Bundestagswahl Wir wählen uns alle nur selbstSeite 3/3

Dass der Mensch seinem Wesen nach ein Kapitalist sei, ist der Glaube unserer Zeit. Niemand hört, wie Adam Smith, der Gründungsvater der Nationalökonomie, heftig gegen den Sarg klopft. Für ihn war der Mensch gut, auf Anerkennung angewiesen und von Wohlwollen erfüllt. Das Gewinnstreben war nicht die Natur des Menschen, sondern nur ein praktisches Gefühl zweiter Ordnung. Heute dagegen höhlt der Glaube an die kapitalistische Verfassung unserer Seele die Gesellschaft aus. Jenseits der Freund-Feind-Linie von links und rechts vergiftet er die Heimatbiotope der Konservativen ebenso, wie er die abstrakten Solidaritäten der Linken bloßstellt.

Sind solche amoralisierten Bürger regierbar? Gibt es eine Politik für Menschen, die die Abwrackprämie volkswirtschaftlich für falsch halten, sie aber trotzdem kassieren? Für Wähler, die von der Politik eine Ehrlichkeit fordern, die sie im Zweifelsfall selbst nicht haben? Für Kunden, die tagtäglich hören, dass sie ihren Vorteil nutzen sollen und nach Vorzugsprämien gieren? Wer fragt einmal umgekehrt, wie viel Spaß es unseren Politikern eigentlich macht, die Gunst von Premiumkunden zu gewinnen, denen man nicht auch noch versprechen kann, »Premiumwähler« zu sein? »Mit der Wahl dieser Partei erhalten Sie einen Vorzugstarif bei der Steuer, eine Pay-back-Card für ihre Stimme und ein First-Class-Handy von Ihrem Exklusiv-Abgeordneten…«

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Die Wählerwanderungen bei den Landtagswahlen sind bezeichnend. CDU-Wähler wechselten zur FDP wie zu den Linken, und NPD-Wähler wechselten zu den Liberalen. Dabei ging bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen nur jeder zweite Wahlberechtigte überhaupt an die Urne, in Sachsen war es kaum besser. Die 56 Prozent Wahlbeteiligung in Thüringen gelten sogar noch als überraschend hoch. Knapp ein Drittel der Bevölkerung erklärt gegenüber Infratest dimap, man wisse noch immer nicht, wen man am 27. September wählen solle. Und bei der Wahlbeteiligung erwarten die Demoskopen ein Rekordtief.

Verwunderlich ist das nicht. Wer tagtäglich indoktriniert wird, sich Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen, genießt eine staatsbürgerliche Erziehung von zweifelhaftem Zuschnitt. Ein Milliardenaufwand an Werbegeldern bombardiert die wackeligen Behausungen unserer Werte: die Moral der Kindheit, ein kleiner, meist winziger Rest Religion und ein bisschen Demokratieverständnis aus der Schulzeit. Ein ungleicher Kampf. Niemand fragt heute mehr, ob sein Premiumtarif gegenüber anderen fair ist. Das sogenannte Individualprinzip als elementarer Kern der Marktwirtschaft muss mit einem durchdachten Sozial- und Humanitätsprinzip in Balance gehalten werden, predigte einst Ludwig Erhards Lehrmeister Wilhelm Röpke. Der Focus setzte dies schon zur vorletzten Bundestagswahl außer Kraft: Wen würde Ihr Geld wählen? lautete der Titel. Wählen allein nach monetären Interessen – auffälliger lässt sich die Aufkündigung der Solidarität nicht plakatieren.

Die Folgen einer guten Herrschaft ist ein Verlust der Tugend. Doch so leicht er sich diagnostizieren lässt – unser ganzes Wirtschaftssystem beruht darauf, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Beschränkte sich ein jeder auf das, was er tatsächlich braucht, so bräche dagegen alles zusammen. Dieses Paradox ist das Stigma unserer Zeit. Der erstickende Lack über den bewegten Farben. Der Fluch der guten Herrschaft.

Zwanzig Jahre nach Vollendung des Freskos im Palazzo Pubblico brach in Siena die Pest aus. Lorenzetti selbst erlebte sie nicht mehr, er starb unmittelbar nach getaner Arbeit. Die Unentrinnbarkeit des Endes aber findet sich gleichwohl eingezeichnet in das Idyll seiner guten Herrschaft: in der Abbildung einer Sanduhr.

Der Autor ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm im Goldmann Verlag »Liebe – Ein unordentliches Gefühl« sowie »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele«?

 
Leser-Kommentare
  1. "Markt- und Markenwirtschaft erzeugen kein Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern moralische Zeitarbeiter ohne Milieubindung. Identität wählen zu können bedeutet, keine mehr zu haben und keine zu erlangen."

    Identität wählen zu können und nicht an ein Milieu, eine (ethnische, religiöse, soziale, regionale...) Herkunft gebunden zu sein - dies jedem Menschen zu ermöglichen sollte eigentlich Ziel aufgeklärter Politik sein. Man könnte der Marktwirtschaft vorwerfen, dass sie die Freiheit, über die eigene Identität zu entscheiden, sehr ungleich verteilt. Ihr aber vorzuwerfen, diese Freiheit überhaupt Menschen zu ermöglichen, unterminiert das Fundament einer auf persönlicher Freiheit gründender Gesellschaftsordnung. "Husch, husch, Kinderchen, schnell zurück in eure Milieus - damit wir Philosophen und Weltendeuter in Ruhe arbeiten können!"

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    Der Mensch hat aber das Bedürfnis einer Gemeinschaft, in der er eine gewisse Geborgenheit erfährt und sich anderen Mitteilen kann.
    Und die Marktwirtschaft nutzt das aus, ohne einen ehrlichen Gegenwert zu bieten. Mit Hilfe von Marken die suggerieren, dass man Teil einer Gemeinschaft wäre, wenn man nur das Produkt kauft.
    Dadurch verarmt der Mensch in seiner Menschlichkeit. Er verkommt zu dem was der Philosoph hier richtig mit "haben statt sein" beschreibt.

    Die Frage ist aber doch ob das was "Ziel einer aufklärerischen Politik sein sollte" - also seine Identität frei wählen zu können - auch gut ist oder ob es einen nicht entfremdet und vereinsamt.

    Sie schrieben in ihrer Überschrift "anti-aufkläerisch" und meinen, korrigieren sie mich wenn ich sie falsch verstanden habe, dass wäre etwas schlechtes.
    Die Aufklärung hat uns gelernt kritisch zu denken, alles in Zweifel zu ziehen und zu hinterfragen. Warum sollte man dieses nicht auf die Aufklärung selbst anwenden dürfen? Warum sollte man die Aufkärung selbst nicht kritisch hinterfragen können? Wer sagt uns denn, dass die Aufklärung schon das Ende des Weges ist, vielleicht ist sie ja nur ein Zwischenstopp in der geistigen Entwicklung der Menschheit und um weiterzukommen muss man sie erst einmal in Frage stellen? Darf man die Aufklärung nicht kritisieren und wenn ja, warum nicht?
    Schon Adorno stellte in seiner "Dialektik der Aufklärung II" fest, dass die Schrecken des 20. Jhds. - kommunistische und faschistische Regimes und deren Folgen - ohne die Aufklärung nicht denkbar gewesen wären und eine direkte Folge derselbigen sind. Das macht die Aufklärung und ihre Prinzipien natürlich nicht automatisch zu etwas schlechtem, aber es sollte uns doch zeigen, dass auch sie fehlerbehaftet ist. Und diese Erkenntnis sollte doch dann dazu führen, dass wir uns Gedanken über eine Behebung der Fehler und/oder die Weiterentwicklung der Aufklärung machen.
    Das ist zumindest meine Meinung.

    Der Mensch hat aber das Bedürfnis einer Gemeinschaft, in der er eine gewisse Geborgenheit erfährt und sich anderen Mitteilen kann.
    Und die Marktwirtschaft nutzt das aus, ohne einen ehrlichen Gegenwert zu bieten. Mit Hilfe von Marken die suggerieren, dass man Teil einer Gemeinschaft wäre, wenn man nur das Produkt kauft.
    Dadurch verarmt der Mensch in seiner Menschlichkeit. Er verkommt zu dem was der Philosoph hier richtig mit "haben statt sein" beschreibt.

    Die Frage ist aber doch ob das was "Ziel einer aufklärerischen Politik sein sollte" - also seine Identität frei wählen zu können - auch gut ist oder ob es einen nicht entfremdet und vereinsamt.

    Sie schrieben in ihrer Überschrift "anti-aufkläerisch" und meinen, korrigieren sie mich wenn ich sie falsch verstanden habe, dass wäre etwas schlechtes.
    Die Aufklärung hat uns gelernt kritisch zu denken, alles in Zweifel zu ziehen und zu hinterfragen. Warum sollte man dieses nicht auf die Aufklärung selbst anwenden dürfen? Warum sollte man die Aufkärung selbst nicht kritisch hinterfragen können? Wer sagt uns denn, dass die Aufklärung schon das Ende des Weges ist, vielleicht ist sie ja nur ein Zwischenstopp in der geistigen Entwicklung der Menschheit und um weiterzukommen muss man sie erst einmal in Frage stellen? Darf man die Aufklärung nicht kritisieren und wenn ja, warum nicht?
    Schon Adorno stellte in seiner "Dialektik der Aufklärung II" fest, dass die Schrecken des 20. Jhds. - kommunistische und faschistische Regimes und deren Folgen - ohne die Aufklärung nicht denkbar gewesen wären und eine direkte Folge derselbigen sind. Das macht die Aufklärung und ihre Prinzipien natürlich nicht automatisch zu etwas schlechtem, aber es sollte uns doch zeigen, dass auch sie fehlerbehaftet ist. Und diese Erkenntnis sollte doch dann dazu führen, dass wir uns Gedanken über eine Behebung der Fehler und/oder die Weiterentwicklung der Aufklärung machen.
    Das ist zumindest meine Meinung.

    • Tman
    • 10.09.2009 um 18:50 Uhr
    2. hmmja

    Neben den ganzen Überzeichnungen und Subjektwechseln bleibt ein Satz übrig, der mir wahr erscheint:

    "Beschränkte sich ein jeder auf das, was er tatsächlich braucht, so bräche dagegen alles zusammen. Dieses Paradox ist das Stigma unserer Zeit."

    Wer mag nun den Leuten erzählen was sie wirklich bräuchten? Sie erziehen, damit sie ihre eigenen Bedürfnisse kennen lernen usw. usf.?
    Wohin also mit der ganzen Energie die wir haben? Wir wissen es nicht und darum weiter so pragmatisch wie bisher... Da helfen uns Geschichten aus Siena auch nicht.

  2. "Die paradoxe Gleichung unserer radikalisierten Individualität ist unverkennbar. Wenn Individualität bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, und Identität, seinen Werten treu zu bleiben, so gilt: je mehr Individualität, umso weniger Identität."

    Dies gilt offenbar nicht, wenn man seine Individualität über seine Werte bestimmt. Dann würde man sich selbst treu bleiben, wenn man seinen Werten treu bleibt.

  3. Herr Precht hat recht. Beispiel für fehlende Solidarität: An der Kasse beim Discounter (den ich nur noch in Ausnhamefällen aufsuche): "2.Kasse bitte!"
    Discounterpreise sind nun mal nur möglich, wenn man das Personal ausbeutet, das sollte jedem klar sein. Wer diese Ausbeutung unterstützt, indem er dort einkauft, sollte wenigstens den Anstand haben, das Personal nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen.

    Bei der "Wir zahlen nicht für eure Krise"-Demo in Frankfurt, waren erschreckend wenig Leute.

    • Soahc
    • 10.09.2009 um 20:19 Uhr

    Herr Precht mag ja vielleicht in manchen Belangen Recht haben, aber wenn ich wähle, dann wähle ich nicht mich. Ich wähle die Gesellschaft und ich wähle schon allein aus langfristiger Perspektive nicht mich, das wär katastrophal.

  4. Das Grundproblem, dass viele Menschen, von der Gesellschaft bestärkt, inzwischen verinnerlicht haben, das Maximum für sich persönlich herauszuholen, sehe ich auch zunehmend.
    Ein gutes Beispiel dafür ist meines Erachtens der neue Werbeslogan der teilweise staatlichen Postbank "Unterm Strich, zähl ich".
    Das ist teilweise sicherlich eine Reaktion auf Kundenverhalten, teilweise verstärkt es dieses aber auch. Bis zum Beginn der Finanzkrise habe ich mich in gewissem Maße leider auch so verhalten.

    Meine persönliche Lehre aus der Krise ist aber, dass ich nicht mehr blind dem Tagesgeldkonto mit den höchsten Zinsen nachjage. Denn auch vermeintlich abstrakte Finanztransaktionen schlagen irgendwie auf die Arbeitsrealität normaler Menschen durch. Zum Beispiel in Form des unaufhaltsam steigenden Leistungsdrucks, den Manager auf ihre Mitarbeiter ausüben, um den Renditewünsche kleiner und großer Anleger gerecht zu werden.

    Bezeichnend ist, dass die Führer der großen Industrienationen der Welt so bereitwillig in die Banker/Manager-Schelte einstimmen. Dies können sie aber nur, weil dadurch das Leistungsprinzip der Marktwirtschaft nicht angetastet sondern noch durch die Wut der Masse auf "unfähige Manager" neu legitimiert wird. Ein erster Schritt zum Besseren wäre sicherlich, im Job weiter auf die eigene Leistung zu achten, im persönlichen Alltag, wie dem Beispiel von "Zustimmung", aber nicht noch auf diesem Prinzip zu beharren. Dann könnte das Leben für alle etwas angenehmer werden.

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    • TDU
    • 11.09.2009 um 19:34 Uhr

    Meiner Erinnerung nach gab es in den 1950iger Jahren bei den Sparkassen mal den Slogan: Haste was, biste was.

    • TDU
    • 11.09.2009 um 19:34 Uhr

    Meiner Erinnerung nach gab es in den 1950iger Jahren bei den Sparkassen mal den Slogan: Haste was, biste was.

    • LH
    • 10.09.2009 um 22:34 Uhr

    Wenn es denn so wäre, dass die Bürger nach ihren wirklichen Interessen wählen würden, dann wäre das doch wohl gut? Das würde bedeuten, dass sie die Regeln verstanden haben, denn genau darauf sind sowohl Markt als auch Demokratie ausgerichtet. In Wirklichkeit lassen sich die Bürger von Imagekampagnen, der Behauptung von Alternativlosigkeiten etc. einfangen und wundern sich anschließend, wie andere so unmoralisch sein können ihre Interessen schamlos zu vertreten und dann ständig im Zusammenhang mit riesigen Vermögen genannt werden.
    Das Problem war doch immer, dass die Herrschenden den Klassenkampf so ernst wie irgendwas genommen haben und das Volk eben nicht. Wenn sich das ändern würde, könnte man fast von demokratischer Reife sprechen.

  5. Sie dachten wohl auch. Aber nachgedacht haben Sie nicht Herr Precht. Schade.

    Vielleicht das nächste mal differenziert und logisch.

    Tschau.

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