Schweiz Mir nach!Seite 2/2

Reto Gurtner hat die Zahlen und die Geschichte auf seiner Seite. Mitte der neunziger Jahre rettete er die Bergbahnen Flims vor dem Konkurs. »Finanziell hat uns die Übernahme um zehn Jahre zurückgeworfen«, sagt er. Doch heute lieben die Flimser ihre Bahn, man gründete einen Verein Pro Cassons, er hat schon 1000 Mitglieder. »Es zählt nur noch Geld, Geld, Geld«, heißt es in den Leserbriefen. 13,2 Millionen würde ein Ersatz kosten, zu viel für Gurtner, er will das Geld anderweitig investieren. Denn: »Das Heu muss der Kuh schmecken, nicht dem Bauern.«

Nur wird Politik von den »Bauern« gemacht, den Stimmbürgern. Gurtner weiß, dass er ohne sie nicht wirtschaften kann. So lagerte er die Beschneiungsinfrastruktur in eine nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft aus. Deren Eigner sind die Gemeinden Flims, Laax, Falera sowie die Weisse Arena Gruppe. Der Clou: Dank der vorzüglichen Bank-Ratings der Kommunen kommen die Bergbahnen zu billigem Geld. Hält man ihm versteckte Subventionswirtschaft vor, entgegnet er: »Wenn bei euch im Unterland der Staat Opernhäuser und Sportanlagen baut und unterhält, ist das ja auch in Ordnung.«

Bloß, wer öffentliche Gelder beansprucht, weckt Begehrlichkeiten. Zumal wenn sein Unternehmen die Steuern anderswo zahlt; Gurtners Firma sitzt in Laax. Gurtners Meinungsmacht in Flims ist also beschränkt.

Sein Resort in Laax ist der letzte Schritt zum totalen Wintersportort

Daran ändert auch der Erfolg seiner jüngsten Vision nichts – des Rockresorts in Laax. Die Appartementsiedlung gilt als Vorzeigeprojekt im Kampf gegen den alpinen Zweitwohnungsbau. Für Wohnungsbesitzer im Rockresort herrscht ein Vermietungszwang. Die Siedlung ist der letzte Schritt zum totalen Wintersportort. Ob der Gast Skier mietet, Snowboard fahren lernt, ein Schnitzel isst oder übernachtet: Die Weisse Arena AG profitiert davon.

Gurtners Kompetenz und sein Geld geben ihm Unabhängigkeit. »Als angestellter Kurdirektor hätte man mich längst zum Teufel gejagt«, sagt er. Seine Streitlust ist bekannt und bringt nicht nur seine PR-Frauen ins Schwitzen. Es bereitet dem studierten Ökonomen und Juristen Spaß, sich bei Gemeindeversammlungen Rededuelle zu liefern und sein Wissen auszuspielen. Zum Beispiel letzten Dezember, als die Flimser das Budget des Gemeinderats fast einstimmig zurückwiesen, die Höchststrafe für jeden Lokalpolitiker. Federführend dabei: Markus Salathé und Reto Gurtner. Sie monierten, die Pro-Kopf-Verschuldung sei viel zu hoch, ebenso die Steuern. Tatsächlich bezahlen die Laaxer ein Drittel weniger an den Fiskus. Missbraucht er bei solchen Vorstößen nicht seine Wirtschaftsmacht? »Gopferteli! Ich darf mich doch als Stimmbürger zu Wort melden.«

Also findet Gurtner: Flims braucht einen Finanzfachmann, Flims braucht Markus Salathé. Die Chancen seines Coups sind gut. Unter Druck geraten, verliert Amtsinhaber Ragettli die Nerven. Trotzig reagiert er auf die Kampfkandidatur, einer öffentlichen Debatte verweigert er sich. Von Komplott und Intrige ist die Rede. Plötzlich tauchen weitere Kandidaten auf. Ein Vorgänger Ragettlis und ein Schwingerclub-Präsident. Das Klima im Dorf scheint merklich kühler. Kandidat Salathé widerspricht: »Dass dicke Luft herrscht, behaupten nur Auswärtige und Journalisten.« Diese Lektion hat der Zugezogene bereits gelernt: Kritik aus dem Unterland nimmt man hier generell nicht wirklich ernst. In den Bergen macht man lieber seine eigenen Gesetze.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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