Provokateur Mohr Grüß Gott!
Und so einer kommt aus dem tiefsten Bayern? Patrick Mohr, Nachwuchsstar unter den Modemachern, liebt die Provokation.
Er streicht sich durch seinen Bart, der kaum mehr ist als ein Flaum, sehr weich und sehr blond. Die Haare sind kurz geschoren, die Beine stecken in einer Pluderhose. Patrick Mohr, 28, Modedesigner, steht in seinem Atelier in der Münchner Baaderstraße und zieht einen Mantel aus Sackleinen hervor. "Riech mal", sagt er, "der stinkt richtig." Der Mantel riecht nach Stall, er hat aufgenähte Beulen und sieht mit seinem stracken Stoff aus, als gehöre er zu einem riesigen Käferkostüm. An einem Kleiderständer sind lauter ähnlich kratzige und filzige oder fransige Mäntel, Jacken, Overalls aufgehängt, ein wenig lieblos, wie abgelegte Kleider im Keller. Es ist Patrick Mohrs jüngste Kollektion. Und wie man sie da so hängen sieht, wird einem bewusst, dass Mode nicht mehr ist als ein Haufen Stoff – wenn man ihr die Models, den Laufsteg und die Aura einer Modenschau wegnimmt.
Patrick Mohr hat diese Kollektion im Juli auf der Berliner Fashion Week gezeigt. "Vor einer Modenschau ist es wie vor einer Party. Man hat den ganzen Tag über Angst, dass keiner kommt", sagt er. Doch das 800-Mann-Zelt am Bebelplatz, wo die Modenschauen stattfanden, war bis auf den letzten Platz besetzt. Noch besser: In der ersten Reihe saß Suzy Menkes, die Kritikerin der International Herald Tribune. "Sie machte sich die ganze Zeit Notizen", sagt Mohr stolz. Und man wundert sich, dass für einen jungen Mann, der Wert darauf legt, junge Mode zu machen, die Wertschätzung einer gar nicht mehr jungen Frau so viel zählt.
Suzy Menkes ist 65. In der Mode ist sie die oberste Instanz. Von "rauer Energie" sprach Menkes in ihrem Übersichtsartikel über die Berliner Modewoche und meinte Patrick Mohr: einen Provokateur, der dem luxus- und konsumtrunkenen Modepublikum jeglichen Glamour verwehrt – wie Marc Jacobs, der mit einer spektakulären Kollektion Anfang der neunziger Jahre die Grunge-Welle auslöste. Mohrs Modenschau erinnerte mit den groben Entwürfen und Stoffen an eine Vorführung eines Stammes seltener Waldmenschen. Als Models schickte er Obdachlose über die Bühne. In diesem Jahr, in dem der ausschweifende Lebensstil der Wirtschaftselite als anrüchig empfunden wird, traf es einen Nerv. Mohr ist der Aufsteiger der Saison.
"Luxus bedeutet mir nichts", sagt Patrick Mohr. Sein Atelier ist karg: Außer dem Kleiderständer mit der alten Kollektion stehen da nur ein Schreibtisch und ein zerwühltes Bett. Das Atelier ist auch seine Wohnung, was praktisch sei, wie er sagt, weil er es dadurch nah zur Arbeit habe. Spuren dieser Arbeit sind keine zu sehen. "Meine neuen Entwürfe sind da drin." Er deutet auf seinen Kopf, auf dem schräg eine schwarze Baseballmütze sitzt. Red Bull trinkend, lehnt er an der Fensterbank. "Meine Inspirationen hole ich mir in der Einsamkeit." Er hat eine dünne, leise Stimme. Was er sagt, bleibt vage, und so kommt das Gespräch nur schwer in Gang, was man ihm nicht vorwerfen kann, weil man Mode nicht begründen muss. Mode muss einfach nur gut aussehen.
Frauen und Männer sind im Grunde ein Geschlecht
Seine Abschlussarbeit auf der Münchner Modeschule Esmod nähte er aus grausilbernem Hightechstoff, sodass die Models wie Mischungen aus Sportlern und Zukunftswesen aussahen. Er bekam dafür den Preis für die beste Diplomkollektion. Ein Ausnahmeschüler sei er gewesen, bestätigen seine Lehrer, vor allem was seine Willensstärke und seine Unabhängigkeit angehe.
Patrick Mohr begreift Mode nicht als Verschönerung, und das ist in München ungewöhnlich. Mode ist für ihn entweder Verkleidung – wie er auf der Fashion Week zeigte – oder aber Kleidung im schlichtesten Sinne: was zum Anziehen. So erinnert seine erste kleine Verkaufskollektion in ihrer Zeit- und Schmucklosigkeit an den belgischen Designer Martin Margiela. Die Kollektion besteht nur aus Jeans, ein schlichter Röhrenschnitt, in Blau, Schwarz, Grün und Rot. Dazu hat Mohr T-Shirts, weit wie Zelte, entworfen. Für Frauen und Männer näht er mit denselben Schnitten. "Frauen und Männer sind im Grunde ein Geschlecht." Wieder einer seiner seltsamen Sätze.
Sich selbst kleidet er wenig puristisch. Vielmehr hat er die Kunst der Verkleidung perfektioniert. Mit der Pluderhose, den Birkenstocks und dem Flaum im Gesicht wirkt er fast wie ein Messias, das passende Outfit für den Interviewtermin: ein Mann mit einer überirdischen Botschaft. An anderen Tagen erinnert er mit einer schwarzen runden Hornbrille und Pfeife an einen Studienrat aus dem 19. Jahrhundert.
- Datum 10.09.2009 - 17:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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