SPD Ein Fremder wie du und ich

Frank-Walter Steinmeier kommt aus einfachen Verhältnissen. Doch ausgerechnet die einfachen Leute verstehen ihn nicht

Die Frau, für die sich Frank-Walter Steinmeier brennend interessiert, hat ihren Rechtsanwalt mitgebracht, einen hageren Mann, der ständig das Wort von der Ausbeutung im Mund führt. Sie sitzen auf einem Sofa im Hamburger Seemannsheim, wo man für ein paar Euro ein karges Zimmer kriegt. Steinmeier ist unsichtbar weit weg, irgendwo da draußen im Wahlkampf.

Steinmeiers Zeichnungen
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Die Frau, für die sich Steinmeier interessiert, möchte in der Zeitung Emmely heißen. Ein paar Monate, nachdem er Kanzlerkandidat der SPD geworden war, entdeckte er sie. Er hatte einen richtigen Emmely-Wahn, nannte sie in seinen Reden »die Kassiererin«. Wegen eines angeblichen Betrugs von 1,30 Euro an ihrer Supermarktkasse war sie gefeuert worden. Ein krasses Beispiel für Ungerechtigkeit, ein richtig sozialdemokratischer Fall. Jetzt war die arbeitslose Kassiererin zur Komplizin des SPD-Kandidaten aufgestiegen. Sogar Steinmeiers Ehefrau, eine Verwaltungsrichterin, sah sich Emmelys Rechtslage an.

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Steinmeier hatte gerade versucht, Opel zu retten, hatte seinen Ehrgeiz mit Gerhard Schröders Platzhirschröhren intoniert, das fanden alle peinlich, da tauchte Emmely auf. Sie wurde Steinmeiers rhetorische Figur. Die Kassiererin passt viel besser zu Steinmeier, so unaufdringlich, wie sie ist. Sie sagt: »Steinmeier, ja, ich weiß gar nicht.«

Aus dem Fernseher schaut der Kandidat sie manchmal an. Wie sie ihn findet? »Ich kenne ihn gar nicht«, antwortet sie, »ich meine: Er sagt mir nichts.« Sie sei ein Fan von Gregor Gysi, Linkspartei. Gysi spreche ihr aus der Seele. Steinmeier sei bloß »ein Mann aus dem Fernsehen, einer von zehntausend.« Sie interessiert sich für ihn nicht.

Wenn Steinmeiers Komplizin Gregor Gysi wählen will, dann muss etwas schiefgelaufen sein, mit der SPD, mit ihm.

Frank-Walter Steinmeier, 1956 geboren in Brakelsiek, einem Dorf in Ostwestfalen. Das Haus seiner Kindheit, verziert mit einer Wand aus Glasbausteinen, im Garten eine Partyscheune. Als Junge oft auf dem Fußballplatz, defensives Mittelfeld, rechts, Spitzname »Prickel«. Nach dem Jurastudium Wechsel in eine politische Mannschaft, die Staatskanzlei in Hannover, geführt von einem rüpelhaften Stürmer, dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder. Jahrelang in Wohngemeinschaften zu Hause, dreckige Kaffeetassen abgewaschen, volle Aschenbecher geleert. In seiner alten Ferienwohnung in Südtirol seinen Urlaub verlebt, dem Nebengebäude eines früheren Herrenhauses. Nach deftigen Mahlzeiten auf Almhütten übermütig gesungen, »Wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt«, Gitarrenbegleitung. Den einzigen Abend, den er in den letzten Monaten vor Mitternacht bei seiner Familie in Berlin-Zehlendorf eintraf, damit verbracht, seiner 13-jährigen Tochter Merit ein Ikea-Regal in die Wand zu dübeln. Frank-Walter Steinmeier, ein Junge aus einfachen Verhältnissen.

Wieso sagen einfache Leute, er sage ihnen nichts?

Leser-Kommentare
    • ascola
    • 11.09.2009 um 14:48 Uhr

    Wenn der Artikel sonst nichts Lesenswertes enthielte, müsste man ihn doch lesen wegen der Beschreibung, wie Steinmeier am 30. Mai die Chance, mit der zu dem Zeitpunkt scheinbar erfolgreich verlaufenden Opel-Verhandlungen zu punkten, vermasselte: "Der Kandidat stellte sich in den Regen.." usw., "das fahle Licht grausam verzerrt".., und während "die Kanzlerin seelenruhig vor ihrer blauen Wand in ihrem Amt stand,.. sah ihr Herausforderer aus, als sei er mit Gelbfieber aus Rüsselsheim heimgekehrt."
    Spaß beiseite - hier hat auch sein Kommunikationsstab versagt, auf den einer wie er wohl besonders angewiesen ist - und zu der Frage, wieso gerade die einfachen Leute ihn nicht verstehen, obwohl er einer von ihnen ist. Wie's aussieht, wird Steinmeier bei der Wahl die bislang schlechteste, die Ollenhauer-Marge aus den 50ern noch einmal deutlich nach unten unterbieten, obwohl seine persönlichen Werte leicht steigen. Tatsächlich präsentiert er sich für seine Verhältnisse relativ locker und souverän bei seinen derzeitigen Auftritten. Der Kandidat tritt etwas in den Vordergrund gegenüber seinen Inhalten. Aber das, was ihn bislang stark machte: seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten - die ganz anders als sind als die Schröders (da hat er teils sogar Ähnlichkeit mit Merkel) - die ihm zu diesem Aufstieg aus einfachen Verhältnissen verhalfen, kann er jetzt nicht plötzlich abschütteln, auch wenn genau diese Eigenschaften sich nun als trennendes Moment gegenüber "den einfachen Leuten" erweisen.

    • Kelhim
    • 12.09.2009 um 17:28 Uhr

    Am Dienstag Abend habe ich Steinmeier erst auf einer Wahlkampfveranstaltung erlebt, auf der er eine Rede halten konnte, die seine Anhänger mitnahm. Überhaupt nicht verkrampft, aber auch kein ausgebuffter Profi wie Schröder oder Gysi oder Westerwelle. Neben mir saß ein Herr, der immer wieder zwischendurch ausstieß: "Da hat er recht!"

    Anschließend sah ich die restliche Hälfte der ARD-Wahlarena, die am selben Tag aufgezeichnet worden war und in der er sich den Fragen des Publikums stellte. Man merkte, wie schwer es ihm fällt, platte, aber dafür eingängige Antworten zu geben, lieber differenziert er sie solange aus, bis man als Zuhörer auf die Uhr schaut. Die Pausen füllte Stille aus dem Publikum, die Gesichter wirkten ratlos bis kritisch.

    Den Eindruck des Autors kann ich also nur bestätigen. Steinmeier ist kein Medienprofi, versucht es auch nur halbherzig. In manchen Situationen macht es ihn sympathisch, in anderen fragt man sich, warum er sich den Wahlkampf antut, der so völlig andere Qualitäten von ihm fordert als Sachlichkeit und Differenzierungsvermögen.

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