Bundestagswahl Schön waren unsere Volksparteien
Nie stand es schlechter um Union und SPD. Dabei gehörten sie zur Innenausstattung der Bundesrepublik. Sieben Autoren erinnern sich.
© Sean Gallup/gettyimages

Müssen Wetterfestigkeit beweisen: CDU und SPD
Thea Dorn
In den Achtzigern durfte ich noch nicht wählen. Hätte ich wählen dürfen, hätte ich alles gewählt. Nur nicht die CDU. Warum? Weil man das als junger, sich fortschrittlich fühlender Mensch einfach nicht tat. CDU – das war der Schuldirektor, der zur Feier der ersten Griechischstunde persönlich in jede Klasse kam, über die »Sándale« (mit altgriechischer Betonung auf der ersten Silbe) rhapsodierte und dabei auf hellbraunen Lochmustersandalen wippte. CDU – das waren peinlich-laute Provinzfiguren, die Frauen hinterm Herd und Schwule im katholischen Umerziehungslager sehen wollten, oder schmallippige Machtstreber, die man im Verdacht hatte, insgeheim doch am Vierten Reich zu stricken. Die CDU hatte die Aura des Imperiums aus Krieg der Sterne. Nur dass Helmut Kohl nicht über den morbiden Sex-Appeal von Darth Vader verfügte.
Und heute? Das Imperium ist sanft geworden, weltoffen, tolerant. Aber irgendwie auch müde. Nichts in der heutigen CDU erinnert mehr an Krieg der Sterne. Eher gleicht sie der Lindenstraße. In diesem Kosmos darf jeder sein, wie er ist, keiner soll umerzogen werden, niemand wird ausgegrenzt. Manchmal beschleicht mich zwar der Verdacht, Darth Vader könnte in die Maske von Mutter Beimer geschlüpft sein. Doch selbst wenn dem so wäre, sagt dies mehr über den aktuellen Zustand von Darth Vader aus als über den der Lindenstraße.
Dass es mit der alten CDU endgültig vorbei ist, wurde mir klar, als ich vor wenigen Monaten Gast bei der Islamkonferenz war und den Bundesinnenminister – jenen Politiker also, der vor zwanzig Jahren noch als eine Art Wilhuff Tarkin (legendär aasiger Kommandant des »Todessterns«) gegolten hatte – in einer halben Stunde siebzehn Mal das Wort »Vielfalt« sagen hörte.
Aus der Kalte-Kriegs-Partei ist eine laue Friedenspartei geworden. Im Jahre 2009 gibt es keine Gründe mehr, die CDU nicht zu wählen. Viele Gründe, sie zu wählen, gibt es aber auch nicht.
Andreas Maier
Andere hatten immer ihren Dorfverein. Im Grunde verbinde ich mit der SPD, wie mit jeder der alten Parteien, in erster Linie Erinnerungen an meine Heimat. In der Grundschule hatten sich die Wetterauer Kinder stets die Köpfe eingeschlagen, wenn es auf eine Wahl zuging. Die Siebenjährigen schmierten dann mit riesigen Lettern SPD oder CDU auf den Schulhof. Da die SPD-Familien in der Überzahl waren, gingen die Prügeleien immer zugunsten der damaligen Regierungspartei aus. Andererseits konnte man schon einmal eine Ohrfeige von einem CDU-Senior bekommen (etwa im Bierzelt), wenn man nicht die Nationalhymne mitsang (was ich nie tat; sie schlugen allerdings eher die jungen Mädchen, wenn sie nicht sangen). Mir scheint, in der Wetterau (vielleicht überall, aber das wusste ich damals nicht) gab es einen bestimmten SPD-Menschenschlag. Es war immer ein Hauch Intellektualität und Interesse für Kunst, Rotwein, Pfeife und Literatur dabei, auch oft ein Ledermäntelchen, immer etwas Klassenkämpferisches und so eine Hab-Acht-Haltung im Wesen, als wollten irgendwelche anderen einen unterdrücken.
Alle waren tief berührt, wenn jemand wie Heinrich Böll oder Günter Grass zu irgendeiner Sache irgendetwas sagte. Die nannten sie dann eine moralische Instanz, und die SPD nannten sie die gute alte Tante. Da steckte für sie Wärme drin. Überhaupt glaubten sie an die Partei als an eine moralische Instanz. Dieser SPD-Menschenschlag schaffte es irgendwie, dass die CDUler gegen sie wie stumpfe, vielleicht vom Teufel verführte Wesen aussahen. Als ich sechzehn, siebzehn war, nannte ich das die »SPD-Pose«: Man mimt sich sein eigenes Bild zurecht und hat dabei seine Vorbilder (meist mit Pfeife). Man wollte auch markant und lebhaft und kraftvoll reden, man wollte Lebensfreude markieren, die Lebensfreude dessen, der die Dinge tiefer kennt. Die Lebensfreude im Ledermäntelchen und das Gesicht doch immer leicht verkniffen. Sie waren ja so unbeholfen. Und sie kannten so wenig. Und lebten, als bräche morgen, wenn nur alle so wären wie sie, endlich ein besseres Leben für alle an. Dieser Menschenschlag (über die anderen will ich hier ja nicht reden) hatte letztlich etwas unangenehm Aufgesetztes und funktionierte nur durch ein Polarisieren und Sich-Abheben von einer Gegenseite (die CDUler waren die weniger guten Mimen und hatten auch nicht so markante Vorbilder). Wenn es dermaleinst die SPD gar nicht mehr geben wird, wird sich dieser Menschenschlag bei uns zu Hause vielleicht in Nostalgievereinen zusammenfinden. Der Mensch muss eine Heimat haben. Am Ende bleibt der Dorfverein.
Uwe Tellkamp
Der Riss verlief durch die Familie. Der Großvater, in Hamburg geboren, war Prokurist im Sächsischen Serumwerk, hatte Inflation und Arbeitslosigkeit im Zuge der Weltwirtschaftskrise kennengelernt. Er wählte eisern SPD, nachdem er in den siebziger Jahren, als Rentner, zurück nach Hamburg gegangen war. Was ich erfuhr, nicht nur durch mehr oder weniger erregte Gespräche im politisch hoch interessierten und wachen Verwandtenkreis, sondern auch in der Schule: Die SPD war etwas, um das es Streit gab. Die einen liefen in Bibliotheken und brüteten erregt über den Biografien von Luxemburg und Liebknecht, die beide ursprünglich zur SPD gehört hatten, lasen Bernstein, Bebel und Kautsky, um mehr über die Rolle der SPD im und vor dem Ersten Weltkrieg zu erfahren (die unrühmliche Politik des »Burgfriedens« gegenüber Wilhelms Kriegsplänen), rieben sich die Hände und warteten mit Behagen auf die Gegen»partei« und ihre Rechtfertigungen oder Erklärungen. Die Diskussionen brandeten hin und her.
Dem Staatsbürgerkunde- und dem Geschichtslehrer bebte die Stimme, wenn er auf die SPD zu sprechen kam. Für ihn war diese Partei eine von Verrätern an der Sache der Arbeiterklasse, der Kriegstreiber, der Revisionisten. Was mich wunderte: Es gab eine CDU in der DDR, aber keine SPD; sie war, am 21./22.4.1946, mit der KPD zur SED (zwangs)vereinigt worden – der Händedruck auf dem Parteiabzeichen war der von Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl (SPD). Mich wunderte, dass der Hass vieler Kommunisten auf die SPD größer war als der auf die Bürgerlichen. Der Lehrer zerfetzte das Godesberger Programm, in dem sich die SPD von marxistischen Positionen abkehrte. Später lernte ich Genossen kennen, die das Parteiabzeichen (»Bonbon« oder »Märchenauge« genannt) trugen – und sich im Gespräch als »alte Sozialdemokraten« entpuppten, die mit Grotewohls Entscheidung noch Jahrzehnte danach haderten, um der Einheit der Linken willen und aus Disziplin aber »in der Partei« geblieben waren. Das Trauma der Spaltung – ich kannte Kommunisten und Sozialdemokraten, denen die Frage: Hat die Uneinigkeit unter uns Hitlers Herrschaft mit ermöglicht?, ein quälendes Lebensproblem war. Die SPD, ihre Geschichte und ihre Geschichten, Politik und Figuren, sorgte immer für Zündstoff in meinen Lebenskreisen – sei es Brandts und Bahrs Politik des »Wandels durch Annäherung«, die so mancher in der DDR (nicht nur ich) eher »als Wandel durch Anbiederung« zu verstehen bekam, sei es Helmut Schmidts hanseatisch nüchterner Stil, sein Pragmatismus, der weiß, weil er es erfahren hat, dass zum Frieden immer mindestens zwei gehören, seien es noble und weniger noble Bürgerrechtler, die nach 89 versuchten, ihre Vorstellungen von einer guten, gerechten Gesellschaft in und mit der (Ost-)SPD zu verwirklichen.
Sighard Neckel
Als ich etwa elf Jahre alt war, hatte ich zwei Idole: Uwe Seeler und Willy Brandt. Der eine stand dafür ein, dass man es durch harte Arbeit nicht nur im Fußball weit bringen konnte. Den anderen bewunderte ich dafür, mit einer Stimme zu sprechen, wie ich sie bis dahin noch nie gehört hatte. Beides zusammen war irgendwie SPD, auch wenn ich nicht weiß, ob Uwe Seeler tatsächlich ihr Parteigänger war. Für einen kurzen historischen Moment stellte die SPD jene »linke Volkspartei« dar, die sie immer sein wollte. Als soziale Basis verfügte sie über den Aufstiegswillen der Arbeiterschaft. Mit ihrem Reformenthusiasmus und der neuen Ostpolitik besaß sie eine politische Mission, in Willy Brandt einen zwar umstrittenen, doch herausragenden Parteivorsitzenden. Begünstigt wurden die Sozialdemokraten von einem Lebensgefühl. Die jungen Lehrer standen aufseiten der Partei, auch in der niedersächsischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin und die zahlreiche alte Nazis am örtlichen Gymnasium kannte.
Vierzig Jahre später ist die gesellschaftliche Konstellation, welche die SPD ein paar Jahre lang zur Volkspartei machte, längst zerfallen. Ihre Mitgliederschaft schrumpfte nicht weniger als die Arbeiterschaft insgesamt erodierte. Die working class heroes des Fußballs gibt es zwar immer noch. Sie heißen heute Mesut Özil oder Hamit Altintop, deren Herkunftsmilieus nie recht in die Sozialdemokratie integriert wurden. Auch die jungen Lehrer sind älter geworden und zu den Grünen weitergewandert. Die Partei verlor zunehmend den Anknüpfungspunkt an bestimmte soziale Interessen. Damit ging ein Substanzverlust der Programmatik einher, der in der Profillosigkeit rasch wechselnder Parteiführer einen personellen Niederschlag fand. Nicht nur das: Welche Musik ist sozialdemokratisch? Bushido? Rosenstolz? Keine Ahnung. Der »Volkspartei« sollte man keine Träne nachweinen. Daraus ist ein Begriff des politischen Marketings geworden, um Wahlkampagnen effektvoller arrangieren zu können. Vielleicht sollte die SPD einfach eine Partei von Sozialdemokraten sein.
Martin Walser
Hegel sagte, alles Wirkliche sei vernünftig. Ins Realistische trivialisiert, heißt das: Alles, was passiert, hat einen Grund. Die beiden großen Parteien haben zurzeit zu leiden. Gewisse Medienmenschen, die nichts Negatives ohne Genugtuung mitteilen können, sprechen von schrumpfen. Ein halbes Jahrhundert lang war es schön und bequem, zwei Parteien zuzuschauen, die einander immer ähnlicher, und so auch vertrauenswürdiger wurden. Sie trieben einander die Ideologie aus und nötigten einander zur Sachlichkeit. Sie schaukelten uns bequem durch die Jahrzehnte. Und dann brachten sie es auch noch fertig, miteinander zu streiten, als seien sie erbitterte Gegner. Das hat uns immer gut unterhalten. Rainer Barzel – Helmut Schmidt! Weißt du noch?! Lauter Duelle der Gefahrlosigkeit. Wenn der Unterhaltungswert sank, haben die Medien Dampf gemacht. Wie bei einem Boxkampf, wenn die Zuschauer pfeifen, sobald sie glauben, die beiden Boxer schlügen allmählich nur noch zum Schein aufeinander ein. In manchen Wahljahren wurde das Klischee »Politikverdrossenheit« gehisst, weil offenbar nicht erkannt werden darf, dass unsere zwei Volksparteien das Wählen nicht mehr soo wichtig erscheinen lassen. Das heißt: In einer richtigen Demokratie kann man auch durch Nichtwählen wählen. Das ist doch das Fabelhafte der Demokratie, dass sie uns nicht zu den Wahlurnen treibt wie irgendeine finstere 99,9-Prozent-Diktatur. Man wird politisch tätig durch Untätigkeit.
So war das, als die Zweisamkeit unserer Volksparteien uns das Jasagen ohne Aber gestattete. Die längst schrottreifen Signalwörter »links« und »rechts« hatten ausgedient. Wer von den Platzanweisern je mit diesen Etiketten behaftet wurde, also weiß, was für Wortschrott das ist, der ist der gloriosen Zweisamkeit unserer Großen von Herzen dankbar für diese historische Leistung, die man von der auf Wiederkäuen reduzierten Politikwissenschaft vergeblich erhoffte.
Ich hatte bald genug den Eindruck, die öffentlich gegeneinander Streitenden gingen, sobald die Kameras ausgeschaltet waren, gemütlich miteinander essen und trinken. Es war nicht so wichtig, ob einer für die CDU oder für die SPD »kämpfte«, wichtig war, in welchem Hotel man wohnte, was für Weine man sich leisten konnte.
So war das. Und das war wunderbar. Politik wurde zu einem katastrophenfreien Realtheater. Es gibt Wichtigeres, wenn man sich darauf verlassen kann, dass die keine Gesetze machen, die uns wehtun oder uns arm machen. Darauf war Verlass.
Unverzichtbar war, dass die beiden Volksparteien Persönlichkeiten hervorbrachten, die wichtiger waren als die Programme. Die Bilder und Leistungen dieser Persönlichkeiten sind historisch, also unvergesslich: Adenauer beim Staatsbesuch von de Gaulle, Willy Brandt kniet an der Ghettogedenkstätte in Warschau, Helmut Schmidt und Erich Honecker in Güstrow, Helmut Kohl bei Gorbatschow in Moskau, und am 3. Oktober 1990 Kohl, Genscher, Brandt und de Maizière auf der Tribüne vor dem Reichstagsgebäude. Sie haben die Einheit geschafft. Miteinander!
Dann kamen also die unruhigen Grünen, dann wurde die FDP lebendiger, und jetzt auch noch Die Linke. Wir hatten doch immer meinungsfromm mit dem Kopf genickt, wenn unsere zwei an das katastrophenträchtige Vielparteienparlament der zwanziger Jahre erinnerten. Und jetzt haben wir plötzlich fünf oder sechs infrage kommende Parteien. Während wir mit Wichtigerem, nämlich mit uns selbst beschäftigt waren, haben irgendwelche Polit-Talente sich entwickelt und schmerzliche Angriffe gegen die schöne Zweisamkeit der Volksparteien angezettelt. Und das mit Erfolg. Nicht mit wirklichem, praktisch-politischem Erfolg, aber mit Wahl- und Umfragenerfolg.
Natürlich reden diese Temperaments-Talente Sachen daher, an deren Realisierbarkeit sie sicher selber nicht glauben. Aber wir, das unterhaltungsbedürftige Volk, wir hören’s gern und spenden Stimmen.
Das ist im Theater oft genauso. Da spielen Faust und Mephisto ihre Rollen so exzentrisch, dass man merkt, der Goethe-Text selber bedeutet ihnen nichts mehr, sie wollen sich aufführen, und dazu dient ihnen dann eben der Goethe-Text. Es kommt nur noch darauf an, verrückt, das heißt interessant zu sein. Genauso auf der Politik-Bühne.
Und das mit einem Rhetorikschaum vor dem Mund, der effektvoll changiert zwischen rosarot und giftig schwarz. Die beiden Großen sehen’s und verstecken sich in ihrer Seriosität, oder sie imitieren die Rhetorik derer, die nicht damit rechnen müssen, je an ihre Versprechungen erinnert werden zu können.
Da wären nun die Medien gefragt.
Anstatt allabendlich »mehr Leidenschaft, mehr Emotionen« zu fordern und anstatt auch noch die Politiker zu fragen, »wie etwas Schwung in den Wahlkampf kommen könnte«, sollten sie, müssten sie den beiden Großen zurufen: »Eure Zeit ist nicht vorbei, bloß weil ihr keine bombastischen Töne spuckt!«
Wir sind nie besser regiert worden als durch die Zweisamkeit der beiden Volksparteien. Wer jetzt EINE Partei bevorzugt, gibt zu, dass er für ungebremste Machtausübung ist. Nur die SPD oder nur die CDU, das riecht nach Ideologie.
Der Unterschied zwischen einer Regierungspartei und der gehabten Zweisamkeit, das ist der Unterschied zwischen einer Nationalhymne und einer Bruckner-Symphonie. Steinbrück und zu Guttenberg! Und wem das zu seriös, zu sachlich, zu langweilig ist, bitte, es gibt ja noch Tatort und die Bundesliga.
Aber es gibt auch noch Angela Merkel.
Aufgeregtheit, Panik, Leidenschaft oder Emotion, ohne sie! Sie wirkt inzwischen wie ein Best of CDU plus SPD, also das leibhaftige Kontinuum unserer neueren geglückten Politikgeschichte. Und wenn sie ihre charmante Melancholie auch noch gegen den Krieg einsetzt, wird sie sofort unsterblich.
Ulla Hahn
Kürzlich ging ich einen gewohnten Weg in meiner Nachbarschaft und stutzte voller Trauer: Eine schöne alte Eiche war gefällt worden. Der Baumstumpf zeigte einen dunkelbraunen, weichen Kern: Was gestern noch kräftig und gesund erschien, war über Nacht verschwunden, und der neue, freie Blick würde erst über längere Zeit wieder vertraut werden.
Die SPD hat mich mein ganzes politisches Leben begleitet. Sie war immer da, zuverlässig, immer am selben Platz. »Schick dein Kind länger auf bessere Schulen!«, dieser Slogan aus den sechziger Jahren war auch für meine Schullaufbahn mitentscheidend. Später hat mich, wie so viele, Willy Brandt begeistert. Im Ganzen allerdings fand ich die SPD meist zu wenig entschieden, zu abgewogen und unentschlossen zwischen ihren großen Traditionen und einer veränderten Zeit.
Natürlich würde sie mir fehlen, die alte SPD. Nicht nur, weil ich so gewöhnt daran bin, dass es sie gibt. Sie würde mir auch fehlen als eine Mauer (jedenfalls bis jetzt) zwischen einer populistischen Linken und einer Wählerschaft, die für derartige Versuchungen anfällig ist.
Die SPD leidet an der Spaltung des »linken« Flügels der Gesellschaft, zwischen Grünen und der SED/PDS-Nachfolgepartei. Wird sie sich halten können? Es gibt ja große Parteien, die untergegangen sind: die Democrazia Cristiana in Italien zum Beispiel.
Georg M. Oswald
Seit sechsundvierzig Jahren weile ich auf diesem Planeten, und so lange und noch länger wird das Bundesland, in dem ich lebe, Bayern, von der Union regiert. Gerade als einstmals junger Mensch hatte ich mir gewünscht, es könnte wenigstens die theoretische Aussicht auf die Möglichkeit eines Wechsels bestehen. Doch schon wer sich zu einer derart harmlosen, eigentlich nur neugierigen Regung bekannte, war als Regimekritiker entlarvt. Ich sage »war«, denn das, was vergangenes Jahr geschah, kam tatsächlich einer Revolution gleich. Die Union verlor die absolute Mehrheit. Eine Revolution in diesem Sinn bedeutet selbstverständlich nicht den Wechsel der Regierung. Nach wie vor stellt die Union den Ministerpräsidenten und besetzt alle wesentlichen Positionen. Von den sechzig vergangenen Jahren Bundesrepublik regierten vierzig Jahre lang Kanzler der Union. Von meinem 17. bis zu meinem 33. Geburtstag hatte Helmut Kohl die Richtlinienkompetenz. Kann es da verwundern, dass mir das Wort »Union« immer als Synonym für »herrschende Verhältnisse« erschien? Politische Durchsetzungsfähigkeit und ein erstaunliches Gespür für das Machbare einerseits, übergewichtiges Gedröhn andererseits. Stellte man sich die Parteien als Familie vor, wäre die Union der Herr Papa, den die Sorge ums Geschäft umtreibt und der deshalb manchmal wenig Sinn dafür hat, sich die Spinnereien von Frau (SPD) und Kindern (GRÜN die Tochter, FDP der Sohn) anzuhören. Für mich stand die Union stets für die unbestreitbaren Vorzüge des Materiellen. Ebenso aber für pompöse Selbstgefälligkeit. In dieser Hinsicht waren die letzten beiden Kanzler atypisch: Schröders Gepolter hatte zweifellos Unions-Format, Merkels Taktsicherheit hingegen ist manchen ihrer Parteikollegen so wenig geheuer, dass sie sie mit Führungsschwäche verwechseln.
- Datum 13.09.2009 - 10:03 Uhr
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Es ist seltsam. Da lebte man Jahrzehnte lang mit den Volksparteien, und empfand es als selbstverständlich, und nun da sich das Parteienspektrum wandelt, muss man erkennen, dass diese Normalität nur einer historischen Ausnahmesituation geschuldet war. Ohne Krieg, Kriegsfolgen (inklusive Teilung) und Nazivergangenheit hätte es in der beginnenden Bundesrepublik nicht jene zentripetalen Kräfte gegeben, die die Volksparteien formten. Nun lässt die Bindung dieser Kräfte nach, und wir sind wieder in der Realität einer sich differenzierenden, teilweise zentrifugalen, Gesellschaft angekommen, welche sich auch in der Parteienlandschaft widerspiegelt.
ich muss zugeben, ich weiß nicht viel von dem Mann. Den Namen habe ich oft gehört und assoziiere ihn mit Schriftstellertum. Nach dem Lesen seiner Meinung zu Demokratie werde ich auch darauf verzichten bei Wikipedia nachzuschauen.
So einen, entschuldigung, "Mist" habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Also, es ist alles gut mit den zwei Parteien, alles läuft prima, sie werden sich immer ähnlicher, also braucht man nicht mehr wählen und das ist gut so. Naja, Krieg, das ist vielleicht nicht so toll, da könnte Angie noch was dran machen, naja, aber ansonsten, wie gesagt, alles prima, die anderen sind Demagogen, nur Angie und Co., die sind Realisten und machen das schon. Wer das nicht erkennt, sollte Bundesliga oder Tatort schauen, also wer das nicht erkennt, der ist nicht so besonders schlau.
Interessant ist, dass solch eine wirklich schlaffe und charakterlose Haltung, würde auch sagen, entschuldigung, dumme Haltung, geziert wird mit Namen wie Hegel und Goethe, um dem Ganzen einen intellektuellen Touch zu geben. Vielleicht sollte Herr Walser nicht nur Goethe und Hegel lesen, sondern auch mal aus dem Haus gehen und sehen wie die Welt sich *jetzt* dreht.
Gebe Ihnen völlig Recht. Leider sind die "politischen" Beiträge Walsers nur noch im höchsten Grade peinlich. Fast schon tragisch, wenn sich ein einstmals nicht uninteressanter Schriftsteller so zum Gespött macht.
Gebe Ihnen völlig Recht. Leider sind die "politischen" Beiträge Walsers nur noch im höchsten Grade peinlich. Fast schon tragisch, wenn sich ein einstmals nicht uninteressanter Schriftsteller so zum Gespött macht.
Hoffen wir, das Walser recht hat, und die "Großen" es tatsächlich auf Dauer nicht nötig haben, die irgendwann verklingenden Lieder der "Kleinen" zu singen.
In den Aufbaujahren war die Stimmung im Land geprägt von Menschen, die ein großes und ein gemeinsames Ziel hatten, bis die ersten die Erträge für sich beanspruchten und die ersten Gräben durch das Land zogen. Für Belohnungen der Benachteiligten war noch genug übrig und so konnte trotz einer immer weiter klaffenden Schere allgemeiner Wohlstand zelebriert werden, den es so nie wirklich gab.
Die Grundlage dafür wäre eine wirklich gerechte Verteilung gewesen, abgesichert durch wirklich demokratische "Verkehrsregeln". So blieb es bei dem "als ob" während die Stacheln der Selbstbereicherung sich immer deutlicher durch einen Vorhang drängten, der jetzt kaum mehr etwas verbergen kann.
Die Angst vor einer demokratischen Weiterentwicklung steht den momentan Herrschenden buchstäblich ins Gesicht geschrieben und sie schreien Revolution, wenn ihre Privilegien in Gefahr sind.
Wir werden den hier genährten Angstphantasien den Boden entziehen und eine wesentlich effektivere Voraussetzung für diese Jahrhundertaufgabe schaffen, wenn wir die Demokratie wagen, wie sie die großen Vertreter der SPD und anderer Parteien, wie Brandt, vor langer Zeit zurecht gefordert haben.
Die Egozentrik hat die Kraft in den Parteien neutralisiert, die sie für ernst zunehmende Schritte in eine bessere Zukunft bruachen. Mit diesem kurzsichtigen "Weiter so" erhöhen wir nur noch ständig die Schuldenlast für die nachfolgenden Generationen.
Gebe Ihnen völlig Recht. Leider sind die "politischen" Beiträge Walsers nur noch im höchsten Grade peinlich. Fast schon tragisch, wenn sich ein einstmals nicht uninteressanter Schriftsteller so zum Gespött macht.
Ich behaupte, Martin Walser ist nur populär, weil er den deutschen Nationalismus predigt. Nur deshalb. Denn wer findet so was schon schön:
„Percys Thema ist insofern er selber, als seine Mutter ihm vermittelt hat, daß zu seiner Zeugung kein Mann nötig war. Das will er, das soll er, das muß er glauben. Kann er es auch?“
http://www.titanic-magazi...
Noch sind sie da - und es spricht nichts dagegen, dass sie auch in zwanzig Jahren noch konkurrieren. Die Abgesänge haben etwas von selbsterfüllenden Prophezeiungen.
Das derzeitige Sechs-Parteien-Parlament (Sieben-, wenn man Jörg Tauss dazuzählt), wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach weiter zersplittern. Die Grünen sind nicht mehr die Grünen ihrer Gründungszeit, sondern erobern Klientels, die ehemals sozialdemokratisch waren. Es ist kein Zufall, dass SPD und Grüne sehr ähnliche Wahlprogramme schreiben. Die Partei "Die Linke" steht im Wettbewerb zur SPD und zu den Grünen, und zumindest auf Landesebene, wo die Zuständigkeiten und Themen es zulassen, haben sie sehr ähnliche Wahlprogramme wie die Rot-Grünen. Die FDP sammelt diejenigen auf, denen die CDU/CSU zu wässrig wird (in der Wirtschaftspolitik) oder zu konservativ bleibt (bei gesellschaftspolitischen Themen).
Ob die kleinen Parteien diese Wählerbindungen in einer Zeit behaupten können, in dem die Menschen solche Bindungen kaum noch eingehen, wird sich erst zeigen. Und die Partei "Die Linke" kann sich genausogut noch zu einem Grünen-Klon reformieren und erneut Raum für eine Partei radikaler Spinner schaffen.
SPD und CDU/CSU werden nicht verschwinden. Aber die Profiteure müssen auf lange Sicht gesehen nicht drei kleine Parteien sein - wenn der Trend zu Partikularinteressen-Parteien anhält, können es auch zehn kleine Profiteure sein.
Ja, unsere Volksparteien waren wirklich schön.
Es lief ganz gut bis zu dem Tag, als die "Volksvertreter" gemerkt haben, dass sie ihr Volk garnicht vertreten müssen.
So kam es dann, dass z.B. von der SPD die Arbeitnehmerrechte beschnitten wurden und statt angepriesener 0% Steuererhöhung direkt erstmal 3% Mehrwertsteuer als Wahlgeschenk zustande kamen.
Eigenartig, dass für "notleidende" Kreditinstitute mal eben Milliarden aufgebracht werden, während für Studenten, HartzIV Empfänger usw. kein Geld mehr da ist.
Aber als Dank für die Bankenrettung haben die Banken ja direkt erstmal die niedrigen Zinsen nicht an die Kunden weitergegeben. Und das ganze mal wieder mit offensichtlicher Billigung der Volksparteien.
Die Volksparteien vertreten nur die Interessen eines Volkes - der Politiker.
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