Kino Unser aller Irrsinn

Auf den Filmfestspielen in Venedig suchen die Regisseure nach einer Ordnung im globalen Chaos

Wer sich auf dem Lido von Venedig die Pläne für den neuen Festivalpalast anschaut, für dieses hundert Millionen Euro teure Megaprojekt, das aussieht, als hätte man über der Lagune einen gigantischen Hinkelstein abgeworfen, den befällt eine leise Melancholie. Braucht die Filmbiennale, die angesichts der Konkurrenz anderer Festivals und im Zuge der Wirtschaftskrise über abnehmende Besucherzahlen klagt, solch ein Monstrum? Ist es nicht ein Fehler, das Schönste, was dieses Festival zu bieten hat, nämlich den Blick aufs Meer, durch eine Eigernordwand aus Beton zu versperren? Und sollte die Stadt nicht besser die alten Festivalgebäude aus den dreißiger Jahren renovieren, deren Treppenhäuser nach Gewitterregen manchmal aussehen wie der Canal Grande?

Man denkt an den Eröffnungstag, als sich die Besucher schon ohne Großbaustelle glücklich schätzten, wenn sie nicht von hektisch manövrierenden Gabelstaplern überfahren wurden. Oder an die Via Dardanelli, eine schmale, von alten Villen gesäumte Straße, die direkt zum Festivalgelände führt. In den ersten Tagen der Filmbiennale wurde sie in eine Einbahnstraße verwandelt. Am nächsten Tag änderten Arbeiter die Schilder und damit die Richtung der Einbahnstraße. Dies geschah noch mehrere Male. Inzwischen weiß nicht einmal mehr die Polizei, die in der Via Dardanelli ihr Lido-Quartier hat, in welcher Richtung die Straße zu befahren ist. Was lernen wir aus alldem über die italienische Mentalität hinaus? Dass die vielen Versuche des Menschen, Ordnung in der Welt zu schaffen, die Welt oftmals nur noch unordentlicher werden lassen.

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Natürlich besteht kein Zweifel, dass Kinohelden, was den Zustand der Welt angeht, andere Ambitionen haben als wir Festivalbesucher, die mit täglich vier Filmen, ein paar Spaghetti und zwei roten Campari-Getränken namens Spritz glücklich sind. Und doch sollte man die Helden dieses Festivals einmal an den Lido als Chaos- und Lebensmetapher schicken, all die Weltverbesserer und Erlöser, Wundergläubigen und Lebensretter, die hier die Leinwand bevölkern. Allen voran Michael Moore, der es immer noch nicht aufgegeben hat, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass sie lieber keine Amerikaner sein sollten. In seinem neuen Film Capitalism: A Love Story geht es gleich ums große Ganze: den Kapitalismus als Daseinsform, Ideologie und Menschheitsverirrung. Von den fetten fünfziger Jahren hetzt Moores Film zu Ronald Reagans entfesselter Marktwirtschaft, von unterbezahlten Piloten zu korrupten Richtern, von Mittelständlern, die ihre Häuser wegen geplatzter Kredite räumen müssen, zu Politikern, die von der Immobilienlobby geschmiert werden.

So springt Moore vom Hölzchen aufs Stöckchen, und da der Kapitalismus überall ist, ist sein Film nirgendwo. Nur in wenigen Momenten bringt er wirklich Neues ans Tageslicht. Etwa, wenn er vorführt, dass Firmen selbst den Tod ihrer Mitarbeiter ökonomisieren, indem sie ohne deren Wissen Lebensversicherungen abschließen und sich selbst als Nutznießer einsetzen. Erst am Ende des naiven Films, der viele offene Türen einrennt, zeigt sich Moore als der gewitzte Provokateur, der er einmal war: Mit Pauken und Trompeten zieht er nach New York, zur Wallstreet, und umspannt das Börsengebäude mit dem gelben Plastikband, das die amerikanische Polizei zur Absperrung von Tatorten verwendet. Dann zückt er sein Megafon und fordert die Broker auf, das Geld, das sie dem amerikanischen Steuerzahler gestohlen hätten, zurückzugeben.

Auch für Werner Herzog ist Amerika im Grunde ein Tatort. Auch sein Held könnte das gelbe Band um das Land spannen, das er zunächst noch retten will. In Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans spielt Nicolas Cage einen Polizisten, der sechs Monate nach dem Hurrikan Katrina einen Mörder und Dealer jagt und dabei selbst drogenabhängig wird. Vollgepumpt mit Schmerzmitteln, Koks, Crack, Heroin, hetzt er durch das trübe, feuchte New Orleans. Mit ihm geht die Kamera in schwarze Elendsgebiete und in ein Altersheim, wo reiche Südstaatlerinnen von schwarzen Angestellten gepflegt werden.

Die Kamera blickt in die Hinterzimmer der Dealer, in düstere Wettspelunken und auf die Brachen, wo einst ärmliche Häuschen standen und demnächst mit Drogengeld Luxusapartments gebaut werden. Herzog gelingt es, einen nüchternen, ja niederschmetternden Realismus mit der halluzinatorischen Wahrnehmung seines Helden zu vermischen. In seinem Film kriecht ein Alligator entlang des Highways und auch mal ein Leguan durchs Zimmer, was in einer Welt, in der buchstäblich alles den Bach runtergeht, nicht weiter erstaunt.

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