Schweiz Mir nach!
Alle gehorchen ihm. Fast alle. Jetzt will Tourismuskönig Reto Gurtner den Gemeindepräsidenten von Flims loswerden
Ziegenbärtchen und Schnauz, um den Hals ein modischer Sommerschal: Reto Gurtner ist ein Ewigjunger. Der 54-Jährige erklärt im warmen Dialekt die Bergwelt: »Ob Bündnerfleisch oder Tourismus: Das Geschäft muss profitabel sein.« Seines ist es. Reto Gurtner formte die Wintersportorte Laax, Flims und Falera zum Snowboarder-Zentrum. Er ist Geschäftsleiter, Verwaltungsratspräsident und – mit seiner Familie – Mehrheitsaktionär der Weisse Arena Gruppe. Unter seiner Ägide wurde aus den Verkehrsvereinen eine Aktiengesellschaft.
Früh erkannte Gurtner, dieser Tausendsassa: Je mehr ich über den Gast weiß, desto besser kann ich ihn zufriedenstellen. In der Weissen Arena ist der gläserne Kunde Realität. Die Fachwelt feiert Gurtner, er selbst sieht sich auch als Visionär. »Wir haben von dem gelebt, was der Boden hergab. Wie die Indianer.« Und heute bildet eben der Tourismus die Existenzgrundlage in den Bergen, die Anbieter sind Großunternehmen. Gurtners Firma verfügt über rund 100 Quadratkilometer Land. 82 Millionen Franken setzte sie im Geschäftsjahr 2008/09 um. Zum Vergleich: Die Gemeinden Flims, Laax und Falera budgetieren mit insgesamt 39 Millionen Franken. Mit 1200 Arbeitsplätzen in der Wintersaison ist Gurtners Firma der größte Arbeitgeber der Region. Wenn andere sagen »man sollte«, macht er es einfach.
Das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in der Surselva ist eng. Der Unterländer spricht vom Alpenfilz. Der Bergler sagt: Wo Ressourcen rar sind, ist man aufeinander angewiesen. Damit tut sich Reto Gurtner schwer. Zu langsam, zu schwerfällig sind für ihn die Prozesse: »Wir haben eine Demokratie aus dem vorletzten Jahrhundert. Es herrscht eine Kumpel- und Klientelwirtschaft.« Dagegen rennt er an. Mal lustvoll, mal mit geballter Macht. Und so greift Gurtner, der in Flims lebt, jetzt ein bei den Kommunalwahlen vom 27. September. Offen unterstützt er den Sprengkandidaten fürs Gemeindepräsidium von Flims, Markus Salathé, Bautreuhänder mit Spezialgebiet Luxushotels, ein Zugezogener, der Ostschweizer Dialekt ist unüberhörbar. Schlechte Karten, würde man meinen. »Ich brauche die Unterstützung von Leuten, die in der Gemeinde aufgewachsen sind«, sagt Salathé. Er braucht also den Bergkönig und seine Entourage. »Für Herrn Gurtner zählt einzig meine Qualifikation.« Er pflege keine Geschäftsbeziehung mit ihm.
»Reto Gurtner sieht die Politik als ›quantité négligeable‹!«
Im »Schlössli« von Flims, Amtssitz von Gemeindepräsident Thomas Ragettli, »Doktor Ragettli«, wie ihn die Flimser nennen. Das Gebäude spiegelt das Selbstverständnis des 2800-Seelen-Dorfs wider: Man hat kein Gemeinde-, sondern ein Rathaus! Schließlich ist man wer. Kurort seit dem 19. Jahrhundert, 1945 erbaute man die erste kuppelbare Sesselbahn der Welt.
Reto Gurtner, ein Dorfkönig? Thomas Ragettli kann mit diesem Bild nichts anfangen: »Das ist eine Behauptung.« Allerdings macht es stutzig, wenn das lokale Gewerbe Gesprächsanfragen schriftlich beantwortet: »Leider kann ich Ihnen zur Person Reto Gurtner keine Auskünfte geben, da dies für mich eine sehr delikate Angelegenheit darstellt.« Man will die Geschäfte nicht gefährden. Ragettli winkt ab: »Es wäre vermessen, zu behaupten, Flims würde es ohne Bergbahnen nicht mehr geben.« Der Dorfvorsteher mit dem kaiserlichen Backenbart gibt den Staatsmann, alle seien sie hier aufeinander angewiesen, sagt er. Er plädiert für Rücksicht, Zurückhaltung und den freien Markt: »Man muss Wirtschaft und Politik trennen.« Schließlich ist er wie Gurtner in der FDP, das verpflichtet.
Aber was ist mit seinem überstürzten Rücktritt aus dem Verwaltungsrat der Weisse Arena Gruppe? Was mit den Wortgefechten, die er sich mit dem Tourismus-Tycoon in der Lokalpresse geliefert hat? Thomas Ragettli zaudert, dann bricht es aus ihm heraus: »Gurtner sieht die Politik als quantité négligeable!«
Der Streit entzündet sich an einer Luftseilbahn aus den fünfziger Jahren, die auf den Flimser Hausberg Cassons führt. Ein historisches Bijou, aber ein wirtschaftlicher Albtraum: defizitär und kaum benutzt – und wenn, dann höchstens von den wenig lukrativen Tagesgästen. Also beschloss Gurtner, im Sommer 2010, wenn die Konzession abläuft, werde der Betrieb eingestellt. Darauf trat Ragettli als Verwaltungsrat zurück.
Reto Gurtner hat die Zahlen und die Geschichte auf seiner Seite. Mitte der neunziger Jahre rettete er die Bergbahnen Flims vor dem Konkurs. »Finanziell hat uns die Übernahme um zehn Jahre zurückgeworfen«, sagt er. Doch heute lieben die Flimser ihre Bahn, man gründete einen Verein Pro Cassons, er hat schon 1000 Mitglieder. »Es zählt nur noch Geld, Geld, Geld«, heißt es in den Leserbriefen. 13,2 Millionen würde ein Ersatz kosten, zu viel für Gurtner, er will das Geld anderweitig investieren. Denn: »Das Heu muss der Kuh schmecken, nicht dem Bauern.«
Nur wird Politik von den »Bauern« gemacht, den Stimmbürgern. Gurtner weiß, dass er ohne sie nicht wirtschaften kann. So lagerte er die Beschneiungsinfrastruktur in eine nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft aus. Deren Eigner sind die Gemeinden Flims, Laax, Falera sowie die Weisse Arena Gruppe. Der Clou: Dank der vorzüglichen Bank-Ratings der Kommunen kommen die Bergbahnen zu billigem Geld. Hält man ihm versteckte Subventionswirtschaft vor, entgegnet er: »Wenn bei euch im Unterland der Staat Opernhäuser und Sportanlagen baut und unterhält, ist das ja auch in Ordnung.«
Bloß, wer öffentliche Gelder beansprucht, weckt Begehrlichkeiten. Zumal wenn sein Unternehmen die Steuern anderswo zahlt; Gurtners Firma sitzt in Laax. Gurtners Meinungsmacht in Flims ist also beschränkt.
Sein Resort in Laax ist der letzte Schritt zum totalen Wintersportort
Daran ändert auch der Erfolg seiner jüngsten Vision nichts – des Rockresorts in Laax. Die Appartementsiedlung gilt als Vorzeigeprojekt im Kampf gegen den alpinen Zweitwohnungsbau. Für Wohnungsbesitzer im Rockresort herrscht ein Vermietungszwang. Die Siedlung ist der letzte Schritt zum totalen Wintersportort. Ob der Gast Skier mietet, Snowboard fahren lernt, ein Schnitzel isst oder übernachtet: Die Weisse Arena AG profitiert davon.
Gurtners Kompetenz und sein Geld geben ihm Unabhängigkeit. »Als angestellter Kurdirektor hätte man mich längst zum Teufel gejagt«, sagt er. Seine Streitlust ist bekannt und bringt nicht nur seine PR-Frauen ins Schwitzen. Es bereitet dem studierten Ökonomen und Juristen Spaß, sich bei Gemeindeversammlungen Rededuelle zu liefern und sein Wissen auszuspielen. Zum Beispiel letzten Dezember, als die Flimser das Budget des Gemeinderats fast einstimmig zurückwiesen, die Höchststrafe für jeden Lokalpolitiker. Federführend dabei: Markus Salathé und Reto Gurtner. Sie monierten, die Pro-Kopf-Verschuldung sei viel zu hoch, ebenso die Steuern. Tatsächlich bezahlen die Laaxer ein Drittel weniger an den Fiskus. Missbraucht er bei solchen Vorstößen nicht seine Wirtschaftsmacht? »Gopferteli! Ich darf mich doch als Stimmbürger zu Wort melden.«
Also findet Gurtner: Flims braucht einen Finanzfachmann, Flims braucht Markus Salathé. Die Chancen seines Coups sind gut. Unter Druck geraten, verliert Amtsinhaber Ragettli die Nerven. Trotzig reagiert er auf die Kampfkandidatur, einer öffentlichen Debatte verweigert er sich. Von Komplott und Intrige ist die Rede. Plötzlich tauchen weitere Kandidaten auf. Ein Vorgänger Ragettlis und ein Schwingerclub-Präsident. Das Klima im Dorf scheint merklich kühler. Kandidat Salathé widerspricht: »Dass dicke Luft herrscht, behaupten nur Auswärtige und Journalisten.« Diese Lektion hat der Zugezogene bereits gelernt: Kritik aus dem Unterland nimmt man hier generell nicht wirklich ernst. In den Bergen macht man lieber seine eigenen Gesetze.
- Datum 17.09.2009 - 11:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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