Jetzt kommt es drauf an: In den nächsten vier Monaten muss Europa über seine zukünftige Rolle in der Welt entscheiden. Denn zum einen wird in diesen kommenden Wochen das Drehbuch globaler Politikgestaltung neu geschrieben, das eine Antwort auf die Finanzkrise, den Klimawandel und globale Sicherheitsbedrohungen geben soll. Zum anderen stehen die Institutionen der Europäischen Union vor einem grundlegenden Umbruch – egal, ob das irische Referendum am 2. Oktober zur Ratifizierung des Lissabonner Vertrags führt oder nicht. So oder so: Bis Januar 2010 werden wir neue Institutionen, neue Führungspersonen und, wenn man so will, ein neues Drehbuch für Europa bekommen. Werden wir auch ein progressives, einflussreiches Europa haben?

Die Finanzkrise hat das Ausmaß der globalen Abhängigkeiten sichtbar gemacht. In Europa schrumpfte die Wirtschaft um ein Prozent, und die Arbeitslosigkeit stieg um zwei Prozentpunkte. Noch viel dramatischer sind die Folgen in Asien und Afrika: In Kambodscha haben 50000 Arbeiter in der Textilindustrie – einer von sieben – ihre Stelle verloren. In Sambia wurde ein Viertel der Minenarbeiter entlassen. Insgesamt sind 100 Millionen Menschen durch die Krise wieder unter die Armutsgrenze gefallen.

"Eine globale Krise erfordert eine globale Lösung." Das haben die G20, die sich Ende September im amerikanischen Pittsburgh treffen werden, immer wieder betont. Gerade in den Bereichen der Regulierung der Finanzmärkte, der Handelspolitik und der Entwicklungspolitik hat die EU enorm viel beizutragen – schon allein, weil sie fast 60 Prozent der weltweiten Mittel für Entwicklungszusammenarbeit aufbringt.

Ähnliches gilt für die globale Schicksalsfrage des Klimawandels. Im Dezember wird sich bei der UN-Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen erweisen, ob die Regierungen dieser Herausforderung gewachsen sind. Noch immer gibt es keinen Konsens über Reduzierung von Emissionen, über Finanzierung und Technologietransfer. Schon ist die Rede davon, dass ein multilaterales Abkommen nicht machbar sei und dass China und die USA als G2 die Klimakrise lösen müssten. Einspruch! An vorderster Front bei den überlebenswichtigen Innovationen steht die EU. Sie hat ein Europäisches Emissionshandelsschema entwickelt, sie hat zugesagt, Treibhausgasemissionen bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren, und falls sich andere Industriestaaten ebenfalls zu Reduktionen bekennen, sogar um 30 Prozent. Die EU hat die Ideen und Ressourcen, um eine Einigung herbeizuführen.

Die sicherheitspolitischen Folgen politischer Untätigkeit in diesen Krisenzeiten sind inzwischen hinlänglich beschrieben: Wenn die Finanzkrise zu einer längerfristigen Rezession führt, dann werden Migration, Kriminalität und Drogenprobleme alle Staaten betreffen. Wenn die Eindämmung des Klimawandels scheitert, können ganze Länder destabilisiert werden.

Um diese großen Herausforderungen anzugehen, braucht es neue Strukturen internationaler Kooperation. Die Vereinten Nationen und die Weltbank sind wichtige Pfeiler. Aber Europa bietet besondere Vorteile. Es arbeitet, oder versucht es zumindest, auf der Grundlage gemeinsamer Werte. Es verfügt über wirtschaftliche, finanzielle, diplomatische und inzwischen auch militärische Werkzeugkästen. Es baut seine Beziehungen zu anderen Regionen auf der Basis gegenseitiger Rechenschaftspflicht auf, zum Beispiel durch die Partnerschaftsabkommen mit 79 Staaten in Afrika, der Karibik und dem Pazifik. Dadurch bietet Europa Größenvorteile und eine effizientere Grundlage für internationale Verhandlungen.

All diese Vorteile könnten in den kommenden Monaten zum Tragen kommen, denn es gibt bereits ein neues Parlament, und bis Januar wird es ein neues Führungsteam in Brüssel geben. Sollte der Lissabon-Vertrag ratifiziert werden, kommen neue Positionen hinzu: die des Präsidenten des Europäischen Rats, ein neuer und mächtigerer Hoher Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, der gleichzeitig Vizepräsident der Europäischen Kommission sein wird; und ein neuer Europäischer Auswärtiger Dienst. So viel Aufbruch war selten in den europäischen Außenbeziehungen.