Schweiz Selbstachtung 2009Seite 3/3

Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist. Wenigstens hat die Schweiz das Problem nicht mehr, vor dem sie Keller 1862 noch glaubte warnen zu müssen: sich auf dem Lorbeer auszuruhen, den ihr andere spenden. Die immer noch reiche Schweiz erlebt etwas, was sie sich nicht leisten kann: Isolation. Die Rechthaberei der Glücklichen, an denen Krieg und Elend ohne eigenes Verdienst vorübergegangen sind, schlägt auf sie selbst zurück. Ob es uns passt oder nicht: Jetzt sind wir dabei – nur nicht in bester Form und unverhofft einsam. In unserem Selbstverständnis hat sich eine Lücke geöffnet, durch welche eine unverstandene Welt verdächtig mühelos einbricht, ohne einer soliden Selbstachtung zu begegnen. Die alten Grenzbefestigungen waren schon lange brüchiger, als ihre Verteidiger wissen wollten. Dass das Land sich 1992 gegen die EU so dicht wie möglich gemacht hat, war ein Fehler – was in der Politik bekanntlich schlimmer ist als ein Verbrechen. Ein paar Dutzend bilaterale Verträge sind, bei aller nötigen Pfiffigkeit, kein Ersatz für ehrliche Teilnahme und ehrenhafte Beteiligung. Aber selbst wenn wir uns in Gottes Namen wieder einmal zu einer Konzession herbeilassen – der Name Gottes verfolgt uns noch auf dieser Schwundstufe der Politik.

Der Verfasser des Bettagsmandats hatte einem persönlichen Gott abgesagt – für das Gemeinwesen konnte er ihn nicht entbehren. Die Fragen, die er diesem stellte, und die Frage, in die er es stellte, benötigten eine vertikale Achse der Verbindlichkeit, die er keiner »Wertediskussion« ausliefern wollte. Aber der Himmel, an dem dieses Lot hängt, ist kein Jenseits. Nur gerade die Wahrheit ist allgemein genug, die der Verallgemeinerung widersteht und sich der Sublimierung ins Religiöse verweigert. Eine solche Betrachtung weist nicht auf diese oder jene Gesetzeslücke hin; sie zielt auf die Lückenhaftigkeit auch des besten Gesetzes. Diese Lücke ist der Einzelfall (»Was ist das Allgemeinste? Der einzelne Fall«, heißt es beim alten Goethe), und in diese Lücke springt wiederum nur der einzelne Mensch. Aber das tut er in einem Gemeinwesen, das seinen Namen verdient, nicht aus Mitleid, sondern aus Selbstachtung; als bürgerlich Betroffener, als Citoyen.

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Darum ist für mich die bewegendste Stelle des Bettagsmandats diejenige, wo es der Selbstmörder gedenkt. Keller betrachtet sie nicht als statistische Größen. Jeder Einzelne war ein Armutszeugnis für die Tragfähigkeit der Gesellschaft: »Nie haben die klaren Fluten unserer Seen und Ströme so oft die Opfer der Not in sich aufgenommen wie in diesem schwülen (…) Sommer.«

»Unbekannt, doch unvergessen«, lautet eine Grabinschrift auf dem Wiener Friedhof der Namenlosen. Logisch ist sie absurd. Politisch aber ist sie der springende Punkt, an dem der Gemeinsinn einer Gesellschaft gemessen wird. Aber dafür muss sie sich selbst bewegen. Vorstellungskraft ist kein Privileg der Dichter. Es ist die erste Bürgerpflicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Reaktionen, die diese Wortmeldung in der Schweiz auslöste können aug dem Blog "Beiz 2.0" gesammelt eingesehen und kommentiert werden
    http://beizzweinull.wordp...

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