Hinter Arba Minch gibt es keinen Asphalt mehr. Es gibt nicht einmal Straßen, es gibt Pisten. Ohne kreativen Fahrer ist man aufgeschmissen; er muss zwischen Felsbrocken und Flussläufen seinen Weg erfinden. Die Flüsse sind gewöhnlich vertrocknet. Manchmal existiert ein Rinnsal oder eine Pfütze, darin waschen sich die Menschen oder tränken ihr Vieh. Oft ist die Erde so trocken, dass ihr Staub sich auf Arme, Gesichter und die Blätter der Rizinussträucher legt. Am Westufer des an Krokodilen, Nilpferden und Pelikanen so reichen Chamo-Sees wachsen gewaltige Bananenstauden, und Abertausende Mangobäume tragen üppige Früchte, die von Kindern und Frauen am Wegesrand angeboten werden. Meist sind diese leidenschaftliche Verkäufer. Selten haben sie Erfolg.

Arba Minch ist das Tor in den kaum erschlossenen Süden Äthiopiens. Die orthodoxen Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten des Landes liegen alle im Norden. Der Süden gehört den urafrikanischen Stämmen, den Benna, Hammar, Karo, Geleb… Deren Riten, ihre Zeremonien und Tänze wollen deutsche Reiseveranstalter seit Kurzem Bildungstouristen nahebringen. Wossen, ein besonnener, schweigsamer junger Mann von großem Wuchs, wird bald Urlauber durch seine Heimat fahren. Mich bringt er ins Omo-Delta, in Richtung Südwesten, bis an die Grenze zu Kenia und Sudan. Ich will unbedingt einen Bullensprung miterleben, den okuli.

Hinter Arba Minch wird es immer heißer, aber wir halten die Fenster des tonnenschweren Geländewagens geschlossen, weil mit dem Staub auch Keime aufwirbeln. Kiesel schießen unter den Rädern hervor. Manchmal springen Paviane aus dem Gebüsch. Aus den Weilern rennen Kinder herbei. Sie pfeifen und winken und schreien: »Heiland! Heiland!« Sonst geschieht nichts.

Hinter Arba Minch wartet man manchmal vergebens auf Strom. Meist sind die Generatoren abgeschaltet, da sie mit Diesel betrieben werden und Diesel teuer ist. Um sechs wird es dunkel, danach leuchten nur noch der Mond und die Sterne. Um sechs wird es wieder hell, von da an sind die Leute unterwegs. Sie sitzen und gehen, dann sitzen sie wieder oder tragen Säcke oder treiben Tiere.

Die Weg windet sich wie bei einer Alpenüberquerung. Irgendwann nach den Gonso-Bergen kommt Keyafer, ein Nest, das »rote Erde« heißt. Ziegen streunen, Hunde schlafen, Schafe stieren. Hier bringt uns ein Mopedfahrer die lang ersehnte Nachricht: Gleich komme einer, der einen kenne, welcher wisse, wo am Abend der okuli eines Clans der Benna stattfinden werde. Er führe uns zu einem Dritten, der uns dorthin begleite.

Dieser Dritte klemmt sich dann hinter uns ins Auto. Er zeigt mit dem Finger den Weg an und spricht nur das Nötigste, man muss ihm vertrauen. Sein Schweigen endet, wo selbst der Landcruiser kapituliert. Wir marschieren eine halbe Stunde durch eine Gegend, die verblüffend an das Allgäu erinnert. Kühe glotzen, ein Bach plätschert, das Grün der Bäume und Sträucher changiert in hundert Nuancen und Schönheiten. Nur an die hummelartig heranschwirrenden Rieseninsekten muss man sich gewöhnen.

Um die Hüften der Benna-Frauen hängen Munitionsgürtel

Wenn die Männer der Benna Hände schütteln, wird nicht viel geredet. Ihr Händedruck ist überraschend lasch. Fast alle tragen eine alte Kalaschnikow, ein Symbol ihres Wohlstands. Ein Gewehr kostet einige Rinder. Rinder sind die Bezugsgröße für nahezu alles hier. Das ganze Stammesleben dreht sich um ihre Haltung, Vermehrung, Verteidigung. Ein Rind ist mehr wert als ein Mensch. Wegen Rinderdiebstahl brechen Kriege aus.