MedizinDer Kassierer

Christoph Broelsch, der berühmte Chirurg aus Essen, steht von der kommenden Woche an vor Gericht. Er soll von Todkranken Geld gefordert haben, bevor er bereit war, sie zu operieren. Wer seinen Fall betrachtet, lernt die kriminelle Energie in Kliniken kennen. von Martina Keller

Im Mai vor sieben Jahren wird bei Wilhelm Kaufhold ein Leberkarzinom von der Größe eines Tennisballs festgestellt. Heilung? Aussichtslos, meinen die Ärzte des Kreiskrankenhauses, die den Rentner untersucht haben. Wenn überhaupt noch einer helfen könne, dann er, Professor Doktor Christoph Broelsch, Chefarzt am Universitätsklinikum Essen. Er, der von sieben europäischen Universitäten die Ehrendoktorwürde erhielt. Er, ein Weltstar der Leberchirurgie.

Wilhelm Kaufhold und seine Frau Johanna, die in Wirklichkeit anders heißen, vereinbaren einen Termin bei Broelsch in Essen, und der Arzt bestätigt den Befund: Krebs in fortgeschrittenem Stadium. Nein, erklärt Broelsch, heilen könne auch er den Rentner nicht, aber womöglich dessen Leben verlängern, das schon. Um ein Jahr. Doch das gelinge nur, wenn sich der Patient von ihm persönlich operieren lasse. Über die Alternative, von einem anderen Arzt operiert zu werden, sei nicht gesprochen worden, erinnert sich Johanna Kaufhold später.

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Ihr Mann habe sich dann erkundigt, wie viel die Behandlung kosten würde, und der Professor habe sinngemäß geantwortet: Mit Rechnung 14.000 Euro, ohne Rechnung 7000. Für die Kaufholds ein gewaltiger Betrag, sie müssen ein paar Tage lang darüber nachdenken. Am Ende, sagt Johanna Kaufhold, hätten sie sich dafür entschieden, bar zu zahlen, ohne Rechnung. Gewundert hätten sie sich über diese merkwürdige Zahlungsmethode schon. Die Sorge um Wilhelm Kaufholds Leben beherrschte jedoch die Gedanken des Paares, das seit 41 Jahren miteinander verheiratet war.

Am Tag, als ihr Mann zur Operation ins Krankenhaus musste, erinnert sich die 72-jährige Johanna Kaufhold, habe er der Sekretärin des Professors den Umschlag mit den 7000 Euro ausgehändigt. Das Geld sei in der Schublade eines Schreibtisches verschwunden. Broelsch habe ihrem Mann später eingeschärft, dass er auf keinen Fall gegenüber Ärzten, Krankenschwestern oder Patienten erwähnen dürfe, dass er Privatpatient des Professors sei.

Unmittelbar nach der Operation fällt Wilhelm Kaufhold ins Koma, er liegt da und regt sich nicht. 14 Tage später stirbt er auf der Intensivstation des Krankenhauses, Johanna Kaufmann sitzt an seinem Bett.

Kein Außenstehender hätte davon je erfahren, wenn sich nicht im Frühjahr 2007 ein ähnlicher Fall ereignet hätte, den der Sohn der Patientin über den WDR öffentlich macht. Daraufhin melden sich Dutzende Patienten und deren Angehörige bei der Essener Staatsanwaltschaft, auch Kaufholds Sohn zeigt Broelsch an. Die Polizei richtet die neunköpfige Ermittlungskommission Klinik ein, das private Haus, die Büros des Chefarztes und weitere Räume werden durchsucht. Polizisten stellen 50 große Pappkartons mit Aktenordnern und elektronischen Datenträgern sicher. Von diesem Moment an ist Christoph Broelsch ein Kriminalfall.

Im Oktober 2007 wird er von seinen Aufgaben in der Klinik suspendiert, seine leitende Oberärztin wird beurlaubt. Im November 2008 legen die Staatsanwälte eine 99-seitige Anklageschrift vor, im März 2009 eine zweite, noch einmal 80 Seiten. Von Montag der kommenden Woche an steht der Chirurg in Essen vor Gericht.

Sohn eines Pfarrers und praktizierender Christ

Die Ankläger werfen ihm Bestechlichkeit in 36 Fällen vor, in drei Fällen auch schweren Betrug von Patienten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft habe Broelsch wiederholt krebskranken Kassenpatienten zugesichert, sie persönlich zu operieren – wenn sie eine Spende auf ein Konto der Klinik überweisen würden.

Auf diesem Konto, auf das Broelsch persönlich Zugriff gehabt habe, seien Gelder für Forschung und Lehre verbucht worden. Mal war es eine 1000-Euro-Spende, mal 15.000. Alles in allem 185.000 Euro. In acht Fällen sollen todkranke Menschen wie Wilhelm Kaufhold zum Spenden aufgefordert worden sein. Die Patienten hofften verzweifelt, dass eine schnelle Behandlung ihnen Aufschub verschaffen könnte, dass sie noch ein wenig länger leben dürften, dass sie vielleicht sogar geheilt werden könnten.

Es geht außerdem um schweren Betrug an Privatpatienten, schweren Betrug an der Universitätsklinik Essen und um Steuerhinterziehung. Christoph Broelsch, der für die ZEIT nicht zu sprechen war, wird vor Gericht durch Rainer Hamm vertreten, einen der renommiertesten Strafverteidiger Deutschlands. Der Anwalt sagt, die Vorwürfe gegen Broelsch entbehrten »jeglicher Grundlage«.

Die von ihm eingeworbenen Spendengelder seien der Forschung zugutegekommen und damit letztlich den Patienten. Broelsch habe sich nicht persönlich bereichert, und in keinem Fall sei eine medizinisch notwendige Behandlung von einer Zahlung abhängig gemacht worden. Der Staatsanwalt sieht das anders. Er hat fast zwei Jahre lang Material gesammelt.

Ausgerechnet Christoph Broelsch. Sohn eines Pfarrers und praktizierender Christ, der die Bibel stets griffbereit auf seinem Schreibtisch im Essener Klinikum liegen hatte. Skatbruder und Operateur des verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau. Jahrelang befreundet mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der sich nach der Suspendierung Broelschs persönlich beim nordrhein-westfälischen Forschungsminister für ihn eingesetzt hatte.

Im Jahr 2004 bekam Broelsch das Bundesverdienstkreuz. Er habe, hieß es, den Ruf der deutschen Medizin im Ausland gestärkt. Schon im Alter von 40 Jahren arbeitete Broelsch als Abteilungsleiter an der renommierten Medical School der Universität von Chicago , ein solcher Aufstieg war nur wenigen deutschen Ärzten gelungen.

Er war Gastprofessor an der Universität in San Diego, dem Militärkrankenhaus in Riad, Saudi-Arabien, dem Universitätshospital in Mailand und der Chirurgischen Universität Pisa. Er operierte am israelischen Beilinson Medical Center nahe Tel Aviv und an der ägyptischen Ain-Shams-Universität in Kairo. Er half mit, Transplantationszentren in osteuropäischen Ländern aufzubauen, und setzte sich für einen Austausch von Doktoranden mit der als exzellent geltenden Wuhan-Universität im Osten Chinas ein.

Patienten, die im Flur vor Broelschs Zimmer in der Klinik warteten, blickten auf eine Wand voller Urkunden und Auszeichnungen. Auf einem Foto sieht man ihn im Jahr 1989 in Chicago. Broelsch im Chirurgenkittel neben einer Frau, die ihre kleine Tochter auf dem Schoß wiegt. Er hatte Alicia ein Stück Leber der Mutter eingesetzt. Die erste erfolgreiche Lebendspende einer Leber in der westlichen Welt, eine Sensation. Damals war es ein Experiment, heute ist es ein Standardverfahren. Dank Broelsch.

Leserkommentare
  1. die das "reformierte" Gesundheitssystem erst so richtig gefördert, nein, angeheizt hat! Aus Ärzten werden zunehmend Krämerseelen gemacht, weil die Budgetierung sie quasi dazu zwingt, um über die Runden zu kommen, mit ihren teuren Praxen und den Angestellten, die ja auch angemessen entlohnt sein wollen!

    Die eigentliche kriminelle Energie, respektive die Ursache von krimineller Energie bei unseren Medizinern, ist eindeutig in der Politik zu suchen und zu finden; Dort werden/wurden die Weichen gestellt, die unsere einst vertrauensvollen Ärzte zu IGeL(d) heischende Geldgeiern mutieren ließ.

    Im tatsächlichen Ergebnis sieht die letzte Gesundheitsreform doch so aus: Die höchsten Beiträge aller Zeiten für die geringsten (Gegen-)Leistungen aller Zeiten; eine äußerst unbefriedigende Sache, die da unter dem Deckmäntelchen "Reform" dem Wähler verkauft (im wahrsten Sinne des Wortes!) worden ist!

    Sowohl der gesetzlich versicherte Kassenpatient als auch der redliche Kassenarzt wurden verarscht und sind wieder einmal von der Politik mächtig in die Hose gekniffen!

    Man sollte einmal darüber abstimmen, ob nicht die Diäten unserer privat versicherten Abgeordneten budgetiert werden sollten, sodas die sich ebenfalls ein Zubrot dazu verdienen müssten, durch zusätzliche Leistung am Staat und seinen Bürgern (natürlich nicht, wie schon immer praktiziert, an ihrem spendenfreudigen Partei-Klientel!). Aber da wird wieder einmal klar erkennbar, warum es hierzulande die Volksabstimmung nicht gibt...

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    • mueger
    • 21. September 2009 12:33 Uhr

    Zitat:
    >> Eine kriminelle Energie,
    die das "reformierte" Gesundheitssystem erst so richtig gefördert, nein, angeheizt hat! Aus Ärzten werden zunehmend Krämerseelen gemacht, weil die Budgetierung sie quasi dazu zwingt, um über die Runden zu kommen, mit ihren teuren Praxen und den Angestellten, die ja auch angemessen entlohnt sein wollen![....]

    Die eigentliche kriminelle Energie, respektive die Ursache von krimineller Energie bei unseren Medizinern, ist eindeutig in der Politik zu suchen und zu finden;<<

    @KasperKlatsche:

    Was hat Ihr Kommentar mit dem Artikel über Professor Broelsch zu tun? Er ist kein niedergelassener Arzt, der Kosten für eine Praxis und Personal aufwenden muss und "gezwungen" ist, zur "Krämerseeele" zu werden, um "über die Runden zu kommen", sondern der Chefarzt einer Universitätsklinik.

    Aber Hauptsache, man hat mal wieder daruf hingewiesen, dass grundsätzlich die Politik für alle unanständigen Handlungen von Ärzten verantwortlich ist. Wir haben schließlich Wahlkampf.....

  2. ein Leistungsträger halt.

    Und "too big to fail" noch dazu.

    Seine Arbeit muß sich wieder lohnen.

    Er hätte in die Politik gehen sollen, dann hätte er noch weniger Probleme gehabt, sich durchzusetzen.

    • mueger
    • 21. September 2009 12:33 Uhr

    Zitat:
    >> Eine kriminelle Energie,
    die das "reformierte" Gesundheitssystem erst so richtig gefördert, nein, angeheizt hat! Aus Ärzten werden zunehmend Krämerseelen gemacht, weil die Budgetierung sie quasi dazu zwingt, um über die Runden zu kommen, mit ihren teuren Praxen und den Angestellten, die ja auch angemessen entlohnt sein wollen![....]

    Die eigentliche kriminelle Energie, respektive die Ursache von krimineller Energie bei unseren Medizinern, ist eindeutig in der Politik zu suchen und zu finden;<<

    @KasperKlatsche:

    Was hat Ihr Kommentar mit dem Artikel über Professor Broelsch zu tun? Er ist kein niedergelassener Arzt, der Kosten für eine Praxis und Personal aufwenden muss und "gezwungen" ist, zur "Krämerseeele" zu werden, um "über die Runden zu kommen", sondern der Chefarzt einer Universitätsklinik.

    Aber Hauptsache, man hat mal wieder daruf hingewiesen, dass grundsätzlich die Politik für alle unanständigen Handlungen von Ärzten verantwortlich ist. Wir haben schließlich Wahlkampf.....

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    dass diese Vorgehensweise des Prof. Broelsch bezeichnend ist für das was die Politik der letzten Jahre aus unserem guten Gesundheitswesen gemacht hat: Der Tanz um das goldene Kalb ersetzt zunehmend den Respekt vor dem einst geleisteten, hippokratischen Eid und dessen Würdigung.

    Diese von Ihnen gerade in Schutz genommene Politik hat zu einem kranken Gesundheitssystem geführt, dass offensichtlich immer weiter korrupt wird und sich genötigt fühlt, sich intensiv um einen existentiell notwendige Geldzufluss zu bemühen, um noch wirtschaftlich arbeiten zu können. Aus Medizinern sollen Ökonomen werden, die immer mehr der Wirtschaftlichkeit bei der Beurteilung, wem was zugute kommen soll, Rechnung tragen müssen: Geld vor Gesundheit, ist die politische Intention! Was bleibt da dem Arzt anders übrig, als sich andere Quellen zu erschließen? Und da bieten sich als erstes die, seitens der Politik völlig im Regen stehen gelassenen, Kassen-Patienten als relativ wehrlose Opfer an, die doch nichts anders wollen, als gesund zu werden und am Leben zu bleiben!?

    Die Politik spielt hier einfach mit der Angst der Menschen um ihr höchstes Gut und liefert sie kalt einem System aus, dass immer teurer wird, seine Ärzte immer schlechter bezahlt und den Patienten immer mehr beutelt und abverlangt!

    Und unsere feinen Abgeordneten, die vom Leder der Patienten Riemen schneiden? Die brauchen sich nicht weiter zu sorgen, schließlich sind die ja nicht Pflichtmitglied in der Kasse, sondern Privatpatient ;-)))

    • TDU
    • 21. September 2009 14:01 Uhr

    Spitzenkräfte, die selbst entscheiden, wie und zu welchen Bedingungen sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Keine Angst, das wird bald zu Ende sein. Dann werden Verwaltung und computergestütze Vorgänge das Sagen haben. Und ob das gerechter oder gar effezienter zugeht, wird sich zeigen.

    Was ihm wirklich vorgeworfen kann? Schwer zu beurteilen. Der Mangel an Beweisen ist beim ärztlichen Tun immer nur vorgeschoben, beim linken Demonstranten oder Kleinkrimellen immer Ausdruck von Wahrheit. Und das Geraune der Untergeordneten hier Verleumdung, da weil Arzt betroffen, Ausdruck von besonderem Sachverstand und muss deswegen richtig sein.

    Und natürlich: Gier und großer Verdienst als Quelle allen Übels. Der Nachweis, dass normal bis schlecht bezahlte Ärzte, belastet von Bürokratie und Verwaltungsträgheit in den Krankenhäusern mehr leisten würden, ist noch nicht erbracht.

  3. nicht ganz koscher ist, sieht man z.B. daran, daß plötzlich
    über das Einkommen radiologischer Chefgötter gemutmaßt wird,
    obwohl es hier doch um einen Lebendpräperator geht. Also wenn schon, hätten die Privatliquidationen chirurgischer Chefärzte interessiert.

    • klabout
    • 21. September 2009 19:17 Uhr

    Die metastasiernde Kommerzialisierung des Gesundheitswesens ist keine Erfindung der Ärzte sondern eine exklusive Kreation der sogenannten Gesundheitspolitiker.

    Auf ihrer heroischen Mission für Gleichheit und Gerechtigkeit haben sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

    Und auf dem Kamm der Flutwelle reiten Broelsch et al. ...

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