Patriotismus Der Tag der falschen Helden

Tirol feiert den 200. Jahrestag der Erhebung gegen Napoleon. Für rechte Patrioten ist der Festumzug die Bühne zur Glorifizierung des blutigen Südtiroler Befreiungskampfes.

Am Sonntag feiert sich der Tiroler Heimatstolz in seiner ganzen Pracht. 26.000 Schützen aus dem gesamten Alpenraum werden in ihren grünen, grauen und roten Filzjacken, den samtig schimmernden Lederhosen und polierten Stiefeln durch Innsbruck paradieren, um den 200. Jahrestag der Erhebung gegen die bayerischen Besatzer zu feiern.

Ein Wirgefühl wird durch die Straßen wehen und den Geist des großen Volkshelden Andreas Hofer heraufbeschwören, jenes Partisanenführers von 1809, der seine Landsleute in den Befreiungskampf führte. Ihm zu Ehren marschieren die Schützen mit geschulterten Karabinern von der Triumphpforte am Ende der Maria-Theresien-Straße durch die Stadt bis zur Messehalle, wo das Land jedem Teilnehmer ein Gulasch und zwei Bier spendiert. Vorneweg schreitet eine Handvoll Bärtiger, auf deren Schultern eine mächtige, rosenbekränzte Dornenkrone aus Stahl ruht, die von jenem Schmerz künden soll, der angeblich seit 1918, dem Jahr der Teilung Tirols, auf der Volksseele lastet. Ein Symbol für jene, die noch immer in der Glorifizierung des Ewiggestrigen ihr Heil suchen. Das offizielle Österreich scheint damit kein Problem zu haben: Kanzler Werner Faymann sagte seine Teilnahme zwar zuerst ab, dann aber zu. Bundespräsident Heinz Fischer äußerte Bedenken, wird aber ebenfalls auf der Ehrentribüne sitzen. Die politische Rechte ist selbstverständlich prominent vertreten: Der dritte Nationalratspräsident Martin Graf und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache beehren die Feier mit ihrer Anwesenheit.

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Wie bei jedem Schützenumzug wird sich die Tiroler Landesspitze hüten, die beliebten Mythen anzukratzen. Ein Mythos verklärt Andreas Hofer. Der andere betrifft die Legende rund um jene Männer, welche die Befreiung Südtirols vom »italienischen Joch« herbeibomben wollten: eine Bewegung, die 1959 die 150-Jahr-Feiern des Tiroler Aufstands zum Anlass nahm, um eine Truppe aufzubauen, die Waffen und Sprengstoff nach Südtirol schmuggelte. Das Aufrüsten des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) gipfelte am 12. Juni 1961 in der sogenannten Feuernacht, in der 40 Strommasten gesprengt wurden. Ihr Ziel verfehlte die Terrorwelle hingegen. Die Bozener Industriezone wurde nicht lahmgelegt. Auch die erhoffte Volkserhebung blieb aus. Niemand wollte Krieg.

Das Bild von heldenhaften Kämpfern, die im Volksmund verharmlosend zu »Bumsern« verklärt wurden, hielt sich aber zäh. Viele wollen noch immer nicht wahrhaben, was diese Wirrköpfe tatsächlich waren: Terroristen. Auch die Landespolitik kann sich zu dieser Definition nicht durchringen. Brave Tiroler auf einer Stufe mit den Radikalen der irischen IRA oder der baskischen Eta? Niemals. Stattdessen dürfen sich die Bumser als »Freiheitskämpfer« stilisieren: Schließlich seien sie es gewesen, die mit ihren Anschlägen die italienische Regierung gezwungen hätten, Südtirol mehr Eigenständigkeit zuzugestehen. Ein sowohl einfaches als auch falsches Geschichtsbild. Der Innsbrucker Historiker Rolf Steininger entlarvte diesen bizarren Mythos: Nicht der Bombenterror, sondern ein Wandel in Italiens Innenpolitik ebnete den Weg zu einer umfassenden Autonomie. Steiningers Fazit: »Südtiroler Autonomie nicht wegen, sondern trotz der Bomben der 1960er«.

Eine Mischung aus Prahlern und Neonazis

Doch mehr Autonomie galt den Bumsern bestenfalls als ein Nebenziel. Sie wollten nichts weniger als die Loslösung Südtirols von Italien erkämpfen. Ein Streit um die Wahl der Mittel führte die Bewegung bald an den Rand der Spaltung, denn die ideologische Bandbreite der Truppe reichte von Desperados über Bauernburschen bis hin zu Neonazis. Die einen wollten den »Walschen«, wie die Italiener genannt wurden, einfach nur zeigen, wer im Alpenland die Lederhosen anhat. Die anderen sahen in ihrem Kampf eine Etappe auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Ziel: dem Befreiungskrieg.

In einem Punkt unterschied sich der Befreiungsausschuss Südtirol jedoch gravierend von anderen Separatisten wie der frühen IRA oder Eta: in der laxen Geheimhaltung. In weinseliger Laune wurde da lautstark am Stammtisch geprahlt. Sogar Mitgliederlisten führte man – die bald beim italienischen Geheimdienst landeten. Kurz nach der Feuernacht flog die Gründergeneration rund um den Obstbauern Sepp Kerschbaumer auf. Insgesamt 35 BAS-Mitglieder wurden vor einem Mailänder Gericht schuldig gesprochen. Dieses Scheitern ebnete den Weg für eine zweite Generation, die rund um den Neonazi Norbert Burger den Kampf radikalisierte. 14 Menschen sollten dem Konflikt zum Opfer fallen. Erst Ende der Achtziger, nach über 300 Anschlägen, verebbte der Südtirol-Terrorismus. Doch beendet ist der Kampf um die Heimat auch heute nicht. Mittlerweile haben die Bumser und ihre Nachfolger Sprengfallen und Bomben gegen neue Waffen eingetauscht: Computer, E-Mail und Internetforen. Vorangetrieben wird der neue »Befreiungskampf« vom Südtiroler Heimatbund, einem Sammelbecken der deutschsprachigen Rechten, die sich als »völkischer Schutzwall« versteht. Nachwuchsarbeit wird in jenen Südtiroler Schützenvereinen betrieben, die – im Gegensatz zu den zahmeren Nordtiroler Waffenbrüdern – nie eine klare Trennlinie zum Nationalsozialismus fanden. Das ideologische Unterfutter liefert der Nürnberger »Buchdienst Südtirol« von Elke Kienesberger, Ehefrau des in Italien verurteilten Südtirol-Kämpfers Peter Kienesberger, der Werke wie Große Deutsche Männer oder Helden in Tirol verlegt. Alle eint der Hass auf die italienischen »Besatzer«.

Wer herausfinden will, was den Tiroler vom Walschen unterscheidet, den führt der Weg zu einem Bauernhof oberhalb von Meran. Hier lebt zwischen Vernatsch-Reben und Apfelbäumen Sepp Mitterhofer, der Obmann des Heimatbundes. Ein hagerer Mittsiebziger in blauer Winzerschürze, dessen glasig-blauen Augen die Geschichte seiner Enttäuschung schneller zu erzählen wissen als sein gemächlicher Redefluss. In der Feuernacht wollte er zwei Masten sprengen. Und scheiterte. In den Sechzigern saß er mehrere Jahre im Gefängnis. Heute ziert ein »Los von Rom!« - Sticker sein Telefon. Nach seinem Verhältnis zu den Italienern gefragt, sagt Mitterhofer, er habe nichts gegen »die Walschen« – nur seien sie jenseits von Salurn, dem südlichsten Dorf Südtirols, »besser aufgehoben«. Sorgen bereiten ihm vielmehr jene Tiroler, die Italienerinnen heiraten. Kinder aus Mischehen würden dazu neigen, vom Italienischen beeinflusst zu werden, klagt er. In einer Proklamation fand der Heimatbund in den Achtzigern deutlichere Worte: Durch diese Ehen würde »unsere Volkssubstanz zersetzt und unserem Volkskörper ein nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt«.

Mitterhofer gehörte zu den Ersten, die sich in den späten Fünfzigern einem Vorläufer des Befreiungsausschusses Südtirol anschlossen. Kopf der Bewegung war der tief religiöse Obstbauer Sepp Kerschbaumer aus Frangart, einem Dorf am Bozener Stadtrand. Als gerade einmal 20-Jähriger hatte er erlebt, wie dem österreichische Ständestaat von 1933 an das Bündnis mit Diktator Benito Mussolini wichtiger war als die Sache der Südtiroler. Er musste zusehen, wie wenig später Adolf Hitler der deutschsprachigen Bevölkerung statt der Wiedervereinigung nur eine Option zum Aussiedeln bescherte. Er erlebte, wie nach dem Einmarsch der Deutschen 1943 die Nazis über das Land herfielen. Und er verzweifelte, als sich 1946 die kurze Hoffnung auf eine Wiedervereinigung als weltfremde Illusion entpuppte. Sepp Kerschbaumer fand auf diese Niederlagen und auf die Italianisierung seiner Heimat nur eine Antwort: den bewaffneten Kampf. Wie überhaupt der Befreiungsausschuss Südtirol nie eine politische Lösung anstrebte. »Im BAS«, meint Politikwissenschafter Günther Pallaver von der Universität Innsbruck, »spielte Demokratie nie wirklich eine Rolle.«

Die Kriegstreiber in den Reihen des Befreiungsausschusses saßen nördlich des Brenners. In Innsbrucker Kaffeehäusern wurde da der Aufstand organisiert. Wortgewaltiger Anführer war der Obmann des Bergisel-Bunds, Eduard Widmoser. Sein Spitzname: Kampfmoser. Der Journalist Wolfgang Pfaundler war das Hirn des »Befreiungskrieges«. Mit einem Lächeln berichtete der heute 85-Jährige über seine Pläne, Tanklaster von den Bergen herab mit Raketen zu beschießen. Er selbst machte sich nie die Hände an Strommasten schmutzig.

Die Terroristen von damals sind heute Stützen der Tiroler Gesellschaft

Ende der Fünfziger trat der Aktivist sogar in Kontakt mit dem Wiener Zeitungszaren Fritz Molden, der den BAS finanzierte. Doch 1960 überwarf sich Molden mit den radikalen Rechten. Kurz darauf sagte sich Pfaundler vom bewaffneten Kampf los und widmete sich – obwohl von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt – seiner Arbeit als Dozent für Volkskunde.

Der Exterrorist ist nicht der Einzige, dessen Wirken im »Freiheitskampf« von der Tiroler Politik nicht gerade bestraft wurde: Der von 1963 bis 1987 amtierende Landeshauptmann Eduard Wallnöfer, ein gebürtiger Südtiroler, hielt vielmehr die Hand über die Kämpen. Heinrich Klier, einst Kontaktmann zwischen Bürgerlichen und Rechten, durfte nach Jahren des »Exils« in München den Stubaier Gletscher mit Skiliften erschließen. Der Südtiroler Ex-Bumser Sepp Forer, heute Hotelier, erzählt bereitwillig, wie ihm Wallnöfer zu einem zinslosen Darlehen in der Höhe von 50000 Schilling verholfen habe. »Gib dem Buam a Geld«, befahl der schwergewichtige Landesvater einer verdutzten Beamtin.

Heute ist die offene Unterstützung durch die Tiroler Landespolitik einer freundlichen Tolerierung der »patriotischen Kräfte« gewichen. Endlose Diskussionen im Vorfeld des Festzugs, ob die stählerne Dornenkrone, eines der wichtigsten Symbole des »Befreiungskampfes«, den Umzug anführen soll, zeigen jedoch, dass sich mittlerweile auch bei den Tirolern Unbehagen breitgemacht hat. Doch der Umgang mit einem zum Mythos verklärten Terrorismus will nicht so recht gelingen. Weit ist das »Heilige Land« von einer Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit entfernt. Bis dahin feiert man in Tirol mit Pomp seine falschen Helden. Gemeinsam, in Tracht, bei Gulasch und zwei Bier.

Der Autor arbeitet als Journalist in Innsbruck. Er hat die Studie »Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht« im Studien Verlag veröffentlicht

 
Leser-Kommentare
  1. Leider ist dieser Artikel alles andere als Objektiv verfasst.
    Der Festumzug am Samstag hat mit den Geschehnissen rund um die Feuernacht in Südtirol rein gar nichts zu tun, und auch die Italien kritische Haltung der Schützen bezieht sich auf eine erhoffte bessere Zukunft für Südtirol ohne Italien.

    Im Artikel wird z.B. berichtet, dass Mitgliederlisten des BAS gefunden wurden, was nicht der Realität entspricht. Viel mehr wurden einzelne Mitglieder verhaftet und Brutal gefoltert um so die Namen weiterer Mitglieder zu erfahren. (Zwei davon starben sogar an den direkten Folgen der Folterungen).

    Im Artikel werden die Historiker Steininger und Pallaver angeführt, welchen Meinungen zur Thematik selbst unter Linksalternativen Historikern (z.B. Hanns Heiss) widersprochen wird. Zeitgenossen die damals direkt mit den Geschehnissen involviert waren, bestätigen einhellig, dass die Anschläge auf italienischen Einrichtungen nicht zum Nachteil der Südtirol Autonomie waren, im Gegenteil. Dies wird übrigens auch ausschließlich von ALLEN Historikern, bis auf die zwei besagten Herren so bestätigt.

    Südtirol hat ein Rech auf Selbstbestimmung, dies muss vor allem in einen modernen vereinten Europa anerkannt werden.

    • tomcar
    • 18.09.2009 um 16:58 Uhr

    davon kann wohl keine rede sein. selbst aktivisten der ersten generation sagen inzwischen, der widerstand sei kontraproduktiv gewesen, habe der svp die möglichkeit genommen, auf verhandlungswege mehr zu erreichen. und auch davon zu sprechen ALLE historiker, bis auf steiniger und pallaver sagen das selbe ist einfach nur falsch.

    was stimmt ist, dass die geschehnisse von 1809 rein gar nichts mit den der feuernacht zu tun haben. doch dann frage ich mich, warum zu diesem anlass die teilnehmer an diesem festumzug, die politik, die traditionsverbände immer diese verknüpfung herstellen. und warum sich genau zu diesem umzug menschen wie graf zu wort melden, die genau dann eine volksabstimmung fordern und die tatsachen negieren.

  2. Das Wort Terrorist kommt vom lateinischen "terror" = Schrecken. Da laut damaligen Umfragen 86 Prozent der Süd-Tiroler die Attentate gegen den italienischen Staat begrüßten und sich dadurch gegen die italienische Polizeiwillkür verteidigt fühlten, kann von Schrecken und damit von Terrorismus wohl keine Rede sein. Auch das Wort "blutig" ist zu relativieren. Die 14 Toten, die man den Freiheitskämpfern ihn die Schuhe schiebt, ohne in den meisten Fällen überhaupt ein Gerichtsverfahren durchgeführt zu haben, sind großteils auf Unfälle, Eifersuchtstaten und Geheimdienstaktivitäten zurückzuführen. Die überwiegende Mehrheit der Historiker und vor allem auch der beteiligten Politiker (ganz besonders Silvius Magnago, der den Freiheitskämpfern öfters öffentlich gedankt hat) ist der Meinung, dass es die Süd-Tirol-Autonomie ohne Attentate nicht geben würde. Dies alles erklärt das hohe Ansehen, das die Freiheitskämpfer bis heute in ganz Tirol genießen und das sich beim Landesfestumzug in Innsbruck in einem tosenden Applaus der 80.000 Zuschauer für die Freiheitskämpfer gezeigt hat.

  3. Als Südtiroler empfinde ich Ihren Artikel als geschichtsverfälschend und beleidigend gegenüber allen Südtirolern, welche die schwere zeit seit 1918 bis zu den 60er Jahren miterlebt haben. Sie gehen mit keinem Wort auf die Repressalien, so zB. den Mord auf den Marlinger Lehrer während eines Trachtenumzuges durch faschistische Schläger, das heute noch bestehende Fascho-Siegesdenkmal, usw. ein.
    Es ist naheliegend, dass Sie auch die bestialischen Folterungen und Verurteilungen ohne Prozess gutheißen.
    Ich fordere Sie auf, Ihr Bild des Staates Italien in Südtirol zu korrigieren, und in Zukunft eine weniger oberflächliche Berichterstattung zu betreiben.
    Ich empfehle Ihnen das Buch: Schändung der Menschenrechte in Südtirol, und bitte teilen Sie mir mit, ob Sie danach noch gut schlafen können.
    Obstbauer

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