ZEITmagazin: Sind Sie ein guter Pianist?

Simon Schott: Ich bin ein guter Barpianist. Die Leute, die in den großen Hotels in London, Paris und New York spielen, die können oft nicht mal Noten lesen, aber sie bringen Emotionen in die Tasten, und es ist schwer genug, diesen internationalen Barsound hinzubekommen. In diesem Sinne bin ich ein guter Barpianist.

ZEITmagazin: Sind Ihre Emotionen mit Ihnen gealtert?

Schott: Ich habe genauso viele Gefühle wie früher.

ZEITmagazin: Sie können also auch noch zärtlich spielen?

Schott: Ja, selbstverständlich. Man muss schließlich alle Nuancen beherrschen. Ich spiele ja immer eine Geschichte, einen Roman.

ZEITmagazin: Stellen Sie sich vor, ein Paar kommt herein, und Sie merken, der Mann will die Frau verführen. Können Sie ihn musikalisch unterstützen?

Schott: Wenn er gute Absichten hat und es ehrlich meint, dann werde ich alles tun, um ein akustisches Klima zu schaffen, in dem sich beide wohlfühlen. Aber Sie wissen ja, in den Bars gibt es allen möglichen Hokuspokus.

ZEITmagazin: Improvisieren Sie eigentlich zur Situation?

Schott: Nein. Wenn ich zum Beispiel Tea For Two spiele, dann spiele ich die Geschichte eines jungen Mannes, der kein Geld hat und sich vorstellt, er hätte welches, er besäße ein Haus am Fluss, und da trinken sie gemeinsam Tee, sie sitzt auf seinem Schoß und so weiter. Und dann kommt der Satz We’ll raise a family, a boy for you, and a girl for me, can’t you see, how happy we would be, und ich muss dieses Gefühl treffen. Wer Tea For Two nur als dadadadadada spielt, der sagt nichts.

ZEITmagazin: Aber Sie haben diese Lieder schon so oft in Ihrem Leben gespielt…

Schott: Sehen Sie, das ist es. Die Lieder, die man oft gespielt hat, das sind die gefährlichsten. Da muss ich mich immer kurz sammeln, damit es ist, als ob ich es zum ersten Mal spielen würde.

ZEITmagazin: Gibt es eigentlich den Berufswunsch Barpianist, oder landet man da?

Schott: Kein Mensch will das werden. Aber man kann damit in jedem Land überleben.