AusstellungKunst im Glück

Da wird es einem hell ums Herz: Die starken, stillen Bilder des jungen rumänischen Künstlers Mircea Cantor. Eine Ausstellung in Zürich von Hans-Joachim Müller

Den Jauchzer auf dem kleinen Gesicht hat das Video abgeschnitten. Einen Schnitt nur macht der Junge auf dem Spültisch, hält die Schere in den Wasserstrahl, klapp, und schon ist es dunkel. Und dann ist es wieder hell, und er sitzt da und schneidet, und der Jauchzer auf dem kleinen Gesicht ist wie ein Blitz, der ins Dunkle zuckt. Seltsam, wie lange man es vor einem Monitor aushält, auf dem es nichts zu entziffern, nichts zu deuten gibt. Der Junge, die Schere, der Jauchzer, der Schnitt. Und das Dunkel dazwischen ist wie eine Tür nach innen. Es gibt Bilder, die führen einen so bestimmt, dass es Entführung ist. Man kann dem Kind nicht zusehen, ohne das Kind zu sehen, das man einmal war. Klapp, lockt das Kind, lockt in geheimnisvoll verhangene Räume, wo noch Zauber ist, wo das Unverstandene ohne viel Sehnsucht nach Licht und Klarheit überlebt.

Starke Bilder. Nicht viele Bilder. Es geht übersichtlich zu in der Ausstellung des jungen rumänischen Künstlers Mircea Cantor. Unten, im Garderobenkeller des Zürcher Kunsthauses, wo die Schulklassen ihre Anoraks in aufgestellte Drahtkästen werfen, ist man ganz allein mit dem Kameramann, der eine Viertelstunde an einer Kette ohne Anfang und Ende entlang filmt. Dass er die Kette filmen würde, kann man nicht sagen. Er filmt auch die Erde, die Grasbüschel, die herumliegenden Zweige, die Sandhäufchen, die die Kette begraben. Manchmal ist ein Flugzeug zu hören. Manchmal spannt sich die Kette und zittert über dem Boden, als habe sie doch ein Ende oder einen Anfang, an dem irgendeiner zieht. Und dann sind sechzehn Minuten und zweiundvierzig Sekunden vorbei, und ein Ball fällt ins Bild, und es wird hell, und zwei Männer werfen sich den Ball zu, und ein Hund zerrt an der Kette und bellt und bellt heftig, und es kann nicht anders sein, er zählt nur die nächste ereignislose Viertelstunde an.

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Was heißt schon »ereignislos«? The Leash of the Dog that was longer than his Life heißt das Stück, in dem der Hund, der ein Schäferhund ist, seinen kleinen Auftritt hat. Dass die Kette in Wahrheit länger ist als sein Leben, wir möchten es ihm von Herzen wünschen. Nur bliebe dann noch immer das Problem der lebenslangen Angebundenheit. Und als Metapher der Freiheit wäre das bisschen Zittern der Kette über dem Boden ein arg verletzliches Bild.

Vielleicht sieht man der Kunst des Mircea Cantor ja doch an, woher sie kommt. Auch wenn der Künstler heute vor allem in Paris lebt, scheinen seine Geschichten und Zeichen noch immer mehr aus Erinnerung und Erfahrung zu stammen als aus dem globalen Fundus. Es ist ein ganz eigenes Idiom, das er spricht. Mit Farbe erkennungsdienstlicher Prozeduren hat er einmal Daumenabdruck um Daumenabdruck einen Stacheldraht an die Museumswand gemalt – gerade auf Augenhöhe, dass man kaum anders konnte, als auf ihn zuzulaufen und in ihm hängen zu bleiben. Man sollte einen solchen Fries nicht gleich als späten Ceauşescu-Reflex abtun. Die politische Semantik ist das eine. Das andere aber, dass sich in der Arbeit auch eine neugierige Selbstbeobachtung versinnlicht, eine Retrospektive, die wie Introspektive ist. Daumenabdruck um Daumenabdruck: Das ist geradeso wie der Wasser schneidende Junge, dessen Kinderglück in lauter Sekundenpartikel zerteilt wird.

Tatsächlich geht es um Glück in diesem Werk. Man schreibt das so hin und erschrickt fast vor der fremden Wucht des kleinen Wortes. Am Eingang seiner Zürcher Ausstellung hat Cantor aus der Kopfzeile der New York Times das »York« ausgerissen und die geduldeten Schnipsel in einem fassbodenähnlichen Tondo gerahmt. Drinnen beginnen die neuen Zeiten erst einmal mit altem Personal. Gewöhnt an die grellen Reize, mit denen der Kunstbetrieb in seine modischen Wunderkammern lockt, bleibt man vor einem kleinen, dunklen Bild an der Wand stehen und denkt: Wann zuletzt hat einer eine Schar Miniaturengel gemalt, die mit Satelliten wie Spielzeug um den Globus kreisen?

Engel? In der wandfüllenden Videoarbeit gegenüber werden die jungen Frauen in ihren weißen Gewändern erst nach und nach sichtbar. Als müssten sich unsere Augen an ihre Erscheinung gewöhnen. Dann ordnen sie sich im Bild, folgen der Choreografie, die sie im feinen weißen Sand im Kreis gehen lässt. Jede macht einen balletteusen Schritt, und die Nachfolgerin schwingt ihren Besen und löscht die Trittspur ihrer Vorgängerin. Dass sie dabei vorankommen würden, ließe sich nicht behaupten. Aber auch nicht, dass sie stehen blieben. Vielleicht ist ja Glück, wenn man nicht vorankommen muss und doch nicht stehen bleibt.

Tracking Happiness – das meint ja Glückssuche, Spurensuche nach Glück, Glücksgroßeinsatz, um die Glücksnuggets aus dem Wasser zu sieben. Nur anders als die Digger damals, die für das verheißene Gold unendliche Schlangen bildeten, schließen sich die Cantorschen Besen-Engel zur grazilen Runde. Auch suchen sie nichts und finden sie nichts. Sie treten behutsam auf und verwischen den Auftritt schnell wieder, damit es einen neuen behutsamen Auftritt geben kann. Wie kommt der Saaltext nur dazu, vor der Tonspur des Films zu warnen? Die unterlegte Musik erzeuge eine düstere Atmosphäre, heißt es. Und die Hoffnung auf Glück scheine sich mit jeder Wischbewegung in Luft aufzulösen. Doch düster ist hier nichts. Es wird einem bei jedem Kreis nur heller ums Herz. Und während der Junge im Hintergrund mit seiner Wasserschere klapp macht, werden Engel, Besen und Fußspuren immer kleiner, und die Kamera steigt immer höher hinauf, und dann ist nur noch Licht. Und es ist schon wieder eine Zeit vergangen, sechzehn Minuten, zweiundvierzig Sekunden, vielleicht, wir haben nicht auf die Uhr gesehen. Wir haben nur auf den Glückstanz gesehen. Waren mitten im Ausstellungsglück. Reicht lange hin, das kleine Wunder an Stille.

Mircea Cantor: »Tracking Happiness«, Kunsthaus Zürich, bis zum 8. November

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Leserkommentare
    • ben_
    • 14. September 2009 19:24 Uhr

    Wie großartig ist bitte "Angels and Satellites"? Wie schade, dass es nur 20x20 Zentimerter groß ist. Das hätte ich gerne in 2x2 Meter.

  1. ein wunderbar heller Blick in eine Ausstellung, die leider um über 1000 km zu weit entfernt ist. Aber die Zeilen darüber bauen im Kopf der Leserin ihre eigene Schau von Mircea Cantors Filmen. Und schaffen ein kleines Glück.

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