Afghanistan Sein verlorener Krieg

Franz Josef Jung ist dem Afghanistan-Einsatz nicht gewachsen. Wie die ganze deutsche Politik?

Franz Josef Jung, Bundesverteidigungsminister

Franz Josef Jung, Bundesverteidigungsminister

Betrübt, fast traurig wirkt Franz Josef Jung in diesen Tagen. Als wolle er sich lieber zurückziehen, verstecken vor den drängenden Fragen, die zu beantworten ihm so offenkundig schwerfällt. Aber natürlich kennt er seine Pflichten. Also gibt er Auskunft, sucht nach Begründungen. Doch unter der Last der Verantwortung und dem Druck der Vorwürfe wirkt er dabei, als stehe er neben sich, als frage er sich andauernd, wie er bloß in diese Situation geraten konnte, ins Amt des deutschen Verteidigungsministers.

Jungs Unbehagen an seiner Rolle hat eine neue Dimension erreicht, seit die Bundeswehr in der Nacht des vergangenen Freitag bei Kundus in Afghanistan zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge bombardieren ließ. »Stellen Sie sich vor, was mit so zwei Tankwagen angerichtet werden kann!« Das ist der Satz, mit dem der Verteidigungsminister den Angriff vor dem Bundestag zu erklären versucht. Reicht das als Begründung? Und warum hat der Minister zuerst so entschieden von etwa 50 »ausschließlich terroristischen Taliban« als Opfern gesprochen, um später in offensivem Ton davon abzurücken: »Eindeutig scheint mir festzustehen, dass auf jeden Fall der überwiegende Anteil Taliban gewesen sind.« Niemals hätte sich Jung so festlegen, sich so verletzbar durch mögliche spätere Enthüllungen machen dürfen.

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»Unser Beitrag zur Umsetzung des Ansatzes der vernetzten Sicherheit«

Ein »Desaster« hat Jungs Amtsvorgänger Volker Rühe die Informationspolitik des amtierenden Verteidigungsministers genannt – ein schroffes Urteil über einen Nachfolger und Parteifreund gegen alle Gepflogenheiten der Berliner Politik. Warum die richtige Wortwahl so wichtig ist? Weil zwei Drittel der Deutschen den Einsatz in Afghanistan inzwischen ablehnen und Halbwahrheiten, Beschönigungen und Widersprüche die öffentliche Skepsis nur weiter steigern. Gerade weil in Afghanistan deutsche Soldaten für den Tod anderer verantwortlich sind oder selbst sterben und weil die Lage im deutschen Einsatzgebiet von Woche zu Woche gefährlicher wird, kommt es besonders auf Worte an, auf klare Information und überzeugende Begründungen.

Der Minister im Überzeugungs-Einsatz: »Wir sind keine Besatzer, sondern wir sind da, um die Sicherheit auch der Bundesrepublik Deutschland zu festigen und zu wahren, indem wir dort den Terrorismus bekämpfen.« Jungs Sätze zu Afghanistan sind austauschbar, sie klingen umständlich, bemüht, wie eine angestrengte Litanei aus verquer formulierten Durchhalteparolen. In der Debatte über den Luftangriff von Kundus und die künftige Einsatzstrategie versichert er im Parlament, »dass wir unseren Beitrag weiter leisten in der Umsetzung unseres Ansatzes der vernetzten Sicherheit«.

Oft wirkt Jung, als wisse er selbst am besten, wie überfordert er in solchen Situationen ist. Anders als mancher seiner Kabinettskollegen hat er nicht gelernt zu verbergen, wenn er sich in der Defensive fühlt. Seine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen. Sie wird dadurch verstärkt, dass er nicht in der Außen- und Sicherheitspolitik groß geworden ist. Die Flucht auf das sichere Terrain der Fachpolitik ist ihm versperrt. Auch nach vier Jahren im Amt ist er dort nicht heimisch.

Jung ist der Typus des gemütlichen Landespolitikers. In der Region verwurzelt und mit seinen politischen Fähigkeiten auf sie bezogen, erinnert er an den glücklosen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. An Merkels Kabinettstisch hat Jung nicht die Kompetenzvermutung, sondern allein die Protektion seines Freundes Roland Koch verschlagen. Weil Jung für den hessischen Ministerpräsidenten während der CDU-Spendenaffäre den Kopf hingehalten hatte und weil Koch wiederum Angela Merkel in den schwierigen Wochen vor ihrer Wahl zur Kanzlerin loyal unterstützte, wurde Franz Josef Jung überraschend Bundesminister. Hätte Edmund Stoiber das Landwirtschaftsministerium nicht für die CSU reklamiert, hätte der Winzersohn Jung wahrscheinlich dort reüssiert. So landete er am Ende im Berliner Bendlerblock.

Kochs Ziehsohn

Franz Josef Jung , 60, entstammt einer begüterten Winzerfamilie aus dem Rheingau. 1983 kam der Jurist erstmals in den Hessischen Landtag. Vier Jahre später löste Jung Manfred Kanther als Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion und CDU-Generalsekretär ab. 1999 übernahm Roland Kochs »Kronprinz« die Leitung der Hessischen Staatskanzlei und stieg zum Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten auf. Beide Ämter gab er Anfang September 2000 im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre auf. Zur Überraschung vieler Beobachter wurde Jung als Bundesverteidigungsminister ins Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel berufen und am 22. November 2005 vereidigt.

Es ist ein Amt, das ihm immerfort mehr abverlangt, als er geben kann. Doch Franz Josef Jung nimmt seine Defizite nicht leicht. Er leidet, indem er sie ausstellt. Und so wirkt der Minister unter dem Rechtfertigungsdruck dieser Tage, als gelte es nur das Minimalziel zu erreichen – die Situation irgendwie zu überstehen. Genau genommen gilt das für Jungs gesamte Amtszeit. Unter normalen Bedingungen hätte er als Verteidigungsminister kaum volle vier Jahre überlebt. Doch in der Großen Koalition gelten andere Regeln. Die Opposition war zu schwach, um Jung zum Rücktritt zu zwingen, und die Regierungsparteien schützen ihre schwächsten Vertreter am Kabinettstisch gegenseitig. So konnte sich der schwankende Minister sogar noch provokative Vorstöße leisten. Als Karlsruhe etwa das rot-grüne Luftsicherheitsgesetz für verfassungswidrig erklärte, gab Jung freimütig bekannt, er könne sich durchaus vorstellen, den Abschuss eines entführten Verkehrsflugzeugs anzuordnen. Der »Abschuss-Minister« blieb.

Leser-Kommentare
  1. Nun, die ZEIT muss ja irgendwann auch mal in den Wahlkampf einsteigen. Selbstredend wäre über einen SPD Bundesminister so ein Artikel in Zeiten des Wahlkampfs nicht erschienen (Ulla Schmidt?!). Die Medienwelt neigt eben nach links - schade eigentlich.

    • Zack34
    • 09.09.2009 um 16:25 Uhr

    ist m.E. genau der richtige, denn er spegelt die gesamte dilletantische, arrogante und anmaßende Truppe wider, völlig unfreiwillig und daher authentisch. Es ist mitnichten nur sein verlorener Krieg.

    Nur weil jetzt Wahlkampf oder nicht - es ist doch wahr.

  2. 3.

    "Wir sind keine Besatzer, sondern wir sind da, um die Sicherheit auch der Bundesrepublik Deutschland zu festigen und zu wahren, indem wir dort den Terrorismus bekämpfen."

    Die Engländer haben dort den "Terrorismus" bekämpft und sind mit blutiger Nase abgezogen.
    Die Sowjets haben dort den "Terrorismus" bekämpft und sind mit blutiger Nase abgezogen.
    To be continued.

    Dieses liegt scheinbar strategisch einfach zu verlockend als es den Afghanen selbst zu überlassen - lasst doch endlich den Quatsch mit der "Verteidigung" der BRD

  3. 4.

    @hanshelm

    Zur Zeit liegen die Probleme eben vor allem in der Verantwortung der CDU. Die Ankuendigung der Atomkraft-Laufzeit-Verlaengerung, auf den die Aufdeckung der Manipulationen der Kohl-Regierung folgte. Wenn dieses brisante Thema keinen Titelartikel verdient, was dann? Der Afganistan-Konflikt ist jetzt nunmal durch den Angriff wieder nach oben geschwappt und die Aeusserungen von Herrn Jung waren nunmal seines Amtes nicht wuerdig. Erst etwas behaupten, dann doch umschwenken ohne Fehler zu gestehn? Das Thema ist auf jeden Fall sehr aktuell und vor allem wichtiger als der Ulla Schmidt Kram, ohne dabei ihr Verhalten zu relativieren. Dass Jung auch von der CDU stammt, ist eben Pech fuer die CDU, oder vll auch nur typisch.

  4. Mir tun leid:

    - die afghanischen Opfer
    - die deutschen anderen Soldaten
    - der unglückliche Offizier

    Deutschland in diesem Krieg so wenig verloren wie die Chinesen im Balkan-Krieg.

    Es ist nicht unser Krieg.

  5. Nachts um zwei, Kilometer weg vom nächsten Dorf. Da sollen sich also 80 Zivilisten versammelt haben um Benzin aufzufangen? Das scheint unglaubwürdig, aber auch, daß sie gezwungen worden seinen, die Tanklastwagen aus dem Dreck zu ziehen. Eher sind es wohl sogenannte Teilzeittaliban, welche gegen geringes Entgeld ab und an den Taliban behiflich sind. Auch mal bei Anschlägen. Das ist weit verbreitet und nicht umsonst begrüßen viele Afgahnen die Bombardierung.

    Aber natürlich wird das von den Medien kaum erwähnt. Außer vom Spiegel

    http://www.spiegel.de/pol...

    • lispm
    • 09.09.2009 um 17:02 Uhr

    Mir ist vollkommen unklar warum ein Trupp von 50 und mehr Taliban getötet werden muss. Im Krieg wäre das schon merkwürdig, aber bei einer 'friedenssichernden' Massnahme? Ist der Auftrag der Bundeswehr etwa alle Taliban, zu töten? Zu bombadieren? Selbst wenn die einen Tanklaster entführen (und sich dabei vom deutschen Lager ENTFERNEN), kann der Auftrag der Bundeswehr ja wohl kaum in der Vernichtung von 50 oder mehr Menschen bestehen. Wir sollten mit der Vernichtung von Leben - auch wenn es sich um Taliban handelt vorsichtiger sein. Oder macht die Bundeswehr keine Gefangenen mehr, weil das zu anstrengend/gefährlich ist und mal das Lager verlassen müßte?

    • LH
    • 09.09.2009 um 17:02 Uhr

    Die plumpe Leugnung ziviler Opfer war in der Tat unerträglich. Alleine dafür müsste jeder Verteidigungsminister gehen.
    Andererseits würde mir kein Politiker einfallen, der beim Verkaufen von erheblichen Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung gut aussähe. Im Gegensatz zu den Amerikanern haben Deutsche darin noch weniger Übung als im Kämpfen.
    An dem Vorfall wird auch deutlich, welche "Defizite" am Drumherum der Kriegsführung in Deutschland aus Sicht eines Militärs bestehen müssen: Ein US-Verteidigungsminister könnte wahrscheinlich zivile Opfer über lange Zeit leugnen und er würde dabei von einer Medienmaschine unterstützt, die ihn zumindest nicht wirklich "rannimmt" und wahrscheinlich sogar ein paar pensionierte Generäle mit Expertenblick zur Verteidigung schickt. Als Bürger bin ich für diese "Defizite" sehr dankbar, aber aus Sicht eines Militärs setzen sie der Kampffähigkeit der Armee erhebliche Grenzen.

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