Merkels Zugfahrt Wenn Adenauer das wüsste

Angela Merkel macht jetzt Wahlkampf im Retro-Design. Doch ihre Reise im "Rheingold-Express" ist für die Kanzlerin von erheblichem Risiko, urteilt Patrik Schwarz.

Die Reiseroute der Kanzlerin: Aus der Gegenwart, in die Zukunft über die Vergangenheit

Die Reiseroute der Kanzlerin: Aus der Gegenwart, in die Zukunft über die Vergangenheit

Ist der Zug schon abgefahren? Oder ist das Ganze noch zu stoppen? Von morgens um neun bis abends um 20.30 Uhr wird Angela Merkel an diesem Dienstag im Rheingold-Express durch Deutschland fahren, einem »Nostalgie-Zug« (Bahn-Werbung), der seine Glanzzeit in den fünfziger Jahren hatte. Vor der Abfahrt in Bonn legt Merkel an Konrad Adenauers Grab in Rhöndorf einen Kranz nieder, dann geht es erst den Rhein entlang, und wenn es Nacht wird über Deutschland, fährt sie in der großen Stadt Berlin ein. Dazwischen liegen Koblenz, Frankfurt, Erfurt, Leipzig, und an jedem dieser Orte begibt die Kanzlerin sich unter Menschen. Das wird sicher alles sehr sehr schön werden. Aber was, du liebe Güte, hat Angela Merkel da zu suchen?

Die Zuckerguss-Tour durchkreuzt Angela Merkels einziges Wahlversprechen: No nonsense! Bisher lief doch alles so gut für die Kanzlerin mit der dezent präsidialen Ausstrahlung. Ihr Konkurrent verzweifelte regelmäßig an Merkels Bloß-keinen-Wahlkampf-Wahlkampf, weil sie genau das machte: bloß keinen Wahlkampf. Und nun fährt sie in einem Salonwagen durch deutsche Lande und ruft auf jedem Bahnhof: Hier bin ich! Dazu Blumen, Tusch und Kaiserwetter.

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Man muss übrigens nicht Kanzlerin sein, um im Rheingold-Express mitzufahren. Es hilft aber, Adenauer zu heißen. Mitglieder der Familie nähmen auf besondere Einladung der Bundeskanzlerin an der Reise teil, lässt die CDU wissen. Schon Großvater Adenauer hatte den Rheingold-Express für Wahlkampftourneen geschätzt, an seine Kanzlerkür vor 60 Jahren möchte Merkel erinnern. Allerdings, hieß nicht der letzte CDU-Kanzler einer Großen Koalition Kurt Georg Kiesinger? Nun ja, um dessen Ruf stand es nicht zum Besten. Und vielleicht fuhr er auch nicht gerne Zug.

Bloß mit der Fahrtrichtung hat die CDU noch Schwierigkeiten. Ein Zug zurück in die Vergangenheit? Das passt zwei Wochen vorher nicht recht zur "Zukunftswahl" am 27. September. Andererseits, mit der Eisenbahn in die Zukunft, das Rezept ist auch schon ziemlich angestaubt. Es gab eine Zeit, da symbolisierte ein Herrscher, der Bahn fuhr: Der Fortschritt ist da! Doch das war kurz nachdem es aus der Mode gekommen war, mit dem Pferd ins Büro zu reiten. Heute fährt nur noch die Queen in eigenen Waggons; als der frisch gewählte Präsident Obama sich im Zug zur Inauguration nach Washington chauffieren ließ, war das bereits keine wirklich überzeugende Idee mehr.

Man muss die Reiseroute der Kanzlerin wohl so verstehen: Aus der Gegenwart in die Zukunft über die Vergangenheit. Im Bahner-Deutsch würde man sagen: Adenauer, ein Zwischenhalt.

Aber der Kanzlerzug ist auch ein Volkszug. Hat nicht die CDU ihn gebucht, fahren damit Trainspotter ins Gebirge und Rentner an die See. Unter www.bahnurlaub.de sind die Angebote für den Rheingold-Express versammelt. Direkt vor der Kanzlerin (6. bis 13. September) ist das Reisearrangement "Pörtschach am Wörthersee" im Angebot, "8 Tage Sonderzugreise" ab 999 Euro. Für Reisende mit mehr Hunger als Zeit gibt es ab 199 Euro die eintägige "Gourmetfahrt mit dem Chefkoch der Queen Mary 2". Denn, wie es im Prospekt heißt: "Reisen und Speisen gehört natürlich zusammen!" Auch Angela Merkel wird an Bord verpflegt.

Leser-Kommentare
    • NoG
    • 15.09.2009 um 9:56 Uhr

    ...ist doch klar...es war kein funktionstuechtiger ICE frei. :)

  1. Der Kommentator zeigt ein aus meiner Sicht veraltetes Zukunftsverständnis.
    Es ist aus meiner Sicht besser, mit dem Zug auf Tour zu gehen als mit einem Kanzler Autotross. Denn Autos sind weniger zukunftsträchtig als der Zug.
    Und Merkel zeigt damit eine gewisse Normalheit, wenn nicht sogar Bescheidenheit. Ich denke, dass das wesentlich besser ankommt bei der Bevölkerung, als sich der Autor in seiner von Einseitigkeit geprägten Vorstellungswelt erträumen kann.
    Sicher ist auch diese Tour mit bestimmten Risiken behaftet, wie jede Wahlkampftour. Es könnte z. B. passieren, dass sich an allen Bahnhöfen nur Leute mit der eingeschränkten Vorstellungskraft des Autors versammeln. Dann hat Merkel Pech gehabt, kann aber passieren.
    Die Idee von Ihr finde ich trotzdem gut (obwohl ich kein CDU Fan bin) und sie zeugt auch vom Gespür Merkels für die aktuelle Einstellung in der Bevölkerung die ordentlich die Schnauze voll hat von Medienstars, die mit 5 Hubschraubern und 15 2,3 Tonnen Schweren VW Phaetons durch die Republik hektisieren um überall ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen.

    • gw-hh
    • 15.09.2009 um 11:06 Uhr

    Das ist wieder einmal typisch für die deutsche Presse: sie sorgt sich um das Wohlergehen der Kanzlerin mit der "präsidialen Ausstrahlung" und ihre Karriereaussichten und ignoriert das Schicksal der von ihrer Regierung Betroffenen, die die Konsequenzen ausbaden müssen.

    Sorgfältig wird vermieden, das Versagen von Kanzlerin und Herausforderer Steinmeier und seiner SPD zu beleuchten, die die Zukunft der deutschen Bevölkerung den Interessen der Banken unterworfen haben, die zugunsten der "Rettung" der Finanzindustrie den Bürgern eine massive Schuldenlast abzutragen gaben und gleichzeitig nicht in der Lage waren, auch nur den kleinsten Schritt der Regulierung gegenüber den Banken, die uns ins Desaster führten, zu vollziehen: nichts als Rhetorik fand diesbezüglich bisher statt, und dass sich das nach den Wahlen ändern sollte, ist nicht wahrscheinlich.

    Gab es schon einmal eine Erklärung, warum in Deutschland mit 500 Milliarden der 4-fache Betrag (im Verhältnis der Bevölkerungszahl) für die Bankenrettung aufgewendet wurde, gegenüber den USA (mit 700 Milliarden $) ?
    Gab es den Hinweis darauf, dass Merkel sich in führender Rolle dafür einsetzte, den Handel mit toxischen "Wert"Papieren durch Steuerbefreiung zu fördern, wie dies einem Blogger der FAZ auffiel?
    Oder den Hinweis auf die Koalitionsvereinbarung der Regierung, in der die Förderung dieses Handels festgeschrieben wurde, und die bis heute nicht aufgehoben wurde?

    Nichts davon interessiert die "Zeit" / die deutsche Presse...

  2. ... den Tross zieht. Dann passt es 100-prozentig zum Wahlprogramm: Wachstum durch Export.

    Wachstum, wie damals in der guten alten Dampfmaschinenzeit, als jeder Unternehmer seine Konkurrenzfähigkeit dadurch steigerte, dass er niedere Stückkosten durch niedere Personalkosten erzielte. Ein Mindestlohn wäre Gift für diese Strategie. Eine starker Binnenwirtschaft wäre Gift für diese Strategie. Arbeiterrechte wären Gift für diese Strategie.

    Diese Wachstumsstrategie braucht wehrlose Arbeiter und Angestellte, die froh sind, wenn sie überhaupt eine Arbeitsstelle haben. Egal zu welchem Lohn. Egal zu welchen Bedingungen.

  3. Dieser Zug verfügt nicht über die merkelgerechte Ausstattung mit Trittbrettern.

    Außerdem war die Hauptdarstellerin im Originalfilm Rheingold (http://www.visualfilm.de/...) wesentlich hübscher anzuschauen.

    • bivi
    • 15.09.2009 um 15:48 Uhr

    Die Medien, hier 'Die Zeit', sind längst Teil des mittelmäßigen, profillosen Wahlkampfes geworden. Sie begleiten ihn mit seichter Geschwätzigkeit, denn Feuilleton kann man das schon nicht mehr nennen, statt ihrer Aufgabe als 4. Macht oder Kraft im Staat, in der Demokratie, gerecht zu werden. Wer will solche Medien noch ernst nehmen?
    Wenn schon die Parteien, insbesondere die Regierungsparteien den Themenwahlkampf vermeiden, den politischen Redakteuren müsste es doch ein leichtes sein die Programme und Politikerstatements auf Lösungsansätze für die Zukunftsprobleme zu durchforsten, synoptisch nebeneinander zu stellen, zu hinterfragen und zu kommentieren.

    Aber Fehlanzeige: 'Prinzesschen im Rheingoldexpress' und 'Tigerenten'-Koalition sind Schlagzeilen.

    Ich kann dem Kommentar 3 von gw-hh nur voll und ganz zustimmen.

    Die Kanzlerin und Kandidatin hat seit dem 'Fastdebakel' bei der letzten Bundestagswahl ihr Leipziger Profil schnell abgestreift, jede innerparteiliche Aufarbeitung abgeblockt, und sich aus den Programmen der anderen Parteien bedient.
    Profillosigkeit und Beliebigkeit ist seither ihr Wesensmerkmal.
    'Wer 'ne gute Idee hat, her damit!'
    Insofern ist dieser Wahlkrampf aus Sicht der Kanzlerin nur kosequent.

    • jps-mm
    • 15.09.2009 um 17:19 Uhr

    Die Kritik an dem von der Bundeswehr angeordneten Bombardement in Afghanistan wirft ein bezeichnendes Licht auf das mittlerweile arg ramponierte Ansehen der Bundesrepublik. Selbst bei Bündnispartnern hat sich der Eindruck verfestigt, dass in Deutschland schon seit längerem eine effektive Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten nicht gewährleistet ist.

    Die Fernsehbilder von Gipfeltreffen können den bereits erlittenen Ansehensverlust der Merkel kaum noch verdecken. Bei einem der letzten G20-Treffen war es schon so weit, dass die Merkel nach dem Abschlussfoto den übrigen Regierungschefs hinterherlaufen musste, damit die Kameraleute sie - mit angestrengtem Grinsen - wenigstens noch vor dem Hinterkopf des US-Präsidenten ablichten konnten.

    Mit Blick auf die Proteste gegen die Bürger- und Menschenrechtsverletzungen hält es die Merkel nun sogar für notwendig, offiziell Protestnoten bei den Bündnispartnern einzureichen und die Botschafter der Bündnispartner im Außenministerium zu bestellen.

    Das erbärmliche Schauspiel der Merkel muss so schnell wie möglich beendet werden.

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