Merkels Zugfahrt Wenn Adenauer das wüssteSeite 2/2

"Im Schlafwagen an die Macht!", protestiert die SPD. Das ist natürlich Unfug bei einem Trip am helllichten Tag. Trotzdem scheint mit der Idee etwas passiert zu sein, seit im Juli Bild- Kolumnist und Traditionsschlachtross Hugo Müller-Vogg von dem Plan berichtete. Ganz vorsichtige Absetzbewegungen sind auszumachen vom Gedanken, Angela Merkel dergestalt durch blühende Landschaften zu schicken. Wer hatte denn den Einfall? Er stammt aus dem Adenauer-Haus, mehr mag die CDU-Zentrale dazu nicht preisgeben. Eine Idee, derer sich keiner rühmt, klingt nicht nach einer guten Idee.

Die Tour kann ihren Ursprung eigentlich nur in den trüben Stunden der Vorwahlzeit haben, als Angela Merkel gerade mal wieder über Kreuz lag mit dem alten, rheinisch-katholischen Westmilieu der CDU, mit den Vertriebenen wegen Erika Steinbach und mit dem Papst wegen der Pius-Brüder. Die Suche nach dem Schutzmantel des Ahnen Adenauer verrät eine Unsicherheit, die gar nicht zum gelassenen Selbstbewusstsein dieser Spätsommertage passen will. Jetzt, wo es nur noch darauf ankäme, in den letzten 14 Tagen vor dem Wahlsonntag nichts mehr falsch zu machen, spielt die Favoritin Theater. In einem Zug, dessen Prunkstück ein rundum verglaster Panorama-Waggon ist, wird Schneewittchen auf Rädern gegeben.

Vielleicht geht ja alles glatt. Zunächst mal jedenfalls fährt Angela Merkel ihrem guten Ruf davon. Sie ist die Spröde mit dem trockenen Humor, die Frau, zu deren charmanten und sympathischen Seiten gehört, dass sie einfach die Luft rauslässt aus jedem Pomp (Nicolas Sarkozy inklusive). Und plötzlich braust sie mit Bohei durch einen CDU-Märchenpark, in dem die deutsche Eiche noch was gilt und alle gerne Törtchen essen. Nur eines sollte man ihr nicht unterstellen: dass sie dabei allzu viel Spaß haben wird. Begleitet wird sie von morgens bis abends von CSU-Chef Seehofer.

 
Leser-Kommentare
    • NoG
    • 15.09.2009 um 9:56 Uhr

    ...ist doch klar...es war kein funktionstuechtiger ICE frei. :)

  1. Der Kommentator zeigt ein aus meiner Sicht veraltetes Zukunftsverständnis.
    Es ist aus meiner Sicht besser, mit dem Zug auf Tour zu gehen als mit einem Kanzler Autotross. Denn Autos sind weniger zukunftsträchtig als der Zug.
    Und Merkel zeigt damit eine gewisse Normalheit, wenn nicht sogar Bescheidenheit. Ich denke, dass das wesentlich besser ankommt bei der Bevölkerung, als sich der Autor in seiner von Einseitigkeit geprägten Vorstellungswelt erträumen kann.
    Sicher ist auch diese Tour mit bestimmten Risiken behaftet, wie jede Wahlkampftour. Es könnte z. B. passieren, dass sich an allen Bahnhöfen nur Leute mit der eingeschränkten Vorstellungskraft des Autors versammeln. Dann hat Merkel Pech gehabt, kann aber passieren.
    Die Idee von Ihr finde ich trotzdem gut (obwohl ich kein CDU Fan bin) und sie zeugt auch vom Gespür Merkels für die aktuelle Einstellung in der Bevölkerung die ordentlich die Schnauze voll hat von Medienstars, die mit 5 Hubschraubern und 15 2,3 Tonnen Schweren VW Phaetons durch die Republik hektisieren um überall ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen.

    • gw-hh
    • 15.09.2009 um 11:06 Uhr

    Das ist wieder einmal typisch für die deutsche Presse: sie sorgt sich um das Wohlergehen der Kanzlerin mit der "präsidialen Ausstrahlung" und ihre Karriereaussichten und ignoriert das Schicksal der von ihrer Regierung Betroffenen, die die Konsequenzen ausbaden müssen.

    Sorgfältig wird vermieden, das Versagen von Kanzlerin und Herausforderer Steinmeier und seiner SPD zu beleuchten, die die Zukunft der deutschen Bevölkerung den Interessen der Banken unterworfen haben, die zugunsten der "Rettung" der Finanzindustrie den Bürgern eine massive Schuldenlast abzutragen gaben und gleichzeitig nicht in der Lage waren, auch nur den kleinsten Schritt der Regulierung gegenüber den Banken, die uns ins Desaster führten, zu vollziehen: nichts als Rhetorik fand diesbezüglich bisher statt, und dass sich das nach den Wahlen ändern sollte, ist nicht wahrscheinlich.

    Gab es schon einmal eine Erklärung, warum in Deutschland mit 500 Milliarden der 4-fache Betrag (im Verhältnis der Bevölkerungszahl) für die Bankenrettung aufgewendet wurde, gegenüber den USA (mit 700 Milliarden $) ?
    Gab es den Hinweis darauf, dass Merkel sich in führender Rolle dafür einsetzte, den Handel mit toxischen "Wert"Papieren durch Steuerbefreiung zu fördern, wie dies einem Blogger der FAZ auffiel?
    Oder den Hinweis auf die Koalitionsvereinbarung der Regierung, in der die Förderung dieses Handels festgeschrieben wurde, und die bis heute nicht aufgehoben wurde?

    Nichts davon interessiert die "Zeit" / die deutsche Presse...

  2. ... den Tross zieht. Dann passt es 100-prozentig zum Wahlprogramm: Wachstum durch Export.

    Wachstum, wie damals in der guten alten Dampfmaschinenzeit, als jeder Unternehmer seine Konkurrenzfähigkeit dadurch steigerte, dass er niedere Stückkosten durch niedere Personalkosten erzielte. Ein Mindestlohn wäre Gift für diese Strategie. Eine starker Binnenwirtschaft wäre Gift für diese Strategie. Arbeiterrechte wären Gift für diese Strategie.

    Diese Wachstumsstrategie braucht wehrlose Arbeiter und Angestellte, die froh sind, wenn sie überhaupt eine Arbeitsstelle haben. Egal zu welchem Lohn. Egal zu welchen Bedingungen.

  3. Dieser Zug verfügt nicht über die merkelgerechte Ausstattung mit Trittbrettern.

    Außerdem war die Hauptdarstellerin im Originalfilm Rheingold (http://www.visualfilm.de/...) wesentlich hübscher anzuschauen.

    • bivi
    • 15.09.2009 um 15:48 Uhr

    Die Medien, hier 'Die Zeit', sind längst Teil des mittelmäßigen, profillosen Wahlkampfes geworden. Sie begleiten ihn mit seichter Geschwätzigkeit, denn Feuilleton kann man das schon nicht mehr nennen, statt ihrer Aufgabe als 4. Macht oder Kraft im Staat, in der Demokratie, gerecht zu werden. Wer will solche Medien noch ernst nehmen?
    Wenn schon die Parteien, insbesondere die Regierungsparteien den Themenwahlkampf vermeiden, den politischen Redakteuren müsste es doch ein leichtes sein die Programme und Politikerstatements auf Lösungsansätze für die Zukunftsprobleme zu durchforsten, synoptisch nebeneinander zu stellen, zu hinterfragen und zu kommentieren.

    Aber Fehlanzeige: 'Prinzesschen im Rheingoldexpress' und 'Tigerenten'-Koalition sind Schlagzeilen.

    Ich kann dem Kommentar 3 von gw-hh nur voll und ganz zustimmen.

    Die Kanzlerin und Kandidatin hat seit dem 'Fastdebakel' bei der letzten Bundestagswahl ihr Leipziger Profil schnell abgestreift, jede innerparteiliche Aufarbeitung abgeblockt, und sich aus den Programmen der anderen Parteien bedient.
    Profillosigkeit und Beliebigkeit ist seither ihr Wesensmerkmal.
    'Wer 'ne gute Idee hat, her damit!'
    Insofern ist dieser Wahlkrampf aus Sicht der Kanzlerin nur kosequent.

    • jps-mm
    • 15.09.2009 um 17:19 Uhr

    Die Kritik an dem von der Bundeswehr angeordneten Bombardement in Afghanistan wirft ein bezeichnendes Licht auf das mittlerweile arg ramponierte Ansehen der Bundesrepublik. Selbst bei Bündnispartnern hat sich der Eindruck verfestigt, dass in Deutschland schon seit längerem eine effektive Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten nicht gewährleistet ist.

    Die Fernsehbilder von Gipfeltreffen können den bereits erlittenen Ansehensverlust der Merkel kaum noch verdecken. Bei einem der letzten G20-Treffen war es schon so weit, dass die Merkel nach dem Abschlussfoto den übrigen Regierungschefs hinterherlaufen musste, damit die Kameraleute sie - mit angestrengtem Grinsen - wenigstens noch vor dem Hinterkopf des US-Präsidenten ablichten konnten.

    Mit Blick auf die Proteste gegen die Bürger- und Menschenrechtsverletzungen hält es die Merkel nun sogar für notwendig, offiziell Protestnoten bei den Bündnispartnern einzureichen und die Botschafter der Bündnispartner im Außenministerium zu bestellen.

    Das erbärmliche Schauspiel der Merkel muss so schnell wie möglich beendet werden.

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