An den Anfang dieser Liebesgeschichte kann ich mich seltsamerweise nicht erinnern. Diese Frau hatte sich in mein Leben geschlichen, lautlos, wie sie da so barfuß die Treppe herabstieg, auch ansonsten unbekleidet, aber nicht provozierend nackt, eher Schutz suchend im Auge des Betrachters. Ema war ihr Name, Gerhard Richter hatte sie 1966 von einem Foto abgemalt, neun Jahre waren sie da schon verheiratet, der Maler und die Arzttochter Marianne Eufinger, genannt Ema. Dass man bei ihrem Anblick nicht vor Scham errötete, lag auch an der Unschärfe, einem von Richters Markenzeichen. Diese Frau konnte jede Frau sein und also auch die eine Idealfrau. Indem man sie bloß anschaute, betrog man die Liebe im wahren Leben nicht oder vielleicht gerade doch: Man betrog sie mit einem perfekten Kunsttraum. Für die echte Marianne Eufinger interessierte ich mich nie.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Ema (Akt auf einer Treppe) hing im Kölner Museum Ludwig, in der ständigen Sammlung des Hauses. An einem erstaunlich versteckten Platz: ganz oben, im zweiten Stock, in einem Saal, der eher das triste Ende eines Treppenhauses war. Leicht konnte man sie übersehen in diesem mächtigen Museum. Den Bau hatte das Ehepaar Ludwig mit seiner Kauf- und Schenklust einst regelrecht erzwungen. All die Picassos, die Pop Art, die russische Avantgarde der Sammlung Ludwig, dazu die Expressionisten der Sammlung Haubrich und die Fotoklassiker der Sammlung Gruber – all die viele schöne Kunst wollte gezeigt sein. Köln konnte gar nicht anders, als der Sammelleidenschaft seiner Bürger 1986 ein großes Haus zu errichten. Man beglückte und nervte einander deswegen nach Kräften.

Dem Museumsbesucher ist das gleich. Er sucht im Zweifel zunächst Orientierung in der Unübersichtlichkeit der Kunstgeschichte. Deshalb ist Verknappung, nicht Überfülle das eigentliche Versprechen auch einer so umfangreichen Sammlung wie der des Museums Ludwig, das selbstbewusst einen Überblick über die Kunst des 20. Jahrhunderts behaupten kann. Vollständigkeit mag die heiße Sehnsucht jedes Sammlers sein, die kühle Aufgabe des Museums ist es, aus dem Vorhandenen das Wesentliche für den begrenzten Raum auszuwählen und, wenn es der Ankaufsetat hergibt, beizeiten die Lücken im Vorhandenen zu schließen. Dennoch bleibt das Wunder der Kunst am Ende doch ihre sinnliche, ja romantische Verführungskraft, jenseits aller kunsthistorischen Einordnung. Deshalb konnte es auch keinen vernünftigen Grund für Ema und mich geben, es war einfach so: Weder Jacqueline Rocque noch Dora Maar in Picassos Nu chouché à l’oiseau und La femme à l’artichaut hatten etwas in mir ausgelöst; Man Rays Gräfin Casati war mir zu unheimlich, Lichtensteins M-Maybe- Mädchen zu flach und Wesselmanns Bathtub- Nackte, obwohl in ihrer Comic-Haftigkeit weit unkonkreter dargestellt als Ema , viel zu nackt.

Vielleicht half aber auch, dass Ema so gut versteckt war. Wieder und wieder konnte ich zu ihr zurückkehren, ohne dass jemand davon Notiz nahm. Betont beiläufig schlich ich fort aus den Sonderausstellungen, deretwegen ich vorgab ins Museum zu gehen, schlich zu Ema, blieb nur für ein paar zauberhafte Minuten und verschwand nach jedem kurzen Rendezvous unbemerkt nach draußen. Es war also fast so etwas wie eine heimliche Affäre, jedoch eine völlig keusche. Und eine recht einseitige natürlich.

Irgendwann waren die Kölner Jahre vorbei, die Liebe im wahren Leben hatte sich als endlich herausgestellt, und so endete mit dem Umzug auch die Affäre mit Ema. Fernbeziehungen mit Gemälden funktionieren halt nicht, und austauschbar sind Lieblingsbilder so wenig wie die Liebe im wahren Leben. Was aus Ema geworden ist? Sie hat, sagte die Frau vom Museum Ludwig am Telefon, zwischenzeitlich öfter den Platz gewechselt. Im tristen Saal, oben an der Treppe hängen jetzt ein paar geliehene Polkes, während man für Ema in ein paar Wochen wieder mal einen neuen Platz wird finden müssen: Sie wird gerade restauriert. Ema ist eben sehr empfindlich, sagte die Frau vom Museum, und ich dachte: Beruhigend zu wissen, dass die alte Liebe in so fürsorglichen Händen ist.