Sommertheater - Im Urlaub mit der Politik (7) Ein Meister des Fast
Laurenz Meyer war mal CDU-Generalsekretär. Jetzt bangt er um seine Wiederwahl in den Bundestag. Stefan Willeke traf ihn auf dem Schützenfest.
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Laurenz Meyer mit seiner Frau Sonja: Er muss sich nach der Wahl wohl einen neuen Beruf suchen
Die Blaskapelle des Schützenvereins Westenfeldmark beginnt zu spielen, das Volk will sich sammeln unterm Eichenlaub, aber Laurenz Meyer ist noch nicht so weit. Auf einer gemähten Wiese am Rande des Ruhrgebietes geht er zwischen Zapfanlagen auf und ab. Gleich wird er sich als Schütze beweisen müssen. »Hm«, sagt Meyer, »wo bleibt sie denn?« Laurenz Meyer, 61 Jahre alt, Christdemokrat, ehemals Generalsekretär der CDU, ihr listiges Gesicht. Laurenz Meyer, Mitglied des Bundestages, noch. Mit einem hoffnungslosen Platz auf der Landesliste der CDU wurde er diesmal abgefunden, dem erbärmlichen Platz 35. Die Partei hat ihn fallen lassen. Er muss, wenn er wieder in den Bundestag will, das Direktmandat im westfälischen Hamm holen, wo Meyers Rückstand auf den Sozialdemokraten Dieter Wiefelspütz bei der Wahl vor vier Jahren 22 Prozentpunkte betrug. Ein unmöglicher Kampf, der Kampf seines Lebens. Meyer weiß das, und er fragt: »Wo ist Sonja?«
Er kann jetzt nicht mehr auf sie warten, schreitet nach vorn auf die Waldlichtung, schnappt sich das Mikrofon, arretiert seinen Kopf und singt die deutsche Nationalhymne. Nach dem letzten »Vaterland« dreht Meyer dem Publikum den Rücken zu, geht zur Schießanlage, legt auf die Attrappe eines Vogels an, die hoch oben an einer Stange hängt. Meyer muss jetzt alles richtig machen, er hat nur einen einzigen Schuss. Sein rechtes Auge verschwindet im Zielfernrohr. Von Sonjas Stöckelschritten hört er nichts. Meyer drückt ab. Ein trockenes Donnern. Er stutzt, nichts passiert, der Vogel fällt nicht. Kein Treffer, daneben. Als er sich umdreht, läuft Sonja ihm schon entgegen und ruft ihm lachend zu: »Engelchen, da hast du ja wieder voll draufgehalten!«.
Sonja Meyer ist Justizbeamtin in Hamm, sie ist 26 Jahre jünger als Meyer, im Oktober letzten Jahres heirateten die beiden. Als sie aus dem Trauzimmer kamen und sich den bestellten Fotografen hingaben, hielt das Brautpaar weiße Tauben in den Händen. Bei Laurenz Meyer sah es so aus, als wolle er seine Taube erdrücken.
Auf dem Weg zum Schützenzelt fragt sich Meyers Parteifreund, der Oberbürgermeister von Hamm, warum dieser Laurenz wieder so sorgenfrei lächelt, wo er das Grimmen versteckt, das von Verzweiflung erzählt. »Ich denke immer, der muss ein Ass im Ärmel haben«, sagt der Bürgermeister. »Aber was ist sein Ass? Ich kann es nicht sagen.« Meyer setzt sich an einen Biertisch. Ein Schütze in Uniform baut sich neben ihm auf, schlägt ihm auf die Schulter und raunt: »Im Februar haben wir Vorstandswahlen. Da kannst du es ja bei uns versuchen.« – »Jau«, antwortet Meyer. Gleich muss er zum nächsten Schützenfest. In sieben dieser Vereine ist er Mitglied. Er sagt, ihn strenge das nicht an.
Laurenz Meyer sagt außerdem, er könne über seine drohende Wahlniederlage nicht nachdenken, unmöglich. Sonja Meyer sagt: »Unsere Beziehung würde auch so weitergehen.« Laurenz Meyer sagt über seinen Wahlkampf auf Schützenfesten: »Wenn du hier Wasser trinkst, hast du verloren. Wenn sie dich am Ende vom Platz tragen müssen, hast du auch verloren. Aber das dazwischen, das ist Politik.« Sonja Meyer sagt: »Ich trinke nichts, ich muss noch fahren.« Laurenz Meyer sagt, er bewundere political animals, politische Tiere, Raubtiere, die lautlosen Jäger der Nacht. Sonja Meyer sagt, sie habe ihren Hund Cleo wimmernd in einem Straßengraben bei Hannover entdeckt. Laurenz Meyer hat seinen natürlichen Ort gefunden, sobald er in einem glucksenden Sumpf von Menschen versinkt. Sonja Meyers Gesicht ist zu sorgfältig geschminkt für eine Feier im Sumpf.
»Ich bin einer von den Typen, die alles mitsingen können«
Später am Abend, auf dem Rückweg vom dritten Schützenfest des Tages, sitzt Laurenz Meyer mit dem Hund Cleo auf der Rückbank seines Audis, Sonja steuert den Wagen. Sie wolle heim, sagt sie, die hochhackigen Schuhe, die schmerzenden Füße. »Ach, Sonja, komm, wir fahren noch zum Fest in die Stadt«, antwortet er.
»Nein, ich möchte nach Hause, mich ausruhen«, sagt sie.
»Ich gehe schon vor, ja? Wenn du nachkommst, hole ich dich ab. In einer halben Stunde, ja?«
»Aber der Hund, ich muss mit ihm doch noch spazieren gehen.«
Laurenz Meyer streichelt Cleo, dann sagt er: »Cleo ist jetzt viel zu müde für deinen Spaziergang.«
Sonja Meyer setzt ihren Mann in der Innenstadt neben der Lutherkirche ab, und bevor sie losfährt, ruft ihr Laurenz Meyer noch zu: »Meld dich gleich auf dem Handy. Bitte.« Die Stadt feiert, der ganze Platz ist voller Leute. Meyer kommt nur langsam voran, überall Hände, die er greifen muss, Chancen auf Zukunft. An einem Rotweinstand erzählt Meyer von den Rolling Stones. »Die habe ich live gesehen. Dreimal. Und jedes Mal sollte es das letzte Mal gewesen sein. Aber die haben immer weitergemacht.« Laurenz Meyer lacht, so laut er kann. Es ist ihm ganz recht, wenn man seine verschlüsselten Botschaften sofort erkennt.
Er mischt sich in die Menge auf dem Platz, setzt sich auf eine Bank und hört der Popgruppe auf der Bühne zu. Meyer wippt. »Ich bin einer von den Typen, die alles mitsingen können«, sagt er. »Als ich meinen 60. Geburtstag feierte, war das hier das größte Medienereignis überhaupt.« Die folgenden Stunden kann man leicht zusammenfassen. Eine Schachtel Benson & Hedges, umspült von einem sanften Bordeaux, großes Laurenzium.
So gut habe er als junger Mann Tennis gespielt, dass eine sportliche Karriere nicht undenkbar gewesen sei.
Einmal hätte er Schützenkönig werden können, aber seine erste Frau habe das nicht gewollt.
Nicht viel hätte gefehlt, dann wäre er Oberbürgermeister von Hamm geworden.
Beinahe hätte er in einem Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages das Unvorstellbare vollbracht und den früheren Ministerpräsidenten Johannes Rau von der SPD gefällt.
Fast wäre der CSU-Chef Horst Seehofer böse ausgerutscht, als auf verschlungene Weise herauskam, dass Meyers Büroleiterin von Seehofer ein uneheliches Kind erwartete.
Laurenz Meyer ist ein Meister des Fast. Es wird Zeit für ihn, sich in ein anderes Leben retten zu lassen.
In einem Buch über die Grenzen des Wachstums, sagt Meyer, habe er eine Frage gefunden, die alles sage über die Wähler hier auf dem Platz, das Wesen der Welt, eine einzige Frage, die Schlüsselfrage der Politik. »Wie weit kann der Mensch denken?«
Als sich sein Handy plötzlich meldet und in irgendeiner seiner Hemdtaschen Sonjas Vibrieren beginnt, klopft Meyer mit beiden Händen so hektisch auf seinem Oberkörper herum, als habe ihn eine Horde Ameisen überfallen.
- Datum 17.09.2009 - 10:27 Uhr
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- Serie Im Urlaub mit
- Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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Laurenz Meyer hat rund um die Privatisierung der Energie( vor allem RWE ) ordentlich abkassiert. Weiterhin gab es etliche Unklarheiten bezüglich der Vorteilsnahme.
Diese Informationen hätten dem Artikel besser getan als der Versuch, Herrn Meyer und seine Trophy in Szene zu setzen - selbst wenn der Versuch kritisch geeint war.
An seine Stimme erinnere ich mich schon noch. Aber was er mit ihr sagte? Fällt mir nichts ein.
Immerhin bemerkenswert, dass Herr Meyer als bisheriger Abgeordneter auf den Listenplatz 35 abgeschoben wurde - von den Parteifreunden.
Warum?
Ja, das würde mich als Leser, wenn schon, interessieren. Aber es passt wohl nicht in die Serie, dieses Abschieben zu erzählen.
Es soll darin wohl ums "Menscheln" gehen...Hündchen, jüngere Frau anstelle eienr ersten langjährigen und so weiter: Ach je.
Liebe Zeit,
Ich habe öfter vernommen dass die Zeit seriös sein soll
anscheinend nicht...
Wenn ich sowas lese kommt es mir einfach nur hoch
Egal welcher Politikeres ist, der Inhalt und wie es geschrieben wurde strotzt nur so vor Klatschzeitschrift
Glückwunsch sie haben das Niveau der Bild Zeitung erlangt
Für mich und eine große Anzahl an Lesern ist die Zeit nun auf einer Höhe mit der Bunten, der Bild und allen klatsch und tratsch heftchen...
Kommentieren sie die Standpunkte einer Partei, die Äußerungen aber nicht soetwas.....
Klatsch und tratsch gehört nicht in die Politik, wenn wir danach entscheiden würden hätten wir warscheinlich die Tokio Hotel Partei an der Regierung sitzen..... na klasse!
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