Also noch eine Ausstellung zur deutschen Kunst. Dieses Jahr, Superwahljahr, da Wiedervereinigung und Grundgesetz zu feiern sind, packt die Kunst die Gelegenheit beim Schopf, sich in Berlin mal wieder kräftig auf die Schulter zu klopfen. Nach 60 Jahre, 60 Werke, einer peinlichen Leistungsschau des alten Westdeutschlands im Gropius-Bau, hängen dieser Tage die Berlinische Galerie, die Berliner Akademie der Schönen Künste und das Deutsche Historische Museum Fotografien von fast allem in ihre Hallen, was in der jüngeren Vergangenheit zwischen Oder und Rhein nicht bei drei auf dem Baum war. Auch die Neue Nationalgalerie fragt in einer Einzelschau von Thomas Demand nun, was das Land im Innersten zusammenband. Und siehe da, der Künstler findet eine Antwort: Papierkleber. Hält das?

Demand macht Fotografien von Modellen, die Fotografien von Orten nachgebildet sind. Aus Pappe und Papier baut er in Lebensgröße nach, was er auf Presse- und privaten Bildern findet, fotografiert das Modell und entsorgt es danach. Für die Ausstellung hat er rund 40 Arbeiten ausgewählt, die deutsche Orte abbilden. Das reicht von seinem Kinderzimmer aus den sechziger Jahren über das Filmstudio von Was bin ich? mit Robert Lembke bis zu den verwüsteten Räumen der Stasi-Zentrale nach ihrer Erstürmung 1990. Dass die Aufnahmen nicht vom Originalort stammen, bemerkt man oft nur, weil alle Menschen und alle Schrift getilgt sind. Aber was heißt "Originalort"?

Haltestelle etwa gehört zu den neueren Arbeiten. Die Legende will es, dass Bill und Tom Kaulitz, die Frontleute der Band Tokio Hotel, dort einst auf den Schulbus gewartet haben. Sie wurde zu einer Pilgerstätte der Fans, bis Randalierer sie zerlegten. Die Stadtverwaltung hat, was übrig blieb, per eBay versteigert. Das Bushäuschen gibt es nicht mehr, wie auch die alte Bestuhlung des Reichstags oder die verwüstete Einrichtung jenes Raums in der Wolfschanze, den Hitler verließ, bevor die Bombe, die ihm galt, detonierte. Demand abstrahiert diese Räume und Gebäude, die wir nur noch von Fotos kennen. Er baut sie schließlich so nach, dass man erkennt, dass sie nicht einfach sind, sondern gemacht sind – durch die Wahl der Perspektive oder die Wahl des Augenblicks. Jeder Ort der deutschen Vergangenheit, ob das Kinderzimmer des Künstlers, ob die Badewanne, in der Uwe Barschel sein Ende fand, ist nichts als eine Konstruktion des fotografischen Gedächtnisses; zusammen fügen sie sich zur großen Nationalkonstruktion deutscher Geschichte.

Wenn überhaupt, dann kann man eine Ausstellung, die dem Nationalen gewidmet ist, nur so, als Nachdenken über die Möglichkeit eines Deutschlandbilds, konzipieren. Jeder Versuch, ein bestimmtes Deutschlandbild zu vermitteln, muss zwangsläufig scheitern, an der Willkür seiner Auswahl und der falschen Objektivität des fotografischen Blicks. Die Ausstellungsarchitektur der Nationalgalerie spielt gekonnt mit dieser These, befestigt die Bilder an Holzpaneelen, die sich als Pappkonstruktionen entpuppen, oder an Vorhängen, vor denen sie zu schweben scheinen. Die Galerie als Bühne, die das Land ständig neu inszeniert, Deutschland als Gardinenwunder.

Doch als hätte man – zu Unrecht! – befürchtet, dass Kleber und Pappe allein diese Nationalgalerie nicht zusammenhalten, hat man sich Verstärkung von Botho Strauß besorgt, der sich zu jedem Werk mal anekdotisch, mal geschichtsphilosophisch verbreitet. Das ist nicht nur kuratorisch unsinnig, weil es die Bilder vom hybriden Modell zum Stichwortgeber von Strauß’ platten Deutschlandthesen degradiert. Es ist auch politisch hanebüchen, dass hier einem Autor die Bühne bereitet wird, der die dumpfnationale Trommel rührt. Zum Bild der Wolfschanze fällt ihm ein: "Das Volk wurde nicht 'verführt' – es verführte seinen Verführer" und wurde so gleichsam "dazu verurteilt, in der Geschichte als Verbrecher, Wahnsinnige und Unmenschen zu enden".