Das ist Disco. Der DJ schwingt mit im Takt der Musik, kein Podest erhebt ihn über die Jungs und Mädchen, die vor ihm tanzen. Manche nehmen sich von dem Champagner, der in einem Kübel auf dem DJ-Pult steht, ein Mädchen, das eine große, lange Papprolle dabeihat, tut so, als schnupfe es damit vom Tresen Kokain. Die, die gerade reinkommen ins Café King, begrüßen überschwänglich die, die schon da sind: Servus! Naaaa! Ja, super! Grafiker umarmen Modedesignerinnen umarmen Musikproduzenten umarmen Fotografen umarmen Models umarmen die anderen. Und Jonas Imbery, der DJ, wählt mit Bedacht und Geschmack den Soundtrack für diese Freitagnacht in München. Er bringt die Nacht zum Klingen, zum Glitzern, zum Strahlen. München hat etwas zu feiern.

Dieser Abend ist der Beginn der Suche nach einem Lebensgefühl, nach dem, was München ausmacht, jetzt, im Sommer 2009, in dem man Folgendes hört: Berlin ist vorbei, und München ist da. Die besseren Partys, die spannenderen Menschen, Dinge im Aufbruch. Vor einem Jahr verfasste der Berliner Büroleiter der New York Times, Nicholas Kulish, eine Hymne auf München. Er sei noch nicht so weit, Berlin für immer zu verlassen, schrieb der 34-Jährige, aber er tue es immer öfter, wegen der Kunst, wegen des Essens, wegen all der Dinge, die Berlin nicht habe, und wenn man das liest, dann wird man das Gefühl nicht los, dass da jemand versucht, einen Gegenentwurf zu Berlin aufzustellen – um diesen Entwurf dann als das nächste große Ding zu feiern. Ist es also nur ein Hype, ein Reflex? Wenn sich alle, alle einig sind, dass Berlin die spannendste Stadt Deutschlands ist, müssen dann welche kommen, die sagen: Alles Quatsch, München ist besser? Oder ist es mehr?

Die internationale Stil-Zeitschrift Monocle erklärt München zur lebenswertesten Stadt der Welt, das Berliner Lifestylemagazin Vice sieht in München das neue Reiseziel für diejenigen, die auf Ibiza oder in Goa schon alles weggefeiert haben. Und das Kunstmagazin Monopol behauptete im Dezember 2007 auf seinem Cover, es gebe schlechte Nachrichten für Berlin, denn die Zukunft des deutschen Designs liege in München.

Die Zukunft des deutschen Designs heißt Stefan Diez und ist 38 Jahre alt. Diez kommt aus Freising bei München. Nach einer Schreinerlehre und einem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart war er unter anderem Assistent von Konstantin Grcic, dem berühmten deutschen Industriedesigner, der, logisch, auch in München lebt. Vor sechs Jahren machte Diez sich selbstständig, sein Atelier liegt im Glockenbachviertel, in einem grünen Hinterhof. Hier entwirft er für Möbelfirmen wie Thonet und Moroso, für e15 hat er den Stuhl Houdini gemacht, der als Klassiker gilt. Diez hat Designpreise gewonnen, aber wenn man mit ihm über seine Arbeit und den Einfluss der Stadt darauf reden will, dann spricht er erst einmal von seinen drei Kindern, von seiner Frau, davon, dass seine Eltern hier in München sind. Und sein Atelier im Glockenbachviertel – eigentlich das Viertel der Schwulen und Lesben, in das in den vergangenen Jahren immer mehr junge Familien gezogen sind – liege nun einmal in der Nähe eines schönen Spielplatzes, die Eisdielen seien auch spitze – was solle er machen, er sei halt aus München.

Vielleicht hat er, eben weil er aus München ist, aber auch verstanden, dass er mit seiner Arbeit Geld verdienen muss. München ist eine teure Stadt, und Diez redet viel über die Wirtschaftlichkeit seiner Arbeit. Er macht keine Projekte, kein Zeug, das sich nicht verkauft, er geht nicht ins Atelier, um rumzuspinnen. "Ein Atelier kostet schnell ein paar Tausend Euro im Monat. Als Designer muss ich da schauen, dass ich das Geld zusammenbringe. Ich muss arbeiten, ich muss erfolgreich sein, ich kann keine Dinge herstellen, mit denen ich keinen Umsatz mache." Seine Arbeiten sollen nicht im luftleeren Raum bestehen, sondern in der Realität. Diez hat sich sozusagen unabhängig gemacht von der Freiheit des Künstlers.

Trotz allem verkauft Diez nicht seine Seele. Seine Stühle, seine Entwürfe sind immer Diez: formschön, handwerklich großartig, überraschend in den Details. Sie entstehen in einer Idylle, sein Atelier befindet sich auf einer ehemaligen kleinen Insel, daneben fließt der Glockenbach, nebenan entwirft seine Frau Saskia Schmuck, der so schön ist wie die Möbel ihres Mannes. Es ist, wenn man so will, eine kreative Oase, sie haben es sich nett eingerichtet, ohne den Dreck, den Lärm und den Trubel, die so ein Leben und so eine Arbeit an anderen Orten mit sich bringen würden.

Der Unterschied zwischen München und Berlin? Diez sagt, wenn man in Berlin eine Party machen wolle, müsse man einfach am Nachmittag seine Facebook-Freunde anschreiben, dann sei es am Abend voll. "Wenn ich in München am selben Abend ein Fest machen will, dann kann ich froh sein, wenn zehn Leute kommen."