Porträt Das Wirtschaftswunderkind

Dany Bahar, 36, hat eine rasante Karriere gemacht wie kaum ein anderer Manager seines Alters. Über sich reden wollte er nicht – bis jetzt

Es gibt Menschen, die sind überzeugt von dem Satz: Man kann entweder sehr mächtig sein oder sehr bekannt. Die beiden Männer, die sich am Münchner Flughafen in einer abgeschirmten Lounge trafen, hatten diese Haltung geradezu inhaliert. Ein alter Mann und ein junger Mann, die sich schon lange kennen. Der Flughafen passte als Treffpunkt auch symbolisch gut. Zu beiden gehört das Schnelle, das Flüchtige. Beide mögen es nicht, aufzufallen.

Der eine war Leo Kirch, der einstige Milliardär und Fernsehmogul. Ein Mann wie ein Mythos, als er ganz oben war, wurde spekuliert, welche Politiker von ihm bezahlt und dirigiert werden, bis hinauf zu seinem Freund und Kanzler Helmut Kohl. Er blieb im Verborgenen, gab nie Interviews, und das änderte sich auch nicht, als er stürzte und sein Imperium zerbröckelte. Zurück blieben die wütenden Prozesse gegen die Deutsche Bank und immer wieder mal das Gerücht, Leo Kirch plane ein Comeback, er wolle es noch einmal wissen.

Anzeige

Der andere Mann heißt Dany Bahar, von dem in diesem Text eine Nahaufnahme versucht wird. Er gilt als eines der Wunderkinder des internationalen Managements. Gewissermaßen aus dem Nichts aufgetaucht, wurde der damals Dreißigjährige blitzschnell der zweitmächtigste Mann im Red-Bull-Imperium des Milliardärs Dietrich Mateschitz. Als Bahar 2003 anfing, sagt er, lag der Jahresumsatz bei unter einer Milliarde Euro, wenige Jahre später sei er mehr als doppelt so hoch gewesen. Das Hochtreiben des Umsatzes: das Meisterstück einer jeden Managerkarriere. Als er Kirch traf, arbeitete Bahar noch bei Red Bull. Es wurde spekuliert, ob und wann er Mateschitz an der Spitze beerben würde. Bahar äußerte sich nicht, nicht dazu und zu gar nichts. Er gibt keine Interviews. Das blieb auch so, als er vor zwei Jahren auf der Karriereleiter weiterkletterte. Er wechselte zu Ferrari, wurde dort der starke Mann des Konzerns, gleich hinter der Führungslegende Luca di Montezemolo. Und wieder wurde spekuliert: Wie weit geht es mit diesem Mann noch nach oben?

Wenn man so will, ist da im Münchner Flughafen die Begegnung zweier Mythen zu beobachten, eines zu Ende gehenden und eines vielleicht beginnenden. Kirch verkörpert Vergangenheit, deutsche Nachkriegsgeschichte, großen Aufstieg, großen Fall. Am Beispiel Dany Bahars lässt sich die Frage stellen, inwieweit der Erfolg im modernen Management geschichts- und geschichtentauglich ist. Biografisch gibt sein Leben eine Menge her, davon wird noch die Rede sein. Und seine Wirtschaftsphilosophie? Man kann sie auf ein Wort reduzieren: Marke. Was dient der Marke? Wie kann man alles auf sie einschwören? Wie kann man sie ausweiten? Und schließlich die Welt erobern? Die Marke als wichtigster Pfad durch den Dschungel der Weltwirtschaft. Eine Idee, die funktionierte im globalisierten Boom der letzten Jahre. Bahar schoss in der Zeit des Aufschwungs nach oben. Aber nun in der Krise? Das schöne Wetter ist vorbei. Was halten Wunderkinder aus, wenn Gewitterstürme toben?

Um es vorwegzunehmen: Dany Bahar zieht mitten in diesen Stürmen, schneller als von allen erwartet, schon wieder weiter, er verlässt Ferrari noch in diesem September – und geht nach Norwich im Osten Großbritanniens. Er wird im Oktober Geschäftsführer und Anteilseigner der britischen Firma Lotus – wieder eine Autofirma, diesmal mit rund 1500 Mitarbeitern. War mal eine legendäre Marke, lange her. Man kann sagen: eine mutige Entscheidung. Während anderswo die Autokonzerne reihenweise zusammenkrachen, steigt Bahar mit eigenem Geld genau in diese Branche ein. Man kann auch sagen: Reist da einer ein bisschen schnell durch das internationale Topbusiness?

Rückblick. Leo Kirch war Stammgast in einem schönen Hotel in einem Schweizer Skidorf gewesen, er verbrachte dort zu Füßen des Berges Corvatsch seine Ferien. Hier begegnete er Urlaub für Urlaub einem aufgeweckten Jungen, der damals noch den ersten Vornamen Taner trug, sein zweiter Vorname Dany wurde erst später die Nummer eins. Der Junge gehörte sozusagen zum Inventar, denn sein Vater, ein Slowene, war Verwaltungschef des Hotels, und auch seine Mutter, eine Türkin, arbeitete dort. Der Junge mochte Kirch sehr.

Kirch hatte natürlich den Aufstieg des Hoteljungen verfolgt. Und das Treffen am Flughafen war eine Art Hilferuf: Konnte ihm vielleicht der kleine Bahar, mit dem mächtigen Konzern Red Bull im Kreuz, zum Comeback verhelfen? Nein, konnte er nicht. Es gab Gespräche mit Anwälten, Papiere und Konzepte wurden gesichtet. Bahar sagt, er habe den Eindruck gehabt, dass es Kirch auch gesundheitlich nicht gut gehe. Es habe ihm leid getan, sagt er, aber er habe keine Möglichkeit zu einem Geschäft gesehen.

Leser-Kommentare
  1. Leider musste ich den Artikel abbrechen. Der Text ist nett und journalistisch, genüsslich verfasst, das bezweifle ich nicht. Doch mich langweilt er, außerdem habe ich eine nette Beobachtung gemacht.

    Erst dachte ich: Ich lese eine weitere Geschichte über einen Aufsteiger der Wirtschaft oder Politik oder Technik, der mit Mythen und Fremdschämen würfelt. Nach Jahren geht mir so eine Anbetung hehrer Ziele und Veranlagungen erfolgreicher Unternehmer etwas ab. Sie ist in etwa so aufregend wie die wöchentliche Berichterstattung über das gesundheitliche Wohlergehen eines Steve Jobs. Was die Wirtschaftswundermänner betrifft, staune ich, wie eintönig und immergleich diese Leben verlaufen - und wie groß die Anbetung der Angestellten ist, die sich in ihrem Orbit auftun. Ich denke auch an Journalisten, die ich hier begreife als Angestellte der Öffentlichkeit (ohne Chance auf Öffentlichkeitswunder).

    Dann stellte ich außerdem fest: Einer Zeitung gelingt es anscheinend mit wenigen narrativen Kniffen eine unbekannte Person zu einem - gern umstrittenen - Helden zu stilisieren. Eine Person, sein öffentliches Bild, wird mit epischen Mitteln auratisiert und heroisiert: notfalls stampft man ihn gegen seinen Willen aus dem Boden. Darin liegt zweifelsohne die phantastische Kraft von Massenmedien wie Die Zeit.

    • F Holm
    • 23.09.2009 um 2:39 Uhr

    Guter Artikel, im Gegensatz zu Kommentar 1 habe ich diesen Artikel zu Ende gelesen und halte ihn für interessant. Was mir gefällt, ist die Einsicht in das Leben eines erfolgreichen Jungunternehmers, Marke Wirtschaftswunder. Karrieretrieb, Getragen von der Wirtschaftslage, Familienabkopplung, Vereinsamung ("keine Freunde").

  2. Ist nicht das höchste Gut der Welt einfach nur Zeit? Einfach Zeit zu haben um auszuschlafen, einen Waldspaziergang zu machen, Essen zu machen, einfach vor sich hinträumen?

    So wie man ein Recht auf Arbeit hat, so sollte es ein Recht auf Nichtstun geben. Dann wären wir eine wirklich reiche Gesellschaft. Die Karriere von Herrn Bahar finde ich ohne einen Anflug von Neid eher abstoßend. Zeit ist unbezahlbar!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, Zeit allein ist nicht das höchste Gut der Welt - sonst wären Arbeitslose wohl eine sehr glückliche Gruppe von Menschen.

    Außerdem: Was hält dich denn davon ab, nichts zu tun?

    Nein, Zeit allein ist nicht das höchste Gut der Welt - sonst wären Arbeitslose wohl eine sehr glückliche Gruppe von Menschen.

    Außerdem: Was hält dich denn davon ab, nichts zu tun?

  3. 4. Zeit

    Nein, Zeit allein ist nicht das höchste Gut der Welt - sonst wären Arbeitslose wohl eine sehr glückliche Gruppe von Menschen.

    Außerdem: Was hält dich denn davon ab, nichts zu tun?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service