapie verändern und wolle bis dahin unverbindlich bleiben. Wer sich entwickeln will, macht eine Therapie und redet nicht darüber. Wer andere manipulieren will, redet über seine – geplante – Therapie, um sich eine angenehmere Position zu schaffen.

Wolfgang Schmidbauer, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein Buch zu dieser Kolumne ist soeben erschienen: "Lässt sich Sex verhandeln?", Gütersloher Verlagshaus 2009