München Report München

Plötzlich schwärmen alle von den Clubs, den Designern, den Möglichkeiten dieser Stadt. Wie konnte es dazu kommen?

Das ist Disco. Der DJ schwingt mit im Takt der Musik, kein Podest erhebt ihn über die Jungs und Mädchen, die vor ihm tanzen. Manche nehmen sich von dem Champagner, der in einem Kübel auf dem DJ-Pult steht, ein Mädchen, das eine große, lange Papprolle dabeihat, tut so, als schnupfe es damit vom Tresen Kokain. Die, die gerade reinkommen ins Café King, begrüßen überschwänglich die, die schon da sind: Servus! Naaaa! Ja, super! Grafiker umarmen Modedesignerinnen umarmen Musikproduzenten umarmen Fotografen umarmen Models umarmen die anderen. Und Jonas Imbery, der DJ, wählt mit Bedacht und Geschmack den Soundtrack für diese Freitagnacht in München. Er bringt die Nacht zum Klingen, zum Glitzern, zum Strahlen. München hat etwas zu feiern.

Dieser Abend ist der Beginn der Suche nach einem Lebensgefühl, nach dem, was München ausmacht, jetzt, im Sommer 2009, in dem man Folgendes hört: Berlin ist vorbei, und München ist da. Die besseren Partys, die spannenderen Menschen, Dinge im Aufbruch. Vor einem Jahr verfasste der Berliner Büroleiter der New York Times, Nicholas Kulish, eine Hymne auf München. Er sei noch nicht so weit, Berlin für immer zu verlassen, schrieb der 34-Jährige, aber er tue es immer öfter, wegen der Kunst, wegen des Essens, wegen all der Dinge, die Berlin nicht habe, und wenn man das liest, dann wird man das Gefühl nicht los, dass da jemand versucht, einen Gegenentwurf zu Berlin aufzustellen – um diesen Entwurf dann als das nächste große Ding zu feiern. Ist es also nur ein Hype, ein Reflex? Wenn sich alle, alle einig sind, dass Berlin die spannendste Stadt Deutschlands ist, müssen dann welche kommen, die sagen: Alles Quatsch, München ist besser? Oder ist es mehr?

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Die internationale Stil-Zeitschrift Monocle erklärt München zur lebenswertesten Stadt der Welt, das Berliner Lifestylemagazin Vice sieht in München das neue Reiseziel für diejenigen, die auf Ibiza oder in Goa schon alles weggefeiert haben. Und das Kunstmagazin Monopol behauptete im Dezember 2007 auf seinem Cover, es gebe schlechte Nachrichten für Berlin, denn die Zukunft des deutschen Designs liege in München.

Die Zukunft des deutschen Designs heißt Stefan Diez und ist 38 Jahre alt. Diez kommt aus Freising bei München. Nach einer Schreinerlehre und einem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart war er unter anderem Assistent von Konstantin Grcic, dem berühmten deutschen Industriedesigner, der, logisch, auch in München lebt. Vor sechs Jahren machte Diez sich selbstständig, sein Atelier liegt im Glockenbachviertel, in einem grünen Hinterhof. Hier entwirft er für Möbelfirmen wie Thonet und Moroso, für e15 hat er den Stuhl Houdini gemacht, der als Klassiker gilt. Diez hat Designpreise gewonnen, aber wenn man mit ihm über seine Arbeit und den Einfluss der Stadt darauf reden will, dann spricht er erst einmal von seinen drei Kindern, von seiner Frau, davon, dass seine Eltern hier in München sind. Und sein Atelier im Glockenbachviertel – eigentlich das Viertel der Schwulen und Lesben, in das in den vergangenen Jahren immer mehr junge Familien gezogen sind – liege nun einmal in der Nähe eines schönen Spielplatzes, die Eisdielen seien auch spitze – was solle er machen, er sei halt aus München.

Vielleicht hat er, eben weil er aus München ist, aber auch verstanden, dass er mit seiner Arbeit Geld verdienen muss. München ist eine teure Stadt, und Diez redet viel über die Wirtschaftlichkeit seiner Arbeit. Er macht keine Projekte, kein Zeug, das sich nicht verkauft, er geht nicht ins Atelier, um rumzuspinnen. "Ein Atelier kostet schnell ein paar Tausend Euro im Monat. Als Designer muss ich da schauen, dass ich das Geld zusammenbringe. Ich muss arbeiten, ich muss erfolgreich sein, ich kann keine Dinge herstellen, mit denen ich keinen Umsatz mache." Seine Arbeiten sollen nicht im luftleeren Raum bestehen, sondern in der Realität. Diez hat sich sozusagen unabhängig gemacht von der Freiheit des Künstlers.

Trotz allem verkauft Diez nicht seine Seele. Seine Stühle, seine Entwürfe sind immer Diez: formschön, handwerklich großartig, überraschend in den Details. Sie entstehen in einer Idylle, sein Atelier befindet sich auf einer ehemaligen kleinen Insel, daneben fließt der Glockenbach, nebenan entwirft seine Frau Saskia Schmuck, der so schön ist wie die Möbel ihres Mannes. Es ist, wenn man so will, eine kreative Oase, sie haben es sich nett eingerichtet, ohne den Dreck, den Lärm und den Trubel, die so ein Leben und so eine Arbeit an anderen Orten mit sich bringen würden.

Der Unterschied zwischen München und Berlin? Diez sagt, wenn man in Berlin eine Party machen wolle, müsse man einfach am Nachmittag seine Facebook-Freunde anschreiben, dann sei es am Abend voll. "Wenn ich in München am selben Abend ein Fest machen will, dann kann ich froh sein, wenn zehn Leute kommen."

Aber das Ausgehen und das Feiern spielen in seinem Leben keine große Rolle, trotzdem kennt er die Macher des neuen Nachtlebens jenseits des berühmten P1 und des geschlossenen Amüsierareals Kunstpark Ost. Er kennt Sandra Forster, die das Zappeforster und natürlich das Café King betreibt. Er kennt Marc Deininger vom Club Erste Liga. Er kennt die Macher der Registratur.

Auch das ist ein Geheimnis der Stadt: Mein Gott, die kennt man halt so. Das Prinzip Dorf. Jeder kennt jeden im neuen München.

Das neue München. Es ist schwer zu finden, denn in München muss es nicht schnell gehen, hier gibt man den Dingen Zeit, die Erste Liga und die Registratur gibt es schon seit sieben, acht Jahren, und damals waren sie nicht schlechter als heute. Allerdings braucht man in München nicht ständig etwas Neues, den Menschen wird nicht so schnell langweilig, sie lassen sich aber auch schneller begeistern, zum Beispiel für die neue Isar.

Mit wem man auch spricht in München – alle schwärmen von der Isar, wie sie jetzt ist. Neun Jahre hat es gedauert. Damals begann die Stadt, den Fluss, der durch München fließt, zu renaturieren, auf einer Strecke von acht Kilometern, 30 Millionen Euro hat das gekostet. Die Uferzonen und das Flussbett wurden umgestaltet, jahrzehntelang war die Isar zubetoniert gewesen, mehr Kanal als Fluss, jetzt ist sie wieder ein wilder Strom, mit Kiesstränden und kleinen Buchten, und wenn man dort hingeht, abends um acht, am Kiosk an der Wittelsbacher Brücke ein Bier kauft, die Stufen hinuntersteigt, sich einen netten Platz zum Sitzen sucht, die Männer in ihren Anzügen betrachtet, die Frauen in ihren Kostümen, wie sie nach der Arbeit dort ein Bier trinken und die Zeitung vom nächsten Tag lesen – dann sind das Momente, in denen alles richtig ist, alles stimmt, alles passt.

Richtig, stimmig, passend – vielleicht beschreibt das auch das Gefühl, das Ayzit Bostan hat, wenn sie an München denkt. Bostan ist Modedesignerin, in München lebt sie, seitdem sie vier Jahre alt ist, seit 1972, vor 14 Jahren gründete sie ihr eigenes Label, ihr Atelier ist direkt neben dem von Stefan und Saskia Diez. Die Mode von Ayzit Bostan könnte man mit dem Begriff "lässige Eleganz" beschreiben, sie selbst sagt, sie beschäftige sich auf eine essenzielle Art mit Ästhetik. Vor einem Jahr entwarf sie eine Kollektion für den Taschenhersteller Bree. Konstantin Grcic trägt ihre Mode, auf ihrer Homepage modelt er für sie. Das Prinzip Dorf, schon wieder.

Es ist Samstagnachmittag, ein heißer Tag, am Abend vorher war Ayzit Bostan im Café King, Freunde treffen, es ging nicht lange, jetzt spricht sie über ihr München, das sie schön findet, wahrhaft schön. Sie sagt, dass eine Stadt wie ein Rahmen sei, der Rahmen eines Fotos, und dass dieser Rahmen das Bild schöner machen könne. "Ich bin sicher: Wenn du jemanden in der gleichen Pose und mit den gleichen Klamotten in München und in Berlin fotografieren würdest, dann würde er auf dem Münchner Foto besser aussehen."

Das sagt sie nicht mit Verachtung für Berlin, wo sie oft ist, auf der Fashion Week zum Beispiel, denn sie hat viele Freunde in der Stadt, sie mag auch Charlottenburg sehr – aber sie mag halt München lieber. "Ich bin hier zu Hause", sagt sie, und vielleicht ist das eines der großen Geheimnisse: München ist für viele Kreative ganz einfach Heimat, Berlin dagegen ist Station.

Die Bindung der Münchner zu ihrer Stadt ist größer, fester. Menschen, die in Berlin leben, können einen ganzen Abend über die Stadt reden, und hinterher weiß man dann trotzdem nicht genau, was sie meinen. Ayzit Bostan, die an diesem Tag Ayzit Bostan trägt, findet, dass einige Menschen in Berlin nicht besonders gut angezogen seien, was allerdings nicht der Fehler von Berlin sei. Der Fehler sei ein anderer: "Es ist in meinen Augen ein Phänomen, dass sich durch Mode-Blogs vor allem junge Menschen blogrelevant, also sehr oft plakativ kleiden. Und das muss Mode nicht immer sein, um gut zu sein, denn es geht ja auch um eine persönliche, sensible und kluge Auseinandersetzung mit Mode." Beim Abschied, als sie erfährt, dass der Reporter den Regisseur Klaus Lemke treffen will, sagt sie: "Oh, in seinem neuen Film spielt ein Freund von mir mit." Jeder kennt jeden.

Klaus Lemke also. Der Mann ist zurück in Schwabing, aber richtig weg war er eigentlich nie. Lemke ist Regisseur, er dreht Filme, die kaum Geld kosten, seine Schauspieler findet er auf der Straße, und in den vergangenen Jahrzehnten suchte er vor allem in Hamburg. Dort spielten seine Filme, vor allem der legendäre Rocker, aber auch die letzten, Finale und Dancing with Devils. Jetzt also wieder München, Schwabing, sein Schwabing. Es besteht aus ein paar Straßen, ein Fünf-Minuten-Radius um sein Ein-Zimmer-Apartment herum. Wir spazieren durch seine Straßen, die Schellingstraße, die Türkenstraße, er zeigt den Ort, wo die Bar war, in der sie damals saßen, er, Handke, Fassbinder und all die anderen, die Mitte der sechziger Jahre diesen Ort prägten. Lemke erzählt auch von dem großen Münchner Moment, als Fassbinder Fassbinder wurde. "Irgendwann hat der einfach mal ein Bild angezündet, das an der Wand hing. Da hing also dieses brennende Bild – und wir konnten das nicht fassen, so etwas hatten wir noch nie gesehen."

Bis heute versucht Lemke, wenn es geht, ein brennendes Bild in seine Filme einzubauen – auch davon erzählt er ohne Pathos, auch das ist halt so. Überhaupt scheint vieles einfacher, wenn Lemke darüber redet, zum Beispiel die Schwabinger Krawalle von 1962, die einige für den Beginn der 68er-Bewegung halten. Lemke nicht. "Da waren zufällig zur gleichen Zeit viele Leute besoffen."

Aber die Vergangenheit interessiert Lemke, der bald 69 Jahre alt wird, nicht. Nur einmal erzählt er die Geschichte des Musikproduzenten Giorgio Moroder, der Ende der siebziger Jahre in München die Discomusik erfand und für den eine Aufnahme erst dann richtig war, wenn sie sich im Kassettenrekorder eines Autos gut anhörte – und vielleicht steckt in dieser Anekdote etwas von Lemke selbst, dessen Geschichten sich auch im wahren Leben gut anhören müssen.

"Alles ist Sound", sagt er in einem Schwabinger Biergarten. Lemke trinkt Apfelschorle – wenn er an einem Film arbeitet, trinkt er keinen Alkohol, nimmt keine Drogen, und gerade schneidet er Schmutziger Süden, seinen München-Rückkehr-Film, über den er selbst sagt: "Mit fiebrig-schäbiger Eleganz – so ’n kleiner Schwabing-Porno." Den drehte er auf der Schellingstraße, im Horses Cars & Stars, einer Tagesbar, die aussieht, als hätte man sie aus der Berliner Kastanienallee herausgerissen und in Schwabing wieder aufgebaut. Es geht um einen jungen Mann aus Hamburg, der nach Schwabing kommt und von den dortigen Mädchen sexuell ausgenutzt wird – Lemkes Lebensthema, sein Lebenswunsch.

Lemke redet auch über München, obwohl ihn das nicht interessiert. Vielleicht weil die Leute nicht erfahren sollen, dass er gerne hier lebt, gerne wieder hier dreht. "In München ist alles Komödie", sagte er einmal. Heute sagt er, dass es hier dieses Barocke gebe. Kurze Pause. "Ja." Kurze Pause. "München ist so barock."

Wir schlendern zu Lemkes Wohnung, Samstagabend, auf den Straßen Schwabings hängen junge Leute herum, die scheinbar nicht viel zu tun haben, außer zu warten und gut auszusehen. Lemke gefällt das, es muss einen Grund geben, warum er gerade jetzt in Schwabing wieder etwas findet, das er jahrelang nur in Hamburg gefunden hat – so etwas wie die Kraft und die Lässigkeit der Jugend. Gibt es das vielleicht, New Schwabing? "Quatsch", sagt Lemke und grinst, als gefalle ihm der Gedanke doch. Wir gehen in der Schellingstraße an einem Geschäft der Bekleidungsfirma American Apparel vorbei, Grundausstatter aller jungen Menschen weltweit, die anders sein wollen, kreativer, unangepasster, und die sich selbst wohl am ehesten "Hipster" nennen würden.

Anfang des 20. Jahrhunderts hießen Hipster noch Künstler, und sie lebten, wenn sie Künstler bleiben wollten, in Schwabing. In den Kneipen der damaligen Zeit saßen die Maler vom Blauen Reiter um Wassily Kandinsky und Franz Marc. Neben den Malern saßen Schriftsteller wie Heinrich Mann und sein Bruder Thomas, Lion Feuchtwanger und Joachim Ringelnatz. Man trank im Café Stefanie in der Amalienstraße. Oder man machte Zeitschriften wie Die Jugend, jene Kulturzeitschrift, die dem Jugendstil ihren Namen gab. In den sechziger Jahren kamen Fassbinder, Handke, Lemke, Herzog – später Wolf Wondratschek, Maxim Biller, Rainald Goetz, Thomas Meinecke, der in seinem Buch Mode & Verzweiflung die Stadt, in Anlehnung an die Band Roxy Music, "Roxy Munich" genannt hat. Und heute ist zum Beispiel Jonas Imbery da.

Zusammen mit seinem Partner Mathias Modica betreibt Imbery das Label Gomma, es ist das wichtigste Münchner Plattenlabel. Dort erscheinen WhoMadeWho, Telonius und Munk. Imbery komponiert, produziert, für sich und für andere, er gibt das Grafikmagazin Amore heraus und eine T-Shirt-Kollektion. Unter dem Gomma-Büro in der Schellingstraße ist Lemkes Schneideraum, Imbery hat für den neuen Lemke-Film den Titelsong gemacht, er heißt Overnight Slavery.

Mit Lemke und Imbery haben sich in der Schellingstraße das alte und das neue Schwabing getroffen, auch Imbery sagt, dass München "etwas Barockes" habe, klein sei es auch, klar, aber – hey. Wir sitzen im Gomma-Büro, reden über München, über Musik, und Imbery wundert sich darüber, dass in Berlin-Mitte alle Jungs die gleichen Turnschuhe und Sonnenbrillen trügen. Er wundert sich auch über die Musik, die da zum Teil in den Clubs gespielt werde, Musik ohne Wärme, ohne Sex-Appeal.

Imbery ist Musiker, durch und durch, als Kind lernte er Querflöte, Klavier, Saxofon und Bass, als Jugendlicher spielte er in Blaskapellen, dafür bekam er Geld. Heute bekommt er Geld, wenn er die Leute zum Tanzen bringt, und Jonas Imbery bringt die Leute immer zum Tanzen, er ist sein Geld wert. Wenn er auflegt, beherzigt er das Motto seines Labels You’re not alone in the disco, baby, und dann bleibt niemand im Club lange allein. Seine Musik schafft Verbindungen, Nähe zu Fremden, im Café King, in der Registratur, aber auch weltweit. Aber Imbery ist eben nicht bloß ein DJ, Musiker und Produzent, er ist, im besten Sinne, ein Gschaftlhuber, einer, der seine Stadt voranbringen will, nicht mit irgendwelchen Projekten, sondern konkreter, mit Veranstaltungen. Imbery macht und tut, und um zu machen und zu tun, trifft er sich oft mit Hans-Georg Küppers, dem Kulturreferenten der Stadt.

Küppers ist von der SPD und kein Glamour-Typ, manche in München sagen, er habe überhaupt keine Ausstrahlung. Küppers kümmert sich um die anderen, um die Subkultur, er trifft sich mit Designern, Grafikern, er hilft, wenn jemand ein Atelier sucht, das bezahlbar ist. Seit 2007 ist Küppers im Amt; als er ankam, schaute er sich um in der bildenden Kunst, im Design, bei den Musiklabels – und er sah ein Potenzial, das ansonsten niemand zu bemerken schien. Er begann, sich um diese "freie Szene", wie er es nennt, zu kümmern, er initiierte Fördermaßnahmen, die die kulturelle Infrastruktur verbesserten, er ermöglichte Zwischennutzungen, ließ Atelierhäuser sanieren. Die Vernetzung kreativer Menschen mit Kulturinstitutionen ist ihm wichtig: Er unterstützt Ayzit Bostans Arbeit mit den Kammerspielen und Jonas Imberys Ideen für ein Clubbing im Rathaus. Für Küppers muss Kultur "nach innen wirken" in die Gesellschaft, aber auch nach außen. Die Kammerspiele, die Philharmoniker, die Museen – all das sei wichtig, aber es gebe eben auch noch das andere, und dieses andere kennt Küppers gut. "Ich war ja auch mal jung", sagt er, der in seiner Jugend dem K14 in Oberhausen eng verbunden war, 1969 das erste freie Kulturzentrum in Deutschland. Dort wurde er kulturell sozialisiert, das führt ihn heute mit den jungen Kunst- und Kulturschaffenden Münchens zusammen.

Er mag die neue Nähe, die in München entsteht. "In den letzten Jahren sind viele Clubs von den Außenbezirken in die Innenstadt gekommen, neue haben aufgemacht. Diese Nähe ist wichtig." Und er beobachtet natürlich auch, wie sich das Kreativzentrum verlagert, wie beispielsweise die Gegend um den Hauptbahnhof, die Goethestraße, für die jungen Kreativen langsam interessant wird – im Herbst wird Ayzit Bostan dort ihr Atelier eröffnen, aber werden auch andere kommen? Die nächste Generation, die doch eher nach Berlin als nach München geht? Küppers findet Berlin nicht aufregend, sondern "aufgeregt", er sagt: "Vielleicht müssen die Leute aber auch erst nach Berlin ziehen, um dort dann festzustellen, dass München doch die bessere Stadt ist."

Vielleicht sogar die beste? Zum Schluss Fragen an einen, der sich München auf andere Weise nähert, Fragen an Arno Makowsky, seit einem Jahr Chefredakteur der Abendzeitung, dieses Beweises, dass Boulevardjournalismus mit Niveau möglich ist. Herr Makowsky, wie ist denn das Lebensgefühl in München gerade? "Das Lebensgefühl in München steht für sich, diese Stadt ruht komplett in sich selbst, sie lässt sich nicht irritieren. Den Menschen hier war es auch immer egal, wenn in den letzten Jahren Berlin als die wichtigste, spannendste deutsche Stadt gefeiert wurde." Wie bewahrt man sich diese Lässigkeit? "München hat das Flair der alten Residenzstadt – das ist das Gemütliche, Provinzielle. Gleichzeitig hat man hier das italienische Lebensgefühl, denn diese Klischees, die stimmen ja alle: die besten Eisdielen, die meisten Cabrios."

Makowsky spricht auch von einer neuen Schnösel-Szene, die er "ganz lustig" findet, von 20-Jährigen, die an einem Abend 1000 Euro für Champagner ausgeben in einem Club, der aussieht wie nach einem Bombenangriff, wie, nun ja, wie in Berlin. Er redet von Stadtvierteln, aus denen gerade was wird, und von Vierteln, die gerade untergehen, wie Grünwald. Wie wichtig ist für München eigentlich noch dieses Kir Royal- achtziger-Jahre-Gefühl? "Das gibt es nicht mehr." Hat es das jemals gegeben? "Helmut Dietl sagte mir einmal, dass das alles schon vorbei war, als Kir Royal Mitte der achtziger Jahre im Fernsehen lief. Das war eine Verdichtung von Münchner Stimmungen und Gefühlen über Jahrzehnte."

Stimmungen und Gefühle. Da ist das Prinzip Dorf, dieses "Jeder kennt jeden", das in München so gar nicht provinziell wirkt. Dieses Prinzip bedeutet Nähe, Heimat auch, und vielleicht liegt darin eine Wahrheit über das neue München: dass die Stadt eine Sehnsucht stillt, die größere Städte mit ihrer Anonymität, ihrer Hektik, ihrem Lärm und ihrem Schmutz nicht stillen können.

Die Suche nach dem neuen München nähert sich dem Ende, ein letzter Besuch im Schumann’s, wenn man so will, die Dorfkneipe. Es ist zehn Uhr am Abend – wo geht es hin, was passiert noch? Kümmert euch um nichts, sagt einer, ihr werdet gleich abgeholt. Und dann hält ein Bus vor dem Schumann’s, ein Touristenbus, oben offen. Aus dem Bus dröhnt laute Musik, die Türen gehen auf, und heraus kommen gut gelaunte junge Menschen, mittendrin Dave, den sie wie einen Messias feiern. Dave betreibt in München die Registratur, an diesem Abend feiert der Club sein sechsjähriges Bestehen, deshalb hat Dave seine Angestellten auf eine Spritztour durch München eingeladen. Mit einem Touristenbus. Mit Musik. Mit Bier. Und jetzt halten sie vorm Schumann’s, jener Bar, über die das Klischee stimmt, nämlich dass sich dort die Schönen und die Reichen und die Wichtigen treffen, und das Gegenteil auch, nämlich dass hier jeder willkommen ist.

Dann fährt der Bus ab, die Leopoldstraße entlang nach New Schwabing. Und es ist warm, und die Straßen sind voll, und die Menschen, die den Bus sehen, freuen sich und winken, und ein Mädchen streichelt einem Jungen über den Rücken, aber das bedeutet nichts. Und alles stimmt: München leuchtet, München hat Fieber, Roxy Munich.

 
Leser-Kommentare
    • Slink
    • 10.09.2009 um 17:53 Uhr

    Der übliche Szene-Vergleich Berlin: feiern bis in die Puppen / München: bieder bzw. früh ins Bett gehen hat schon einen langen Bart, der, seit in München die Sperrstunde gefallen ist, nun teilweise gestutzt wird. Die Verlagerung der Clubs in's Bahnhovsviertel ist aber nur der Versuch St.Pauli zu kopieren...
    Der Autor nennt exemplarisch ein paar Personen und will suggerieren, München hätte nur coole, kreative und erfolgreiche Typen... das stimmt natürlich nicht: es ist doch in München wie in Hamburg oder Berlin überall das gleiche: die coolen Typen werden halt von knallharten Geschäftemachern geschickt eingespannt, um Umsatz (mit Alkohol und Lifestyleprodukten) zu generieren. München hat sicher ein relativ zahlungskräftigeres Klientel als Berlin und auch die über 100.000 Studenten sind heutzutage von ihren Eltern finanziell bestens gepolstert, so dass sie mehrmals die Woche in "In-Clubs" gegen Bares abfeiern können.. alle in der Hoffnung, dass die Kreativität und Coolness etwas abfärbt. Und trotz der Bemerkung des Autors, dass Hr. Lemke beim Arbeiten auf Drogen verzichtet: ohne Alkohol geht gar nix mit Szene/In-sein/Abfeiern, er fließt in Strömen, denn nur im Suff glauben die Leute daran, Teil der Modekultur / urbanen Zeitgeistkultur zu sein. Ist der Alkohol abgebaut, verschwindet die SZENE im Nichts und der Münchner geht wieder brav arbeiten oder studieren...
    So war's schon immer hier in München und anderswo.

    • none
    • 10.09.2009 um 20:01 Uhr
    2. Na ja,

    Ist ja alles ganz nett, aber halt etwas altbacken, und was mich am meisten stoert ist, dass nichts, aber auch gar nichts, von den "Normalos" erzaehlt wird: Klar fuer designende Singles ist Muenchen vielleicht spannend, und spannender als berlin, weil sie da mehr unter sich sind. In Berlin naemlich gibt es eine schoene Mischkultur aus Normalos (d. h. leute mit Kindern, mit relativ durchschnittlichen Einkommen und keinen tierisch szenigen berufen...) und Szene. DAS ist, was Berlin abhebt: Die Mischung. Das fehlt in muenchen total und laesst es daher, immer, nach wie vor, steril wirken. Dorf hin oder her. (Habe 12 Jahre in Muenchen gelebt und nun in Berlin).

  1. 3. Egal?

    Und weil den Münchner "Hipstern" die Partystadtvergleiche so egal sind, liest man sie vorzugsweise in der ortsansässigen Presse. Dieses ewige Sich-selber-in-den-Himmel-Loben kenne ich nur aus München, und es nervt immer wieder. Dabei bin ich sonst ganz gern dort.

    Zur Partyszene kann ich nur sagen: die Leute, die aus meinem (gottseidank entfernten) Bekanntenkreis dazugehören, sind schon ziemlich in die Kategorie "verzweifelt auf happy machen" angesiedelt. Ein Leben, das sich nur in Clubs und Bars abspielt, ist halt auch nur Schall und Rauch (nette Kneipe übrigens).

    P.S. Wer um Himmels Willen geht um zehn Uhr abends ins Schumann's???

    • reiten
    • 11.09.2009 um 11:30 Uhr

    Berlin muss sich nicht rechtfertigen.

  2. Klartext: die reichen Wessis wollen wieder ihre eigene Hauptstadt mit recht vielen geilen Cabrios . Übrigens ist Zürich nach Monocle die lebenswerteste Stadt der Welt.

  3. die eigentliche Subkultur spielt sich doch woanders ab als in "New Schwabing". Mir hätte ein Mehr an Isaruiferromantik versus Cafe King-Lobgesang gefallen.

    Schönes, unprätentiöses Buch zum Thema MünchenBerlin:

    "Sommer Stück Berlin"

  4. 7. Haha

    Irgendwelche 38 - 60 jährigen Leute erzählen uns wieso München die tollste u. lebendigste Stadt Deutschlands ist...

    Ist das wirklich ernst gemeint?

  5. Außerhalb des Mittleren Rings sind München und seine wuchernden Schlaf-Vorstädte ganz überwiegend banal bis hässlich. Die wenigen inneren Stadtviertel, die Münchens Ruf ausmachen, sind überfüllt und überteuert. Liebe Journalisten, schreibt endlich andere Städte hoch als immer wieder München.

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