Adenauerzeit (Teil 1) Lieb Abendland, magst ruhig sein
Die Ära Adenauer steht für die große Restauration, für eine frömmelnde »Rückbesinnung« auf Christentum und Humanismus. Und doch begann damals, wie gerade der Streit um Schule und Erziehung zeigt, der Weg in eine moderne, selbstbewusste Republik
Es ist ein ernüchternder, enttäuschender Auftakt: Als Konrad Adenauer, fünf Tage nach seiner Wahl zum Bundeskanzler, am 20.September 1949 in Bonn vor den Bundestag tritt, wirkt er »etwas matt und geschäftsmäßig«, wie die Süddeutsche Zeitung urteilt.
Auch die ZEIT reagiert eher herb: Die Regierungserklärung sei »mehr eine zuversichtliche Rundreise durch die Probleme als ein greifbares Programm« gewesen. Immerhin – der Ton, in dem der Kanzler das Ausland um Vertrauen bat, hatte etwas Beruhigendes nach all dem deutschen Gebrüll und Gebell der vorangegangenen tausend Jahre.
Am Schluss seiner Rede hatte Adenauer das geistige Fundament seiner Kanzlerschaft erläutert. »Unsere ganze Arbeit«, bekannte er nicht ohne einen Anflug von Pathos, »wird getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und vor der Würde des Menschen. Wir hoffen – das ist unser Ziel –, daß es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt.«
Die »christlich-abendländische Kultur«, auf die sich Adenauer und konservative Politiker in den frühen fünfziger Jahren beriefen, entstammte einem Ideengemisch, das seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hatte und eine historische Einheit von Antike, Christentum und Abendland, von Religion, Kultur und Bildung beschwor. Dieser christliche Humanismus erhob sich in der »Stunde null« selbstbewusst aus den Trümmern der deutschen Geschichte und nahm für sich in Anspruch, nicht vom »Ungeist« des Nationalsozialismus infiziert worden zu sein.
Aus diesem Gefühl moralischer Überlegenheit leiteten sich ihr Führungsanspruch und die Hoffnung ab, das Land zu »rechristianisieren«; vom Demokratisieren, von den republikanischen Traditionen der deutschen Geschichte gar, war kaum die Rede.
Dabei schien das »Abendland«, das es am Beginn der fünfziger Jahre zu verteidigen galt, gleich von mehreren Seiten her bedroht: von der »Moderne« und der »Vermassung«, von der »Seelenlosigkeit« der Technik und der »Unsittlichkeit«, vom »grenzenlosen Individualismus« im Westen wie vom »Bolschewismus« im Osten.
- Datum 19.09.2009 - 16:19 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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Adenauer und sein Gefolge ließen die westdeutschen Konservativen nur so lange gewähren, wie deren Mitwirkung an der Festigung des amerikanischen Protektorates auf deutschem Boden erforderlich war. Die heute gesellschaftlich bedeutungslosen Konservativen wählen dennoch weiterhin die CDU.
Dietmar Süß liefert also keineswegs neue Erkenntnisse.
[entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew]
"Immerhin – der Ton, in dem der Kanzler das Ausland um Vertrauen bat, hatte etwas Beruhigendes nach all dem deutschen Gebrüll und Gebell der vorangegangenen tausend Jahre."
Tausend Jahre Gebrüll, sehr witzig. Für einen Historiker eine erstaunlich "objektive" Einlassung. Aber vielleicht muss man bei der Zeit zunächst einfach mal Farbe bekennen, bevor man mit seinem Artikel fortfahren darf. Und Deutschland ist also eine "selbstbewusste Republik"? Das ist auch eine interessante Erkenntnis; mancher würde behaupten, das Gegenteil sei der Fall. Wie wohl für den Autor eine Republik mit mangelndem Selbstbewusstsein aussieht? Ich bin ja neugierig.
Artikel:
"Gerade das humanistische Gymnasium galt als Ort der »besten« deutschen Tradition: Latein und Religion, Philosophie und Goethes Werk waren der Weg zu umfassender sittlicher Bildung, eine Möglichkeit, in unsicherer Zeit Halt zu gewinnen und einen Charakter auszuprägen, der sich nicht durch die moderne Welt verführen ließ."
Dazu:
"Das Hans-Carossa-Gymnasium (HCG) in Landshut ist ein sprachlich/humanistisches bzw. Europäisches Gymnasium. … Während des Nationalsozialismus wurde das Humanistische Gymnasium in Heinrich-Himmler-Gymnasium umbenannt, zu Ehren des ehemaligen Schülers."
http://de.wikipedia.org/w...
Also, wenn das humanistische Gymnasium so beschaffen gewesen wäre, wie es der Textauszug nahe legt, bleibt nur die kleine Frage, wie Heinrich Himmler zu dem werden konnte, was er wurde: ein menschliches Ungeheuer. Komisch, dass dieser Widerspruch damals bei der Verteidigung des humanistischen Gymnasiums niemand auffiel.
Frdl. Gruß
Pf.
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