Bundestagswahl

Wir wählen uns alle nur selbst

Warum wir den Wahlkampf und die Parteien haben, die wir verdienen. Ein Kommentar von Richard David Precht

Der Schriftsteller, Philosoph und Publizist Richard David Precht

Der Schriftsteller, Philosoph und Publizist Richard David Precht

Berlin. Regierungsviertel. Im August 2009. Auf der Wiese vor dem Reichstag spielen Migrantenkinder Fußball, Journalisten lümmeln sich auf Liegestühlen im Sand, am Spreebogen dösende Rucksacktouristen im Schatten des Kanzleramtes, neugierige Passanten inspizieren den Garten des Schlosses Bellevue. Eine Allegorie der Ruhe und des Friedens; das Idealbild einer blühenden Zeit, in die Gegenwart gefallen aus der italienischen Frührenaissance. Ein Fresko, heiter und beschwingt, wie jenes von Ambrogio Lorenzetti im Palazzo Pubblico in Siena: Folgen einer guten Herrschaft.

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Ein Jahr nach dem Ausbruch der Finanzkrise gehört Deutschland immer noch zu den reichsten Ländern der Welt und trotz des Krieges in Afghanistan noch immer zu den friedlichsten. Die Banken verdienen wieder Geld. Die Armutsquote ist gestiegen, gewiss, aber alles ist relativ. Mit dem Geld eines deutschen Hartz-IV-Empfängers fühlte sich ein Bauer in Bangladesch noch immer als Krösus. Deutsche Markenprodukte sind weltweit gefragt, die Kriminalitätsrate ist niedrig, der Korruptionsindex sieht uns bei den Harmlosen. Alles, so scheint es, ist gut im Staate Deutschland.

In zwei Wochen ist Wahl. Nach einer Umfrage des sterns meinen gerade 36 Prozent der deutschen Bevölkerung, unsere Demokratie funktioniere »im Großen und Ganzen gut«. Ein Drittel meint gar: »Wir leben gar nicht wirklich in einer Demokratie, in der das Volk zu bestimmen hat.« Kritischer waren diese Werte in der Geschichte unseres Landes vermutlich nie. Und das angesichts einer politischen Klasse, die sich – mehr als jede Generation zuvor – Tag für Tag vor den Kameras unendlich viel Mühe gibt, von den Wählern nicht nur respektiert, sondern auch gemocht zu werden.

So sehr gemocht, dass man sich am liebsten auf nichts mehr festlegt. Kein »Freiheit statt Sozialismus« mehr von den Christdemokraten, die die gerade größte Subventionswelle seit Willy Brandt hinter sich haben. Und kein Spott gegenüber einer SPD, der den Sozialismus wirklich niemand zutraut. Sozialdemokraten sind nur noch »gut für Deutschland«. Den Grünen geht es wie allen »ums Ganze«, und die Stärke der FDP ist »die Mitte«, weil die Mitte des Ganzen eben gut für Deutschland ist. »Zeit für Zukunft« fällt der FDP auch noch ein. Bewirbt sie einen Freizeitpark, ein Astrologie-Zentrum oder eine Rentenversicherung?

Plakate ohne Inhalt; ein Land ohne Eigenschaften. Daran ändert auch das schlechte Schauspiel nichts, das nach den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und im Saarland in den Fernsehstudios der Nation inszeniert wird. Kein Kommunist übernimmt im Herbst 2009 die Macht in Deutschland, und kein Neoliberalist schafft den Sozialstaat ab. Was den Parteien in letzter Hektik vor der Wahl zu ihren politischen Kontrahenten einfällt, ist keine Komödie und keine Tragödie, sondern aggressiver Klamauk. Eine lumpige Farce, bei der der Wähler ohnehin längst weiß: Unsere Parteien sind schon lange weit weniger Marke als etwa Gucci oder Nutella. Was draufsteht, ist gar nicht drin. Keine große Steuersenkung bei den Liberalen, keine vier Millionen neue Arbeitsplätze bei der SPD, kein ökologischer Umbau der Industriegesellschaft bei den Grünen und natürlich auch keine grundlegende Umverteilung bei der Linkspartei. Kein Ort nirgends für eine parteipolitisch gebundene Weltanschauung. Warum also sollte man Angela Merkel vorwerfen, dass sie auf ihren Wahlplakaten zwar »die Kraft«, aber keine politische Linie hat? Die Wähler, und nicht nur ihre, haben ja auch keine. Und dass sie sich auch nach den jüngsten Landtagswahlen dagegen verwahrt, Theater zu spielen – wer will ihr diesen Anstand verwehren?

Der Souverän, das Volk, sucht ohnehin nicht nach Weltanschauungen, sondern maximal nach einer verlässlichen Rating-Agentur für die Sicherheit von Lebensperspektiven. Parteien spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, sosehr sie sich für diese Rolle auch anbieten und anbiedern. Doch wen der Staat dazu ermuntert, ihm seine Alterssicherung nicht mehr zuzutrauen, wer seine Leiden keiner »gesetzlichen« Krankenkasse mehr überlässt und wer seine Kinder, wenn er kann, auf Privatschulen und Elite-Unis schickt, der traut dem Staat auch sonst nicht mehr über den Weg. Nur die sozial Schwachen vertrauen auf den Staat – weil sie müssen.

Die Privatisierung von Lebenssicherheiten wird noch immer unterschätzt. Ihr Resultat ist der maulende Wähler, politikverdrossen und unzufrieden, angestachelt von der bösen Illusion, den Staat kaum noch zu brauchen. Bei Umfragen gibt er zu Protokoll, dass er nicht mehr an die Demokratie glaubt, an den Parteien lässt er kein gutes Haar, und den Politikern wirft er vor, was er sich selbst als Position erarbeitet hat: dass sie nur noch an sich denken. Statt staatsbürgerlicher Ethik verpflichtet zu sein, begreift er sich mehr und mehr als moralische Briefkastenfirma mit einem festen Wohnsitz im Irgendwo.

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Leser-Kommentare

  1. "Markt- und Markenwirtschaft erzeugen kein Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern moralische Zeitarbeiter ohne Milieubindung. Identität wählen zu können bedeutet, keine mehr zu haben und keine zu erlangen."

    Identität wählen zu können und nicht an ein Milieu, eine (ethnische, religiöse, soziale, regionale...) Herkunft gebunden zu sein - dies jedem Menschen zu ermöglichen sollte eigentlich Ziel aufgeklärter Politik sein. Man könnte der Marktwirtschaft vorwerfen, dass sie die Freiheit, über die eigene Identität zu entscheiden, sehr ungleich verteilt. Ihr aber vorzuwerfen, diese Freiheit überhaupt Menschen zu ermöglichen, unterminiert das Fundament einer auf persönlicher Freiheit gründender Gesellschaftsordnung. "Husch, husch, Kinderchen, schnell zurück in eure Milieus - damit wir Philosophen und Weltendeuter in Ruhe arbeiten können!"

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    Marktwirtschaft   stefanincello

    Der Mensch hat aber das Bedürfnis einer Gemeinschaft, in der er eine gewisse Geborgenheit erfährt und sich anderen Mitteilen kann.
    Und die Marktwirtschaft nutzt das aus, ohne einen ehrlichen Gegenwert zu bieten. Mit Hilfe von Marken die suggerieren, dass man Teil einer Gemeinschaft wäre, wenn man nur das Produkt kauft.
    Dadurch verarmt der Mensch in seiner Menschlichkeit. Er verkommt zu dem was der Philosoph hier richtig mit "haben statt sein" beschreibt.

    Die Frage ist aber doch ob das was "Ziel einer aufklärerischen Politik sein sollte" - also seine Identität frei wählen zu können - auch gut ist oder ob es einen nicht entfremdet und vereinsamt.

    Sie schrieben in ihrer Überschrift "anti-aufkläerisch" und meinen, korrigieren sie mich wenn ich sie falsch verstanden habe, dass wäre etwas schlechtes.
    Die Aufklärung hat uns gelernt kritisch zu denken, alles in Zweifel zu ziehen und zu hinterfragen. Warum sollte man dieses nicht auf die Aufklärung selbst anwenden dürfen? Warum sollte man die Aufkärung selbst nicht kritisch hinterfragen können? Wer sagt uns denn, dass die Aufklärung schon das Ende des Weges ist, vielleicht ist sie ja nur ein Zwischenstopp in der geistigen Entwicklung der Menschheit und um weiterzukommen muss man sie erst einmal in Frage stellen? Darf man die Aufklärung nicht kritisieren und wenn ja, warum nicht?
    Schon Adorno stellte in seiner "Dialektik der Aufklärung II" fest, dass die Schrecken des 20. Jhds. - kommunistische und faschistische Regimes und deren Folgen - ohne die Aufklärung nicht denkbar gewesen wären und eine direkte Folge derselbigen sind. Das macht die Aufklärung und ihre Prinzipien natürlich nicht automatisch zu etwas schlechtem, aber es sollte uns doch zeigen, dass auch sie fehlerbehaftet ist. Und diese Erkenntnis sollte doch dann dazu führen, dass wir uns Gedanken über eine Behebung der Fehler und/oder die Weiterentwicklung der Aufklärung machen.
    Das ist zumindest meine Meinung.

    • 10.09.2009 um 18:50 Uhr
    • Tman
    2. hmmja

    Neben den ganzen Überzeichnungen und Subjektwechseln bleibt ein Satz übrig, der mir wahr erscheint:

    "Beschränkte sich ein jeder auf das, was er tatsächlich braucht, so bräche dagegen alles zusammen. Dieses Paradox ist das Stigma unserer Zeit."

    Wer mag nun den Leuten erzählen was sie wirklich bräuchten? Sie erziehen, damit sie ihre eigenen Bedürfnisse kennen lernen usw. usf.?
    Wohin also mit der ganzen Energie die wir haben? Wir wissen es nicht und darum weiter so pragmatisch wie bisher... Da helfen uns Geschichten aus Siena auch nicht.

  2. "Die paradoxe Gleichung unserer radikalisierten Individualität ist unverkennbar. Wenn Individualität bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, und Identität, seinen Werten treu zu bleiben, so gilt: je mehr Individualität, umso weniger Identität."

    Dies gilt offenbar nicht, wenn man seine Individualität über seine Werte bestimmt. Dann würde man sich selbst treu bleiben, wenn man seinen Werten treu bleibt.

  3. Herr Precht hat recht. Beispiel für fehlende Solidarität: An der Kasse beim Discounter (den ich nur noch in Ausnhamefällen aufsuche): "2.Kasse bitte!"
    Discounterpreise sind nun mal nur möglich, wenn man das Personal ausbeutet, das sollte jedem klar sein. Wer diese Ausbeutung unterstützt, indem er dort einkauft, sollte wenigstens den Anstand haben, das Personal nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen.

    Bei der "Wir zahlen nicht für eure Krise"-Demo in Frankfurt, waren erschreckend wenig Leute.

    • 10.09.2009 um 20:19 Uhr
    • Soahc

    Herr Precht mag ja vielleicht in manchen Belangen Recht haben, aber wenn ich wähle, dann wähle ich nicht mich. Ich wähle die Gesellschaft und ich wähle schon allein aus langfristiger Perspektive nicht mich, das wär katastrophal.

  4. Das Grundproblem, dass viele Menschen, von der Gesellschaft bestärkt, inzwischen verinnerlicht haben, das Maximum für sich persönlich herauszuholen, sehe ich auch zunehmend.
    Ein gutes Beispiel dafür ist meines Erachtens der neue Werbeslogan der teilweise staatlichen Postbank "Unterm Strich, zähl ich".
    Das ist teilweise sicherlich eine Reaktion auf Kundenverhalten, teilweise verstärkt es dieses aber auch. Bis zum Beginn der Finanzkrise habe ich mich in gewissem Maße leider auch so verhalten.

    Meine persönliche Lehre aus der Krise ist aber, dass ich nicht mehr blind dem Tagesgeldkonto mit den höchsten Zinsen nachjage. Denn auch vermeintlich abstrakte Finanztransaktionen schlagen irgendwie auf die Arbeitsrealität normaler Menschen durch. Zum Beispiel in Form des unaufhaltsam steigenden Leistungsdrucks, den Manager auf ihre Mitarbeiter ausüben, um den Renditewünsche kleiner und großer Anleger gerecht zu werden.

    Bezeichnend ist, dass die Führer der großen Industrienationen der Welt so bereitwillig in die Banker/Manager-Schelte einstimmen. Dies können sie aber nur, weil dadurch das Leistungsprinzip der Marktwirtschaft nicht angetastet sondern noch durch die Wut der Masse auf "unfähige Manager" neu legitimiert wird. Ein erster Schritt zum Besseren wäre sicherlich, im Job weiter auf die eigene Leistung zu achten, im persönlichen Alltag, wie dem Beispiel von "Zustimmung", aber nicht noch auf diesem Prinzip zu beharren. Dann könnte das Leben für alle etwas angenehmer werden.

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    Meiner Erinnerung nach gab es in den 1950iger Jahren bei den Sparkassen mal den Slogan: Haste was, biste was.

    • 10.09.2009 um 22:34 Uhr
    • LH

    Wenn es denn so wäre, dass die Bürger nach ihren wirklichen Interessen wählen würden, dann wäre das doch wohl gut? Das würde bedeuten, dass sie die Regeln verstanden haben, denn genau darauf sind sowohl Markt als auch Demokratie ausgerichtet. In Wirklichkeit lassen sich die Bürger von Imagekampagnen, der Behauptung von Alternativlosigkeiten etc. einfangen und wundern sich anschließend, wie andere so unmoralisch sein können ihre Interessen schamlos zu vertreten und dann ständig im Zusammenhang mit riesigen Vermögen genannt werden.
    Das Problem war doch immer, dass die Herrschenden den Klassenkampf so ernst wie irgendwas genommen haben und das Volk eben nicht. Wenn sich das ändern würde, könnte man fast von demokratischer Reife sprechen.

  5. aber worauf wollen Sie hinaus? Wozu dieser mercurialische Impetus? Sie scheinen irgendetwas zu vermissen, sagen aber nicht warum.

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  • Von Richard David Precht
  • Datum 10.9.2009 - 17:24 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 10.09.2009 Nr. 38
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  • Schlagworte Bundestagswahl | Bundestag | Gesellschaft
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