Der Erste, der die Psychologie mit der Neurobiologie zu verbinden suchte, war Sigmund Freud. 1895 hoffte er noch, das seelische Erleben in der Sprache der Naturwissenschaft formulieren zu können. Doch der Versuch schlug fehl, sein damaliger Entwurf einer Psychologie verschwand in der Schublade. Ist nun die Zeit gekommen, den alten Traum von Freud wahr werden zu lassen?

Schließlich hat sich die Hirnforschung nach und nach Themen angenommen, die bisher in den Bereich der Psychologie fielen. Nicht nur der Geist sei eine Funktion des Gehirns, postulieren Hirnforscher, sondern ebenso Emotionen und Affekte, Traumata und seelische Verdrängungen. Der Nobelpreisträger Eric Kandel fordert schon seit Längerem, die Psychoanalyse müsse sich den neurowissenschaftlichen Einsichten stellen, wenn sie in Zukunft noch eine Rolle spielen wolle. Dementsprechend groß ist das Interesse an den ersten Studien, die eine solche Wechselwirkung nachzuweisen versuchen.

In Deutschland treibt diese Forschung ausgerechnet der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth voran, der als knallharter Determinist verschrien ist und gerne postuliert, der Mensch habe keinen freien Willen. Dass er auch ein Faible für die eher »weiche« Psychoanalyse hat, bewies er vor zwei Jahren, als er am Hanse-Wissenschaftskolleg eine groß angelegte Studie initiierte. Sie soll – weltweit erstmalig – belegen, wie sich ein Gehirn unter dem Einfluss der Psychoanalyse verändert. Nun werden erste Ergebnisse der »Hanse-Neuropsychoanalyse-Studie« am Samstag auf einer Tagung des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main vorgestellt.

Das zwölfköpfige Forscherteam, koordiniert von der Psychologin Anna Buchheim, hat dazu 20 chronisch depressive Patienten, die sich in einer psychoanalytischen Langzeitbehandlung befanden, in regelmäßigen Abständen in den Kernspintomografen geschoben. Die Hoffnung: Detailliert mitverfolgen zu können, was sich im Kopf der Patienten im Laufe der Analyse tut.

Nun heißt es zwar gerne, im Kernspintomografen könne man »dem Gehirn beim Denken zusehen«. Doch die Hanse-Studie illustriert einmal mehr, wie komplex das im konkreten Falle ist. Schließlich kann das Gerät nicht »das Denken« per se abbilden, sondern nur die Reaktion des Gehirns (genauer: dessen Blutfluss) auf bestimmte Reize.

In der Studie wurden daher den Probanden emotional aufgeladene Bilder und Schlüsselsätze präsentiert, die für ihre eigene Leidensgeschichte eine wichtige Rolle spielten. Etwa: ein Mann, der hilflos an einem Grabstein steht. Oder der Satz: »Ich möchte von anderen angenommen werden, daher mache ich so viel für sie.« Dabei wurde gemessen, wie die neuronale Reaktion auf diese Reize am Anfang der Therapie ausfiel, nach sieben und nach 15 Monaten.

Zwar gebe es nur »erste vorläufige Befunde«, sagt Anna Buchheim, doch diese belegten einen deutlichen Effekt: Werden die Patienten am Anfang der Therapie mit ihren individuellen Beziehungskonflikten konfrontiert, zeigte sich erhöhte Aktivität insbesondere in der Amygdala, die als »Furchtzentrum« gilt. »Nach sieben Monaten ist diese Hyperaktivität vermindert«, sagt Buchheim.